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Marburg Joachim Friedmann: Vom Comicautor zum Professor
Marburg Joachim Friedmann: Vom Comicautor zum Professor
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18:00 20.05.2022
Ein aktuelles Foto von Joachim Friedmann, jetzt Professor für Storytelling in Köln.
Ein aktuelles Foto von Joachim Friedmann, jetzt Professor für Storytelling in Köln. Quelle: Joachim Friedmann
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Marburg

Mit seinem nur leicht ergrauten charakteristischen Pilzkopf sticht der großgewachsene, schlanke Joachim Friedmann immer noch auf Anhieb aus jeder Menge heraus. Doch nicht nur seine Frisur ist seit Jahrzehnten im Grunde unverändert geblieben, sondern auch sein Musikgeschmack und sein Kleidungsstil sind im Prinzip noch genauso wie in seiner Jugendzeit. Das erzählt Friedmann im Gespräch mit der OP. „Im Grunde bin ich da ganz konservativ“, erzählt er im Gespräch mit der OP lachend.

Geboren wurde er als Sohn eines Deutschlektors der Universität Sapporo im Jahr 1966. Und die ersten fünf Jahre seines Lebens verbrachte er auch in der japanischen Stadt auf der Insel Hokkaido. Kurz bevor dort die Winterolympiade begann, verließ er mit seinen Eltern Japan Richtung Marburg, wo er aufwuchs und zur Schule ging. Der mittlerweile 55-Jährige hat schon vor rund 30 Jahren Marburg wieder verlassen.

An die Stadt, in der er aufgewachsen ist und seine prägenden Jahre verbracht hat, hat er aber immer noch die besten Erinnerungen. Wegen des besonderen intellektuellen Klimas sei das Leben in der kleinen Universitätsstadt bei aller Gemütlichkeit nicht zu provinziell gewesen, erzählt Friedmann. Im Gegensatz zum Leben in den großen Städten sei es in Marburg vergleichsweise einfach gewesen, auf kulturellem Gebiet etwas Einzigartiges zu schaffen, meint er im Nachhinein.

Joachim Friedmann (rechts) in seiner Marburger Zeit zusammen mit Henk Wyniger, der anderen Hälfte des damals erfolgreichen Comicduos. Privatfoto Quelle: Joachim Friedmann

Und das gelang Joachim Friedmann als Comicautor bereits in seiner Schülerzeit, zusammen mit dem Comiczeichner Henk Friedmann, mit dem er ein kongeniales Duo bildete. Nach ersten Anfängen, bei denen einige Comicstrips Mitte der 1980er Jahre auch auf der Jugendseite der Oberhessischen Presse abgedruckt wurden, wurde schließlich der Carlsen-Verlag auf die beiden Marburger aufmerksam. Es folgten mehrere Comicalben in dem Verlag, was einer Art Ritterschlag in der Comicszene gleichkam. Später durfte er sogar als einziger deutscher Autor die Texte für fünf deutsche Donald-Duck-Bände schreiben.

Mitte der 80er Jahre war Joachim Friedmann aber auch noch auf anderen Pfaden unterwegs. Zusammen mit Go Cziba, Michael Klawitter und Kalle Becker brachte er mit der Konzertreihe „The Sound of Independence“ den Kulturladen KFZ auf den Weg in die musikalische Moderne und holte anstelle von Folkgruppen nun auch Indie-Bands in die kleine Universitätsstadt, die sonst nur in den Clubs der Metropolen unterwegs waren.

Marburger Freunde im Comicformat: Die Zeichnung von Henk Wyniger zeigt unter anderem Joachim Friedmann (Zweiter von links) und Fiddy Bode (vorne rechts) bei der Hochzeit eines gemeinsamen Marburger Freundes in Indien. Quelle: Henk Wyniger

Die Zeit in Marburg sei auf jeden Fall am intensivsten gewesen, erzählt er. Mit Mitte 20 wurde die Universitätsstadt Friedmann aber allmählich zu klein. Nach dem Studium des Kulturmanagements in Hildesheim zog es ihn nach Berlin, wo er heute auch lebt. Trotzdem blieben einige seiner Marburger Freundschaften bis heute bestehen.

