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Marburg Magistrat schlägt vor: Gewerbe-Vorranggebiet bei Moischt nach Südosten verschieben
Marburg Magistrat schlägt vor: Gewerbe-Vorranggebiet bei Moischt nach Südosten verschieben
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19:49 09.03.2022
Themenfoto: Die Stadt Marburg reagiert auf den Entwurf des Regionalplans: Der Magistrat schlägt unter anderem eine Reduzierung der möglichen Siedlungsflächen vor.
Themenfoto: Die Stadt Marburg reagiert auf den Entwurf des Regionalplans: Der Magistrat schlägt unter anderem eine Reduzierung der möglichen Siedlungsflächen vor. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Weniger Siedlungsflächen, eine Verschiebung des Gewerbe-Vorranggebiets bei Moischt nach Südosten und die Aufnahme eines möglichen Gewerbegebietes bei Gisselberg: Mit diesen Vorschlägen an das Regierungspräsidium reagiert der Magistrat auf den Entwurf des neuen Regionalplans Mittelhessen. Das geht aus der Beschlussempfehlung für das Stadtparlament hervor, mit der sich kommenden Donnerstag der Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen befassen soll.

Der Regionalplan legt fest, wo künftig Wohn- und Gewerbegebiete entstehen könnten. In Marburg sieht der Entwurf Vorranggebiete für Siedlungen in einer Gesamtgröße von 147 Hektar sowie für Gewerbe und Industrie von insgesamt 56 Hektar vor (siehe Grafik). Die Stadt, Ortsbeiräte, Bürgerinnen und Bürger können dazu Stellungnahmen abgeben. Nun hat der Magistrat eine entsprechende Vorlage beschlossen, über die das Stadtparlament entscheiden muss – die Fraktionen können also noch Änderungen einbringen. Die Kernpunkte erläuterte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) der OP gemeinsam mit der Leiterin des Fachdienstes Stadtplanung und Denkmalschutz, Manuela Klug.

Vorranggebiet bei Moischt soll südöstlich entstehen

Das im Regionalplan-Entwurf vorgesehene etwa 35,5 Hektar große Gewerbe-Vorranggebiet bei Moischt stößt vor Ort auf heftige Kritik. Die Bürgerinitiative „Rettet den Hohnes“ kritisiert einerseits, das Gebiet sei zu groß. Zum anderen sind dort gute Ackerflächen und eine Streuobstwiese, auf der unter anderem Steinkäuze und Rebhühner leben. Die Stadt kommt den Kritikerinnen und Kritikern mit zwei Vorschlägen entgegen: Erstens solle das Gebiet nach Südosten in Richtung Biogasanlage verschoben werden, also weg vom Ort und dem „kleinen Nabu-Idyll“, wie Spies sagt. Zweitens hofft die Stadt, dass die Fläche verkleinert werden kann oder sogar ganz verzichtbar ist – wenn stattdessen andernorts Vorranggebiete entstehen.

Gisselberg-Nord als Alternative, Lahnaue später?

Dabei setzt die Stadt vor allem auf das Gebiet Gisselberg-Nord nördlich des bestehenden Gewerbegebiets an der Gießener Straße. Dort sind im alten Regionalplan elf Hektar für Gewerbeentwicklung enthalten. Im Entwurf für den neuen Plan hat das Regierungspräsidium die Fläche gestrichen, weil sie bei einem hundertjährigen Hochwasser rechnerisch überflutet würde. Diese Rechnung sei aber ohne das Rückhaltebecken bei Großseelheim gemacht, meint Spies. „Das Wichtigste ist, dass die Fläche Gisselberg-Nord wieder in den Regionalplan reinkommt“, sagte er. Aus Sicht der Stadt spricht für den Standort unter anderem, dass er nahe am Bahnhof, am Radweg sowie der B 3a und neben einem bestehenden Gewerbegebiet liegt. Das Vorranggebiet bei Moischt könnte im Gegenzug auf 22 Hektar verkleinert werden – oder gar wegfallen, wenn die Stadt Spielraum im Lahntal bekomme.

Ein von der Stadt vorgeschlagenes Gewerbe-Vorranggebiet südlich der Südspange hatte das Regierungspräsidium mit Blick auf den Hochwasserschutz jedoch abgelehnt. „Man muss sich an dieser Stelle nicht verkämpfen“, sagte Spies, hofft aber, dass später durch ein Abweichungsverfahren ein Gewerbegebiet in der Lahnaue möglich wird: Durch die Renaturierung der Lahn, die sich die grün-rot-grüne Koalition vorgenommen hat, würden nämlich neue Hochwasser-Ausweichflächen entstehen.

Die Stadt schlägt zudem vor, auf das Gewerbe-Vorranggebiet G 309, einen schmalen Streifen zwischen B 3a und Bahn, zu verzichten. Wie der Ortsbeirat Cappel meint der Magistrat, die Erschließung der 6,7 Hektar großen Fläche lohne sich nicht.

Kein Baugebiet nördlich von Michelbach

Die im Entwurf vorgesehenen Vorranggebiete für Siedlungen hält die Stadt für „überdimensioniert“. So sei das Vorranggebiet nördlich von Michelbach (S314) „verzichtbar“, sagte Spies. Für Michelbach schlägt die Stadt eine mögliche Bebauung zwischen dem Dorf und Michelbach-Nord vor. Die dort freigehaltene Kaltluft-Schneise muss aus Sicht der Stadt nicht so groß sein. „Wir wollen natürlich nicht die Kaltluftströme beeinträchtigen“, betonte Spies, „aber das Gutachten zum Stadtklima legt nahe, dass die Bedeutung dieser Schneise überschätzt wurde.“ Fachdienstleiterin Klug ergänzte: „Der Stadtteil wird dadurch zerschnitten.“ Etwa zwei bis drei Hektar kleiner werden soll nach Meinung des Magistrats das Siedlungs-Vorranggebiet am Hasenkopf – also nicht größer als die derzeit geplante Bebauung.

Ziel ist weniger Flächenverbrauch

Sollten die Vorschläge des Magistrats in den Plan aufgenommen werden, würde sich dadurch laut Stadt die mögliche Siedlungsfläche um 10 bis 15 Hektar reduzieren, die Gewerbeflächen um etwa 7 Hektar. Insgesamt, versprach Spies, setze die Stadt darauf, möglichst wenig Flächen zu verbrauchen. „Wir wollen pro Fläche möglichst viele gute, qualifizierte Arbeitsplätze“, sagte er mit Blick auf Gewerbegebiete. „Wir wollen einen klimafreundlichen Bau und Betrieb und regionale Wirtschaftskreisläufe stärken.“

Spies betonte erneut, es gehe in erster Linie darum, Spielraum für künftige Planungen zu haben. Komplett ausschöpfen wolle die Stadt die Optionen nicht: „Der Regionalplan sagt nur, worüber die Stadt nachdenken darf, ohne beim Regierungspräsidium in Gießen anzurufen. Erst einmal erkämpfen wir uns damit Möglichkeiten, aber es muss niemand Angst haben, dass da sofort etwas geplant wird.“

Von Stefan Dietrich