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Marburg Es wird leise, und es wird grün
Marburg Es wird leise, und es wird grün
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18:00 26.07.2022
Eine mögliche Wohnformen in der Stadt im Jahr 2050: Haus mit Solarfassade und Begrünung.
Eine mögliche Wohnformen in der Stadt im Jahr 2050: Haus mit Solarfassade und Begrünung. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Die Hochhäuser, in denen sich unser Leben in der Zukunft abspielen wird, werden vor allem vernetzt, energieeffizient und optimal auf unsere Bedürfnisse angepasst sein. Diese Riesenstädte werden bestens überwacht, aber überraschenderweise sehr leise und auch sehr grün. Was Stadtbewohner in Zukunft erwartet, das sehen wir an den neuen Städten vom Reißbrett, die heute schon entstehen. Wie zum Beispiel Songdo in Südkorea.

Sieht so oder ähnlich auch die Zukunft von Marburg aus? Eher unwahrscheinlich. Denn es gibt auch andere Trends, erklärt Jürgen Rausch, Co-Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft Gewobau. Rausch hält eine Renaissance des Dorfes für möglich, begünstigt durch die Erfahrungen aus Corona: „Heutzutage können viele Arbeiten im Homeoffice erledigt werden“, sagt Rausch. In naher Zukunft werde es egal sein, ob das Homeoffice im Dorf oder in der Stadt steht. Anders gesagt, die Arbeit kommt zum Menschen, nicht umgekehrt.

Ähnlich sieht es auch der bekannte Freizeitforscher Horst Opaschowski. Er sagt, Homeoffice sei die neue Normalität im Berufsleben geworden. Auf längere Sicht werden die Strukturen der Arbeitswelt regelrecht umgekrempelt. Noch ist der Prozess voll im Gang. Und noch siedeln sich viele Firmen vor allem im urbanen Raum an. „In Deutschland haben die Metropolregionen wie Berlin, Hamburg, Köln, München und Frankfurt deshalb immer noch die größte Anziehungskraft“, sagt Rausch.

Folgenschwerer Trend

Ein Trend mit gravierenden Folgen. In den zurückliegenden zehn Jahren stiegen die Preise für Mieten und von Wohnungseigentum überproportional. Normalverdiener finden im Rhein-Main-Gebiet, wie auch in den anderen Metropolregionen, kaum noch bezahlbare Wohnungen. Das trägt wiederum dazu bei, dass kleinere Städte in der Nachbarschaft interessant werden. Ein Effekt, der dazu führt, dass auch Marburg wachsen wird. Die Gewobau geht von einem zusätzlichen Bedarf von 3500 Wohnungen bis 2030 aus. Planer gehen für Mittelhessen zwischen 2017 und 2035 von einer Verringerung der Bevölkerung um voraussichtlich 17000 Menschen aus. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sei ein Rückgang von 0,6 Prozent zu erwarten, die Universitätsstadt Marburg wächst nach diesen Prognosen hingegen zwischen 2017 und 2035 um 10,9 Prozent. Und sie alle werden eine Wohnung brauchen.

Wie aber werden wir in dieser Stadt leben? Die Visionen jedenfalls machen Mut. Auch Marburg wird leiser sein, Abgase wird es nicht mehr geben und unsere Umwelt nachhaltig geschont. Eine Blaupause geben die Pläne für die Bebauung des Hasenkopfes ab. Die neuen Gebäude werden überwiegend in klimafreundlicher Holzbauweise und mit hohem Isolationswert gefertigt. Zukunftsforscher formulieren als Ziel einen möglichst geringen CO2-Ausstoß zukünftiger Städte.

Weitere Zukunftsvisionen

Jeder Teil der städtischen Infrastruktur von der Ampel bis zur Schnellbahn liefert im Koreanischen Songdo eine Riesendatenmenge an eine zentrale Rechenzentrale. Außerdem laufen dort Wetterwerte und Videoaufzeichnungen aus jedem Winkel der Stadt dort ein. In der Rechenzentrale wird alles gesteuert – Transport, Energieversorgung, Beleuchtung. Alle Systeme sollen optimal aufeinander abgestimmt werden. Das Ziel: In einer Smart City sollen Ressourcen optimal genutzt werden.

Wir werden in der Stadt der Zukunft noch mehr mit der Gemeinschaft teilen. Selbstfahrende Elektroautos werden uns in einem Taxisystem transportieren. Kaum jemand wird noch ein eigenes Auto besitzen. Weniger Autos bedeuten weniger Abgase und freiwerdende Fläche.
Doch wir werden 2050 nicht nur Transportmittel und Gegenstände teilen, sondern auch Wohnraum, sagt Steffen Braun von der Morgenstadt-Initiative des Fraunhofer-Instituts in einem ntv-Interview. Er sagt, in engen urbanen Nachbarschaften werden in Zukunft Küchen gemeinschaftlich genutzt. Und die Zahl der Mehrgenerationenhäuser wird steigen.

Fischzucht in Tanks und Ökogemüse aus dem Gewächshaus: In der Stadt der Zukunft werden Lebensmittel in der Stadt angebaut. Weil dort der Platz knapp ist, wird es Landwirtschaft 3.0 geben. Auf Dächern, in öffentlichen Gebäuden und Parks wird Essbares angebaut werden. Stadtfarmen werden ganz alltäglich. Es gibt sie schon heute, zum Beispiel in Berlin.

Grün wächst in Zukunft auch vertikal: Vertikale Gärten sorgen in Hochhäusern für gute Raumluft, an Fassaden für Luftverbesserung oder frisches Gemüse.

Von Till Conrad

Die Vision für Marburg 2010

Vor mehr als 23 Jahren, im Juni 1999, hatten die Stadtplaner schon große Pläne mit dem Marburger Nordviertel. Stadtplaner Reinhold Kulle, so schrieb die OP damals, könne sich ziemlich genau vorstellen, wie in zehn Jahren das Sorgenkind Bahnhofsviertel in Marburg aussehen solle. „Im Idealfall wird sich die Stadt mit einem schmucken und modernen Bahnhof sowie einem ansehnlichen und verkehrsberuhigten Bahnhofsvorplatz präsentieren.

In den noch freiwerdenden Kliniken wohnen Menschen, die im Nordviertel bequem einkaufen gehen können, in Geschäften, die der Marburger Oberstadt keine Konkurrenz machen. Rund um den Hauptbahnhof siedelt sich Dienstleistungsgewerbe an, prognostizierte Kulle im Jahr 1999.