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Marburg Männer und die Angst vor dem Arzt
Marburg Männer und die Angst vor dem Arzt
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15:58 18.05.2022
Professor Axel Hegele (links) und Dr. Manfred Maywurm wollen die Urologie in Marburg-Biedenkopf als „Gynäkologie der Männer“ etablieren.
Professor Axel Hegele (links) und Dr. Manfred Maywurm wollen die Urologie in Marburg-Biedenkopf als „Gynäkologie der Männer“ etablieren. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Es ist statistisch erwiesen: Männer gehen seltener zum Arzt als Frauen, vor allem Vorsorgeuntersuchungen scheuen sie. Zwei heimische Mediziner im OP-Interview darüber, wieso die Urologie als die Gynäkologie der Männer gelten sollte.

Was machen Männer in Gesundheitsfragen anders als Frauen – und warum?

Professor Axel Hegele: Bei Frauen ist das Thema Gesundheit, regelmäßige Arztbesuche viel mehr im Kopf drin, weil sie schon als Jugendliche, spätestens ab der Pubertät zu Gynäkologen gehen. Sie wissen, dass der Brustkrebs früh kommen kann. So entsteht früh eine Bindung von Frauen zu Ärzten und grundsätzlich eine Sensibilisierung für den eigenen Körper, dessen Anfälligkeit. Das ist bei Männern anders, da gibt es diesen Glauben an die eigene Stärke – und gerade dann, wenn Untersuchungen medizinisch sehr sinnvoll wären, so ab 45 Jahren, läuft bei den meisten Familie und Beruf so rund, dass kaum einer daran denkt, dass er krank werden, gar schon krank sein könnte.

Dr. Manfred Maywurm: Nur wenn es im näheren Umfeld jemanden gibt, der etwa ein Karzinom hat, gehen sie zur Untersuchung – dann schnell und scharenweise. Urologen, Ärzte braucht es aber nicht nur für eine Behandlung, sondern lieber dafür, dass es am besten gar nicht erst zu einer Behandlung kommen muss.

Was sind – durch regelmäßige Untersuchungen bei Urologen – die vermeidbarsten Erkrankungen?

Hegele: Die Früherkennung etwa bei Prostata-Karzinomen, auch bei Hodenkrebs ist gut, die Heilungschancen entsprechend deutlich höher, als wenn sich alles schon eingenistet und ausgebreitet hat. Wir reden von jährlich rund 70 000 Prostata-Krebserkrankungen, das ist mehr als ein Viertel aller Karzinome bei Männern, 15 000 sterben jedes Jahr daran. Aber es geht mit Vermeidbarem schon viel früher los, etwa bei sexuell übertragbaren Krankheiten, deren Zahl zuletzt wieder stieg. Eben deshalb können wir auch Jungs sprichwörtlich mit Aufklärung helfen; im Idealfall also bevor überhaupt etwas passiert.

Patienten-Info-Tag

Am Mittwoch, 18. Mai, 17.30 Uhr, gibt es im TTZ (Softwarecenter 3) Infos und Vorträge zu Themen wie Prostatakrebs, Partikeltherapie und Long Covid. Veranstalter ist das heimische Urologen-Netzwerk. Eintritt: frei.

Wie laufen urologische Untersuchungen ab und was umfasst das Gebiet alles?

Maywurm: Schlecht Wasser lassen können, schwächerer Harnstrahl, nachts öfter auf Toilette müssen, Erektionsprobleme – längst nicht alles ist auf Krebs fokussiert. Man könnte sagen: In der Urologie geht es um fast alles, worüber keiner in der Kneipe redet. Ein Screening, Ultraschall bis hin zu MRT – vieles ist möglich, ganz oft führt schon das Gespräch mit Patienten zu Diagnosen und Lösungsansätzen. Man passt Art und Umfang der Vorsorge an das individuelle Risiko an, nicht jeder bekommt immer die „Große Hafenrundfahrt“.

Hand aufs Herz: Wie schlimm ist die umgangssprachliche Hafenrundfahrt, die gefürchtete Prostata-Untersuchung wirklich?

Hegele: Angenehm ist sie nicht, aber sie ist nicht mehr so schlimm wie früher. Grundsätzlich besteht die Untersuchung aus mehreren Teilen: Blutwert, Ultraschall und eben Abtasten. Dazu führt man den Finger in den Po des Patienten – meist in Seitenlage – ein und tastet die Prostata ab. Wichtig ist, Patienten zu entspannen und genau zu erklären, was man macht, was wann passiert und ehrlich zu sagen, wann es jetzt kurz mal wehtun könnte. Doch keiner wird gezwungen oder traumatisiert.

Was sollte passieren, dass die Urologie analog zum Gynäkologen quasi als Facharzt für Männergesundheit wahr- und in Anspruch genommen wird?

Maywurm: Im Grunde laufen alle Ärzte einer Fehlkonstruktion des Gesundheitssystems hinterher. Anstatt auf Prävention zu setzen, geben wir viel Geld und Kapazitäten für die Behandlung von nicht immer, aber häufig genug früher erkenn- und somit besser bekämpfbaren Krankheiten aus. Wir reden von einer Bewusstseinsfrage: Was kann, muss, sollte ich tun, wenn und solange ich gesund bin, um meine Erkrankungsrisiken zu senken? Diese Beratung und Begleitung früh zu etablieren, muss gelingen, sodass der Arzttermin für Männer so selbstverständlich wird, wie er für Frauen ist.

Hegele: Dazu sollen Angebote wie in Marburg beitragen, wo es eine Jungensprechstunde gibt und jeder auch praktisch anonym, ohne Krankenkassenkarte hingehen kann. Und mit jedem Promi, mit jedem Nachbar und Arbeitskollegen, der offen über seine Probleme mit Prostata, Penis oder Hoden spricht, steigt die Sensibilisierung weiter. Vor ein paar Jahren waren wir in puncto Achtsamkeit noch bei fast null Prozent, jetzt gehen 20 Prozent zur Vorsorge.

Von Björn Wisker