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Marburg „Man ist dankbar, dass man nicht in dieser Zeit gelebt hat“
Marburg „Man ist dankbar, dass man nicht in dieser Zeit gelebt hat“
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08:58 24.05.2021
Die Marburger Kulturwissenschaftlerin Marita Metz-Becker.
Die Marburger Kulturwissenschaftlerin Marita Metz-Becker. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Wenn Mütter ihre Babys töten, muss die Verzweiflung groß sein. Im 18. und 19. Jahrhundert waren Kindstötungen aus purer Existenznot weit verbreitet. Die Marburger Kulturwissenschaftlerin Marita Metz-Becker hat sich 2016 in ihrem Buch „Gretchentragödien. Kindsmörderinnen im 19. Jahrhundert (1770 – 1870)“ mit dem Thema beschäftigt und im Hessischen Staatsarchiv recherchiert. Das Buch war schnell vergriffen. Jetzt gibt es eine Neuauflage – erschienen im Gießener Psychosozial-Verlag.

Die Professorin schildert in ihrem Buch, was eine ungewollte Schwangerschaft im 18. und 19. Jahrhundert bedeutete, in welchem gesellschaftlichen Klima Mütter zu Mörderinnen wurden. Mehr als 100 Schicksale hat sie im Staatsarchiv recherchiert, die Spuren dieser längst vergessenen Frauen der Nachwelt offengelegt. Es waren fast immer die Ärmsten der Armen, die ihre Kinder töteten, insbesondere Dienstmägde, die sich nach einer ungewollten Schwangerschaft im damals extrem rückständigen Hessen in einer für sie aussichtslosen Lage wiederfanden.

Marita Metz-Becker, die in Marburg auch das Haus der Romantik aufgebaut hat, schildert Schicksale wie das von Catharina Diensdorf, einer ledigen Dienstmagd aus Wehrda. Sie wurde 1865 zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie ihr neugeborenes Baby getötet haben soll. Sie war damals 36 Jahre alt. Es war ihr drittes Kind, das sie nie hätte versorgen können. Oder den Fall von Elisabeth Seibel aus Wetter. Auch sie war eine ledige Dienstmagd, auch sie hatte bereits zwei Kinder. Die Väter kümmerten sich nicht um die Kinder, zahlten keine Alimente. Elisabeth Seibel war 34 Jahre alt, als ihr Baby tot in der Wetschaft gefunden wurde. Sie lebte in einer Behausung, die laut Akten „den Anblick der tiefsten Armuth“ bot. Sie wurde am 13. Dezember 1858 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Dies sind nur zwei von mehr als 100 Schicksalen, die Matz-Becker den bis zu 600 Seiten dicken und schwer lesbaren Gerichtsakten entrissen hat. Kindsmorde waren im 18. und 19. Jahrhundert weit verbreitet. Es gab keine wirksamen Verhütungsmittel, Abtreibungen waren angesichts der medizinischen Kenntnisse in dieser Zeit undenkbar, uneheliche Geburten häufig.

Vor allem ledige Dienstmägde, die oft im Haus ihrer Arbeitgeber lebten, wussten oft keinen anderen Ausweg als die Tötung der Neugeborenen, denn eine Schwangerschaft war ein Grund für Kündigung, die wiederum oft gleichbedeutend mit Obdachlosigkeit und noch größerem Elend war.

Der Titel ihres Buches „Gretchentragödien“ spielt auf Goethes „Faust“ an. Das Thema Kindstötungen war im 18. und 19. Jahrhundert so virulent, dass sich Dramatiker, Dichter und Wissenschaftler wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe oder Jakob Michael Reinhold Lenz literarisch mit der Not der Frauen auseinandersetzten und Juristen, Pädagogen, Mediziner und Philosophen öffentliche Debatten führten.

Insbesondere die Aufklärer dieser Zeit prangerten die sozialen Verhältnisse an. „Die hohe Zahl der unehelichen Geburten hat ihren Grund in der zunehmenden Verelendung der Bauern dieser Zeit. Und die Ärmsten der Armen waren die Dienstmägde“, sagte die Autorin 2016 bei der Vorstellung der Erstausgabe. Sie hätten keine Chance gehabt, eigene Familien zu gründen.

Viele Frauen, die laut Aktenlage verurteilt wurden, seien schon älter gewesen, hätten oft bereits Kinder gehabt. „Für das erste Kind konnten sie oft noch jemanden finden, der es großzog. Beim zweiten oder dritten ging das nicht mehr, dafür reichte ihr karger Lohn nicht aus.“ Die Väter, meist ebenfalls mittellose Soldaten, Handwerker, setzten sich ab.

Marita Metz-Becker stach bei ihren Recherchen auch „die Hartherzigkeit der Obrigkeit“ ins Auge, insbesondere auch gegenüber den Kindern der verurteilten Frauen. „Es gab keinen Haft-Erlass oder gar eine Familienzusammenführung. Es war gnadenlos.“

Gnadenlos waren auch die Verhältnisse in den hessischen Gefängnissen. Zwar wurde die Todesstrafe für „Kindstötung“ nicht mehr ausgesprochen, doch eine lange Haft in feuchten, dunklen Verliesen war oft gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Metz-Becker: „Man ist dankbar, dass man nicht in dieser Zeit gelebt hat.“

Marita Metz-Becker: „Gretchentragödien. Kindsmörderinnen im 19. Jahrhundert“, Psychosozial-Verlag, Gießen 2021, 254 Seiten, 24,90 Euro.

Von Uwe Badouin