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Marburg Malender Mediziner porträtierte Professoren
Marburg Malender Mediziner porträtierte Professoren
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12:59 22.11.2020
Ludwig Justis zeichnerische Darstellung von Gebäuden an der Straße „Am Renthof“. Quelle: Staatsarchiv Marburg
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Marburg

Der emeritierte Marburger Medizinhistoriker Professor Gerhard Aumüller ist regelrecht begeistert von den Zeichnungen eines Marburger Mediziners aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Rede ist von dem 1840 geborenen Dr. Ludwig Justi, der vor 100 Jahren – am 25. Mai 1920 – in Marburg starb.

Im Zuge von Recherchen für einen Vortrag über den Marburger Mediziner Carl Friedrich Heusinger stieß Aumüller im Marburger Staatsarchiv auf die Studienbücher von Ludwig Justi. Schon in seinen Vorlesungsmitschriften an der Marburger Universität zeichnete er Porträts der Professoren, deren Vorlesungen er hörte.

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Aber neben vielen Marburger Professoren finden sich auch Zeichnungen von berühmten deutschen Medizinern wie beispielsweise Rudolf Virchow in Justis Nachlass, erläutert Aumüller im Gespräch mit der OP. Denn auch aus der Zeit nach seinem Staatsexamen und der Approbation als Arzt im Jahr 1868 existieren noch zahlreiche Zeichnungen, die er bei Fortbildungen in Berlin oder Wien anfertigte. Doch nicht nur Professoren verewigte Ludwig Justi, sondern auch Bilder von besonderen Typen fanden Eingang in sein zeichnerisches Œuvre.

Dabei waren es besonders Bleistiftzeichnungen, in denen er brillierte. Vor allem ein Talent zur Karikatur stellen ihm Aumüller sowie die Marburger Kunsthistorikerin Dr. Jutta Schuchard aus. „Häufig stellte er Personen in charakteristischen Posen und Situationen dar, die auf humorvolle Weise die Eigenheiten und das Äußere als Spiegel des Inneren hervorkehrten“, meint Aumüller.

„Herold Prof. d. Zoologie in Marburg“ lautet die Bildunterschrift dieser Zeichnung Justis. Quelle: privat

Beispielsweise zeichnete er unter dem Titel „Homo studens“ das Porträt eines typischen Studenten, der an einer mehrstieligen, überdimensionalen Pfeife zieht. Anhand der Schärpen und dazugehörigen Erläuterungen wird deutlich, dass es sich um das Porträt eines Burschenschaftlers handeln soll.

Ludwig Justi gehörte zu einer alteingesessenen Marburger Gelehrtenfamilie. So war beispielsweise sein Großvater Karl Wilhelm Justi ein bedeutendes Mitglied der Philosophischen und der Theologischen Fakultät. Aber auch Ludwigs Brüder Carl Justi (1832–1912), Professor für Archäologie und Kunstgeschichte in Bonn, sowie Ferdinand Justi (1837–1907), Professor für vergleichende Sprachwissenschaft und Ethnologe in Marburg, sind noch bis heute bekannt.

Dass ein Mediziner gleichzeitig so ein großes künstlerisches Talent an den Tag legte, war auch im 19. Jahrhundert eher ungewöhnlich. Allerdings lag dieses Talent bei den Justis in der Familie, wie zum Beispiel die Trachtenzeichnungen seines berühmteren Bruders Ferdinand zeigen.

Ludwig Justi im Jahr 1871. Quelle: privat

Geboren am 10. Mai 1840 als Sohn des Pfarrers an der Lutherischen Pfarrkirche, Wilhelm Justi und seiner Ehefrau Friederike Ruppersberg, besuchte Ludwig Justi als Junge zunächst die Stadtschule, anschließend das „Kurfürstliche Gymnasium“, das er Ostern 1860 mit dem Abitur verließ. Nach der ärztlichen Ausbildung war er anfangs Gehülfsarzt in der chirurgischen Abteilung des Landkrankenhauses in Marburg und Arzt am Amtsgericht in Wetter. 1870 ließ er sich dann als praktischer Arzt in Marburg nieder.

Schon aus der Kinderzeit haben sich reizende kolorierte Bilder von Ludwig Justi von Vögeln und Käfern erhalten, aber auch Bleistiftzeichnungen seines Zimmers im „Kerner“, wo die Familie wohnte. Bleistiftzeichnungen blieben das bevorzugte Medium seiner Beobachtungen der Umwelt.

Vor allem aus seiner Studienzeit und den darauffolgenden Jahren haben sich Hunderte Zeichnungen erhalten, deren Themen ein interessantes und bisher kaum dokumentiertes Bild vom Leben in Marburg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen. Neben nicht mehr existierenden Häusern und Bauensembles sind es vor allem Personen, die in oft karikierender Weise erfasst werden, fast immer Männer.

Ein typischer Marburger Student? „Homo studens“: So nannte der zeichnende Mediziner Dr. Ludwig Justi diese Zeichnung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Quelle: Staatsarchiv Marburg

Wirtshausszenen wechseln ab mit Landschaftsbildern aus der Umgebung Marburgs bis hin zu Rhön, Ereignisse wie der Sturmschaden am Spiegelslust-Turm 1876 wurden festgehalten, aber auch charakteristische Zeichnungen von Hospitalinsassen in Haina sind ebenso zu finden wie die Darstellungen der letzten Hinrichtung durch einen Scharfrichter 1864 auf dem Rabenstein oder Marktfrauen aus der Schwalm.

Die bildnerische Qualität der Darstellungen wird in einem Gemeinschaftsprojekt von der Kunsthistorikerin Jutta Schuchard in Kooperation mit dem Institut für Bildende Kunst bearbeitet, und die Kontextualisierung der verschiedenen Sujets übernimmt der Kulturwissenschaftler S. Becker.

In einem übergreifenden Forschungsprojekt wollen die Medizinhistoriker Professor Aumüller und Professorin Irmtraut Sahmland zusammen mit zwei Kollegen von der Charité Berlin die Professoren-Darstellungen auswerten.

Von Manfred Hitzeroth