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Marburg „Groteske Erfahrung einer Ausgrenzung“
Marburg „Groteske Erfahrung einer Ausgrenzung“
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18:00 16.12.2021
Dr. Andreas Ritzenhoff (CDU) berichtet von seinen Erfahrungen rund um die Wahl und seine Kandidatur beim Bundesmittelstandstag.
Dr. Andreas Ritzenhoff (CDU) berichtet von seinen Erfahrungen rund um die Wahl und seine Kandidatur beim Bundesmittelstandstag. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Der Marburger Unternehmer Dr. Andreas Ritzenhoff hatte sich – auf Vorschlag einer Delegierten und mit Unterstützung des Kreisverbands – am Samstag zur Wahl für den Vorsitz der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), also dem Wirtschaftsflügel der Christdemokraten, gestellt (die OP berichtete). Gewählt wurde der 65-Jährige nicht – es kam zu einer Stichwahl zwischen den Bundestagsabgeordneten Gitta Connemann und Thomas Jarzombek, die Gitta Connemann mit 59 Prozent der Stimmen für sich entscheiden konnte.

Ritzenhoff betonte, dass er der neuen Vorsitzenden herzlich gratuliere „und wünsche ihr eine glückliche Hand bei ihrer wichtigen Aufgabe“. Dass Ritzenhoff selbst „trotz kürzester Vorbereitungszeit und diverser Eintrittsbarrieren durch meinen eigenen Landesverband“ aus dem Stand 59 Stimmen – also 14 Prozent – erhielt, wurde als Achtungserfolg gesehen. „Dafür danke ich meinen Wählern“, so der Unternehmer.

Dennoch stimmt ihn der Ablauf der Wahl nachdenklich. Denn unter den rund 400 000 Mitgliedern der CDU herrsche weitgehend Übereinstimmung darüber, dass nur eine Neubesinnung und Repositionierung die Partei wieder auf Kurs bringen und eine Siegesperspektive für 2025 eröffnen könne. Vor dem Hintergrund sei aus Ritzenhoffs Sicht ein entscheidender Faktor, dass Mitglieder mit Wirtschaftskompetenz sich gestaltend einbrächten.

„Der Bundesmittelstandstag der MIT hätte in dieser Hinsicht wichtige Signale setzen können. Stattdessen musste ich persönlich die groteske Erfahrung einer Ausgrenzung machen, die man von einer christlichen Partei nicht erwarten würde. Bis zum Schluss hat man versucht, meine Kandidatur für den Vorsitz zu verhindern“, sagt Andreas Ritzenhoff. Dies sei darin gegipfelt, dass Marco Reuter, Chef der MIT Hessen, den Tagungspräsidenten Tilman Kuban in Berlin eine Stellungnahme unmittelbar vor den Bewerbungsreden habe verlesen lassen.

Stellungnahme vor den Bewerbungsreden verlesen

In dieser Stellungnahme, die der OP vorliegt, verliest Kuban: „Im Rahmen einer gemeinsamen Sitzung der Delegierten der MIT-Hessen und des Landesvorstandes und der Kreisvorsitzenden der MIT-Hessen diesen Donnerstag haben wir beschlossen, dass wir uns in aller Deutlichkeit und mit Nachdruck von der Kandidatur von Herrn Dr. Ritzenhoff distanzieren.“

Dazu sagt der Unternehmer: „Es steht außer Zweifel, dass der Vortrag dieses Statements nicht nur meine Wahlchancen negativ beeinträchtigte, sondern auch nahezu ehrverletzenden Charakter hatte, zumal jegliche Begründung ausblieb. Mir blieb nur die Möglichkeit, in meiner Rede für den Verstoß ,gegen die politische Kleiderordnung’ um Nachsicht zu bitten.“ Und er sagt auch, dass Reuter ihn im Vorfeld der Wahl bereits aufgefordert habe, nicht zu kandidieren – „mit welchem angenommenen Recht auch immer“.

Für ihn stellt sich die Situation so dar, dass zwei Bewerber gesetzt gewesen seien, „ein dritter wurde als störend empfunden. Dies darf man als eine Restriktion bewerten, die der christdemokratischen CDU unwürdig ist“, sagt Andreas Ritzenhoff. In seinen Augen benötigt die CDU für den Neuaufbruch Offenheit, Durchlässigkeit und kristallklare demokratische Regeln und nicht Absprachen und Kungeleien zwischen Gruppierungen.

„Ich habe in meiner Vorstellung beim Mittelstandstag darauf hingewiesen, dass Politik es in den vergangenen Jahren versäumt hat, für verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu sorgen. Insbesondere habe ich die den Wettbewerb verzerrende Rolle der chinesischen Regierung kritisiert. Peking subventioniert eine Vielzahl von Unternehmen und radiert damit Arbeitsplätze in Deutschland aus“, sagt Andreas Ritzenhoff. Zudem verliere man gerade Wirtschaftskraft, die dringend benötigt werde, um die gewaltigen notwendigen Zukunftsinvestitionen zu leisten.

Forderung: Das „C“ wieder mit Leben füllen

„Wir Unternehmer sind bereit, zu investieren, Risiken einzugehen, Mitarbeiter einzustellen und an einem großen wirtschaftlichen Aufschwung im Land mitzuwirken. Aber die Bundesregierung und die Abgeordneten des Deutschen Bundestages müssen erheblich engagierter für faire Wettbewerbsbedingungen eintreten“, sagt der Seidel-Chef. Die neue Regierung stehe in der Pflicht, „dies mit Nachdruck umzusetzen, um den Mittelstand als tragende Säule der deutschen Wirtschaft zu schützen und ihm gerechte Wettbewerbsbedingungen zu ermöglichen“.

Auch, wenn er nicht als MIT-Vorsitzender gewählt wurde, so sei Ritzenhoff dennoch „überrascht und erfreut über die Vielzahl von zustimmenden Anrufen und E-Mails von anderen Unternehmern und Angestellten, die den Mittelstandstag verfolgt hatten“, gewesen. „Viele haben mich aufgefordert, meinen Einsatz für verlässliche Wettbewerbsbedingungen der deutschen Wirtschaft fortzusetzen“, sagt er.

„Einige sprachen auch meinen Hinweis auf das ,C’ in meinem Vortrag an, das für mich bei meinem Eintritt in die CDU von Bedeutung war. Beim Neuaufbruch der Partei muss es gelingen, dieses ,C’ wieder mit Leben zu füllen“, steht für den 65-Jährigen fest. „Dies betrifft insbesondere den Umgang miteinander. Die CDU von heute braucht engagierte Köpfe mit starkem Profil und dem Mut zur eigenen Meinung, um morgen wieder eine glaub- und vertrauenswürdige Regierung darstellen zu können.“

Von Andreas Schmidt