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Marburg Urteil: Offenes Naturell ist keine Anmache
Marburg Urteil: Offenes Naturell ist keine Anmache
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08:57 09.06.2020
Sie war geschockt über seine Frage. Er ist geschockt über die Verurteilung wegen sexueller Belästigung. Quelle: Arne Dedert/dpa/Archiv
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Marburg

40 Tagessätze zu je 20 Euro. So lautet das Urteil gegen einen jungen Mann, dem vor dem Marburger Amtsgericht zweifache sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde.

Das Urteil gilt als noch nicht angenommen. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch, und den möchte der Angeklagte wohl auch noch erreichen. Dabei ließ er sich auch darauf ein, dass er eine junge Frau, sprich die damalige Mitbewohnerin in der Dreier-Wohngemeinschaft im Nordkreis, bei einer bestimmten Gelegenheit umarmt und gefragt hat, ob sie mit ihm schlafen wolle.

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Wobei die Frage nicht mit diesen Worten gestellt wurde, sondern nur aus der direkten Situation heraus von der Frau so gedeutet werden musste. Er fragte sie, ob „sie Tennis mit ihm spielen wolle“, was angeblich ein Filmzitat sein soll und in diese Richtung zu deuten sei, gab der Mann an.

Die Frau, fest liiert, sagte entschieden „Nein“ und löste die einseitig erfolgte Umarmung auf. Zu dieser Szene soll es im Sommer 2018 in der Wohnung gekommen sein, während der dritte Mitbewohner, der zugleich Hauptmieter war, nicht zugegen war.

Frau kam bei einer Freundin unter

Trotz des „Neins“ soll es nur kurze Zeit später an diesem Tag zu einem erneuten Annäherungsversuch mit der „Tennis“-Frage des Mannes gekommen sein, wobei er der Frau, so ihre Aussage, an den Oberschenkel gefasst haben soll. Die Frau ging darauf in ihr Zimmer und informierte per Telefon den Mitbewohner und erzählte ihm unter Tränen, so die Aussage des Mitbewohners, was sich gerade zugetragen hatte.

Dann fasste sie den Entschluss, die Wohnung zu verlassen und kam noch am selben Tag bei einer Freundin unter. Über den Mitbewohner hatte der Angeklagte sofort erfahren, was er bei der Frau ausgelöst hatte. Der Mitbewohner gab vor Gericht die unmittelbaren Reaktionen wieder, die er über die direkten Telefonate erhalten hatte. Dabei beteuerte der Angeklagte, dass er nichts Schlimmes getan habe. Dennoch schrieb er der Frau per „Whatsapp“ eine Entschuldigung.

Mitbewohner bestätigt offene Art der Frau

Vor Gericht führte er aus, dass die Frau immer sehr offen und ihm zugewandt gewesen sei. Zu mehreren Gelegenheiten als der Mitbewohner nicht dagewesen sei, sei sie aus ihrem Zimmer gekommen, um seine Gesellschaft im Wohnzimmer zu suchen. Sie habe ihn mehrfach aufgefordert, mit ihr zu rauchen oder mal einen Wein zu trinken.

In der betreffenden Situation meinte er, dass sie ihm, dicht vor ihm stehend, sehr tief in die Augen geschaut habe und fühlte sich dadurch ermuntert zu seiner sexuellen Annäherung. Der Mitbewohner sagte aus, dass die Frau ein offenes Naturell habe, ihr Verhalten sich offensichtlich nicht von ihrem sonstigen unterschieden habe.

Angeklagter zeigte sich selbst an

Zudem habe sie einen engen Kontakt über soziale Medien zu ihrem Freund gepflegt, der zu dieser Zeit außer Landes war. Es sei allen klar gewesen, dass die beiden mehr sind als nur ein Paar auf Zeit, so der Mitbewohner. So seien die Fronten diesbezüglich eigentlich klar abgesteckt gewesen. Die Frau war über das Erlebte so geschockt, dass sie nicht nur die Wohnung verließ und ihren Auszug forcierte, sie zeigte ihren Mitbewohner schließlich auch bei der Polizei in Cölbe an.

Unabhängig davon wurde der Angeklagte am Tag, als sie die Anzeige in Cölbe gemacht hatte, bei der Polizei in Marburg vorstellig, um sich selbst anzuzeigen. Die Polizistin, die mit ihm sprach, hatte zu dieser Zeit keine Kenntnis von der Anzeige der Frau und berichtete als Zeugin vor Gericht, dass sie keinen Grund hatte, dem Mann nicht zu glauben, dass er Opfer eines Missverständnisses geworden sei. Erst als sie mit der Frau telefonieren wollte, erfuhr sie von ihr von der vorliegenden Anzeige.

Alle sind sich einig – bis auf den Angeklagten

Staatsanwältin Tina Grün zeigte sich noch während der Verhandlung bereit, die Sache über einen Strafbefehl abzuschließen. Dieser Vorschlag fand auch die Zustimmung des Verteidigers Thomas Strecker. Auch Richterin Sarah Knauf schien nicht abgeneigt, allein der Angeklagte wollte das nicht akzeptieren, weil er sich für unschuldig hielt.

Dass er einem Missverständnis aufgesessen sei, untermauerte er mit der Aussage, dass er schon tätig geworden war, seinen Auszug vorzubereiten, weil er mit wiederholenden Verhaltensweisen der Frau nicht zurechtgekommen sei. Richterin Knauf blieb indessen nichts anderes übrig, als die Fakten, die zum Teil vom Angeklagten bestätigt wurden, als sexuelle Belästigung zu werten.

Von Götz Schaub

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