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Marburg Mahnmal für Opfer von Rassismus beschädigt
Marburg Mahnmal für Opfer von Rassismus beschädigt
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10:00 11.02.2022
Am Mahnmal für die Opfer des Anschlags von Hanau am Friedrichsplatz in Marburg wurde eine Gedenktafel zerstört.
Am Mahnmal für die Opfer des Anschlags von Hanau am Friedrichsplatz in Marburg wurde eine Gedenktafel zerstört. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Kurz vor dem zweiten Jahrestag des rassistischen Anschlags von Hanau ist das den Opfern gewidmete Mahnmal „Memoria“ am Marburger Friedrichsplatz beschädigt worden. Hinweise auf den oder die Täter gibt es bislang noch nicht, doch die Initiatoren sind überzeugt, dass es ein gezielter Angriff aus rassistischer Motivation war. „Bereits zum dritten Mal in seiner einjährigen Geschichte wurde das Mahnmal für alle Opfer von rassistischer Gewalt am Friedrichsplatz angegriffen und beschädigt“, schrieb die Plattform Solidarität Simdi in einer Mitteilung. „Dabei muss von einem rassistischen Motiv ausgegangen werden!“

Das aus stilisierten schwarzen Fahnen bestehende Mahnmal war vor einem Jahr anlässlich einer Kundgebung zum ersten Jahrestag des Attentats von Hanau aufgestellt worden. Gestaltet hat es der Marburger Künstler Alexeir Diaz Bravo. Er stellte am Mittwoch auch fest, dass das Mahnmal beschädigt war: Eine Gedenkplakette war entfernt worden, die Steinplatte ist massiv beschädigt. „Das kann man nicht einfach mit dem Fuß oder mit der Hand machen“, sagte Eren Gültekin, Sprecher der Plattform Solidarität Simdi und Vorstandsmitglied der DIDF-Jugend, der OP. „Das geht nur mit Gewalt.“ Gültekin schloss deshalb aus, dass jemand das Mahnmal versehentlich beschädigt haben könnte: „Es ist zum dritten Mal zerstört – das ist kein Zufall.“

Spies: Brutale Beschädigung beleidigt uns alle

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) verurteilte die Beschädigung des Mahnmals scharf. „Die brutale Beschädigung eines Mahnmals, das an die Opfer des feigen Mordanschlags von Hanau erinnert, beleidigt uns alle“, teilte er auf OP-Anfrage mit. „Unsere ganze Solidarität gilt den Menschen, die zum Teil täglich rassistische oder antisemitische Anfeindungen, leider auch immer noch in unserer Stadt, erfahren.“ In Marburg sei kein Platz für Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie oder jede andere Form gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. „Wir stehen uneingeschränkt an der Seite von Opfern rechtsextremistischer Gewalt, wir als Stadtgesellschaft und ich als Oberbürgermeister ganz persönlich“, betonte Spies.

„Wir denken, dass dieses Mahnmal Rassisten ein Dorn im Auge ist“, sagte Gültekin. Auch die Plakate, mit denen ein Bündnis von 35 Organisationen zu einer Demonstration am 19. Februar aufruft, seien an vielen Stellen in der Stadt zerstört worden.

Am 19. Februar 2020 hatte in Hanau ein 43-jähriger Deutscher neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet. Danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Aus dem Protest gegen rassistische Gewalt entstand in Marburg die Plattform Solidarität Simdi. Sie engagiert sich für den gesellschaftlichen Kampf gegen Rassismus und forderte ein Mahnmal für die Opfer. Vor knapp einem Jahr, am ersten Jahrestag des Anschlags, wurde das privat initiierte Mahnmal am Friedrichsplatz enthüllt. Schon wenige Wochen später wurde das gesamte Kunstwerk vom Sockel gerissen. Im Mai wurden die Flaggen des Mahnmals beschädigt. Nun wurde es zum dritten Mal beschädigt. „Diese rassistische Zerstörung muss Konsequenzen haben und zeigt wieder einmal, wie wichtig der Kampf gegen Rassismus in unserer Gesellschaft ist!“, schrieb die Plattform Simdi.

Simdi fordert seit langem, dass die Stadt sich um das Mahnmal kümmert, so wie sie es bei anderen Denkmälern auch tut. „Unser Mahnmal braucht auch die Pflege und den Blick darauf, wir müssen das immer noch als Privatleute machen“, sagte Gültekin. Oberbürgermeister Spies erklärte dazu, die Stadt befinde sich seit Längerem in Kontakt mit beteiligten Gruppen, um zu prüfen, wo und wie das Mahnmal einen dauerhaften und sicheren Platz finden könne. „Dazu gehören auch sehr komplexe denkmalschutzrechtliche und haftungsrechtliche Fragestellungen, weswegen dieser Prozess leider einiges an Zeit in Anspruch genommen hat“, sagte er.

Stadt wendet sich an die Staatsanwaltschaft

Bei der Marburger Polizei lag am Donnerstagvormittag noch keine Anzeige wegen der Beschädigung des Mahnmals vor, es habe allerdings schon einen Anruf deswegen gegeben, berichtete Polizeisprecherin Yasmine Hirsch auf OP-Anfrage. Spies erklärte am Nachmittag, die Stadt habe die Staatsanwaltschaft gebeten, der Beschädigung nachzugehen und die Hinweise auf rechtsextreme Motive ernst zu nehmen. „Darüber hinaus haben wir auch den Künstler gebeten, selbst Anzeige auf Grund von Sachbeschädigung zu erstatten“, sagte Spies.

„Der erneute Zerstörungsakt zeigt nur noch mehr die Notwendigkeit für antirassistische Organisation und Arbeit in Marburg“, heißt es in der Mitteilung von Simdi weiter. Man sei deshalb „umso entschlossener“, am Jahrestag des Anschlags auf die Straße zu gehen.

Die Demonstration beginnt am Samstag, 19. Februar, um 14 Uhr am Mahnmal „Memoria – für alle Opfer rassistischer Gewalt” (Friedrichsplatz). Um 15 Uhr ist eine Abschlusskundgebung am Erwin-Piscator-Haus vorgesehen.

Von Stefan Dietrich