So trifft er sich beispielsweise immer noch gerne mit dem ehemaligen Basketball-Nationalspieler Henning Harnisch, der ebenso in Berlin lebt. Und beide haben im Gespräch auch schon mal erwogen, ob sie irgendwann nach dem Ende ihres Berufslebens wieder in ihre Heimatstadt zurückkehren. „Aber es hat sich in der Zwischenzeit sehr viel in Marburg verändert“, meint Friedmann. Und so war sein kurzzeitiger Ausflug in einen Facebook-Gesprächskreis zum Thema „Marburg“ wohl das Höchste der Gefühle, was er sich in Sachen Marburg-Nostalgie leistete.

Seinen etwas schrägen Musikgeschmack hat sich Friedmann zwar bis heute bewahrt. Gleichzeitig hat er aber auch als Drehbuchautor von bekannten TV-Serien von „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ bis hin zur „Lindenstraße“ seinen Mainstream-Geschmack ausgelebt. Dass er dabei immer wieder auch Szenerien und Typen aus der Marburger Subkultur mit einbaute, das hat ihm immer viel Spaß bereitet. Bei den Dreharbeiten zur TV-Sendung „Lindenstraße“ lernte er auch seine heutige Ehefrau kennen – die Schauspielerin Sibylle Waury, die Darstellerin der Tanja Schildknecht.

Joachim Friedmann Ende der 80er Jahre zusammen mit Dianne Wiegmann von der Band "Lemonbabies" im Backstage-Bereich des Kulturladens KFZ in Marburg. Privatfoto Quelle: Joachim Friedmann

Comicautor, Drehbuchschreiber und Autor von Computerspielen: Im wahrsten Sinne des Wortes ist Joachim Friedmann ein Multimedia-Talent. Und als solcher sei er bereits im OP-Artikel zur Präsentation des „Sound of Independence“-Teams treffend beschrieben worden, erläutert er lachend im Zoom-Gespräch. Das Schreiben von Comics sei auf jeden Fall eine wichtige Voraussetzung für seinen späteren Erfolg gewesen, zumal es damals in Deutschland noch keine geregelte Ausbildung für Drehbuch-Autoren gegeben habe.

Rastlos und vielseitig interessiert ist er immer noch. Ein Forschungsprojekt zum „African Storytelling“ oder eine „Game“-Konferenz: Das sind nur zwei der beruflichen Planungen, die Joachim Friedmann für die Zeit nach Corona hat.

Mittlerweile ist der Vater von zwei Töchtern selber Professor für Storytelling an der Internationalen Filmschule Köln. Stolzer noch als auf diesen Professorentitel ist er allerdings auf sein 2017 in der roten „utb“-Taschenbuchreihe erschienenes Buch „Storytelling: Einführung in Theorie und Praxis narrativer Gestaltung“, erläutert Friedmann. Schließlich verfasste er darin basierend auf seinen langjährigen Erfahrungen ein Standardwerk, das mittlerweile auch in der universitären Lehre zum Einsatz kommt und angehenden Schreibern erste Hilfestellungen gibt.

Frank Liers und Friedrich Bode erinnern sich

Ein ehemaliger Weggefährte von Joachim Friedmann war Frank Liers, der Mitte der 80er-Jahre nach Friedmann als Zivildienstleistender im Kulturladen KFZ arbeitete. Liers führte gleichzeitig im KFZ die Reihe „Sounds of Independence“ weiter, für die Joachim Friedmann die Pionierarbeit mit geleistet hatte. Über das gemeinsame Interesse für ähnliche Musik kamen die angehenden Musikmanager auch zu einer Freundschaft. „Wir haben nach den Konzerten immer noch zusammen Party gemacht“, erinnert sich Frank Liers. „Ich habe Joachim in dieser Zeit immer als einen freundlichen und herzlichen Menschen kennengelernt, der in der Musikszene gut verankert war“, erzählt er und fügt an: „Wir waren sofort auf einer Wellenlänge.“

Der Marburger Comicladen-Besitzer Friedrich Bode kennt Joachim Friedmann seit seinem ersten veröffentlichten Comic „Anamarama (Lais und Ben)“, der Anfang der 90er-Jahre veröffentlicht wurde. „Das Besondere war schon zur damaligen Zeit das Ökobewusstsein in der Geschichte, denn die wollten da den Urwald retten“, erzählt er im Gespräch mit der OP. Befragt zum Erzählstil des Comicautors Friedmann in diesem Fall sagt Bode, dass es eine „nett erzählte Action-Story“ sei.

Von Manfred Hitzeroth

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