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Marburg „Auf die Lufthygiene kommt es an“
Marburg „Auf die Lufthygiene kommt es an“
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22:17 23.10.2021
Offene Fenster: Wie an dieser Schule in Groß Gerau ist regelmäßiges Lüften auch in den Schulen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Devise.
Offene Fenster: Wie an dieser Schule in Groß Gerau ist regelmäßiges Lüften auch in den Schulen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die Devise. Quelle: Foto: Sebastian Gollnow
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Marburg

Als Deutschlands führender Aerosolforscher hat sich der in Halsdorf lebende Physiker zu einem gefragten Talkshow-Experten entwickelt. Ob bei Markus Lanz oder Maybrit Illner, immer wieder wird die Expertise des seit diesem Jahr mit dem „Fellow of Isam“ Award ausgezeichneten Wissenschaftlers eingeholt. Den Preis erhielt er für „herausragende Leistungen, Engagement und Verdienste um die Gesellschaft sowie herausragende Beiträge im Bereich Aerosole in der Medizin“. Aerosole sind feinste luftgetragene Flüssigkeitspartikel und Tröpfchenkerne, die längere Zeit in der Luft schweben und maßgeblich für die Verbreitung des Coronavirus verantwortlich sind. Seine Youtube-Videos, in denen er über Ansteckungsgefahren aufklärt, werden millionenfach geklickt.

Zusammen mit Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, sowie anderen renommierten Wissenschaftlern hat Scheuch nun einen Leitfaden veröffentlicht, wie der Aufenthalt in Innenräumen sicherer werden kann. Und das ist nötig. Erst gestern hat das Robert Koch-Institut aufgrund steigender Corona-Inzidenzen dazu aufgerufen „Situationen in Innenräumen, bei denen sogenannte Superspreading-Events auftreten können, zu meiden“.

Pandemie ist noch nicht vorbei

Das Expertenteam um Scheuch bestätigt, dass die Gesellschaft in der Präventionspolitik zur Bekämpfung der Corona-Pandemie viel erreicht habe. Das betreffe die Kenntnisse über das Virus, vor allem aber natürlich die Möglichkeit zur Impfung. „Trotzdem ist die Pandemie noch nicht vorbei“, sind sich die Wissenschaftler einig. Sie warnen davor, dass vermehrt auftretende Infektionen – auch mit Influenza-Viren – im Herbst auch geimpfte Personen betreffen werde.

Die Disziplinübergreifenden Experten sind sicher, dass es ein der „Lage angemessenen Infektionsschutz“ brauche. Als Grundsatz gelte das Ziel, erneute Lockdown-Maßnahmen in Zukunft auf jeden Fall zu vermeiden, da sie hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Kollateralschäden erzeugten. Stattdessen schlagen die Experten einen Präventionscheck für Innenräume vor, der das Infektionsrisiko nach dem Stand der aktuellen Forschung minimiere.

Innenräume als zentraler Infektionsort

Aber: dieser Lufthygienecheck solle weder die Basishygieneregeln noch die G-Regeln ersetzen, sondern Innenräume sicherer gestalten, betonen die Experten. Die vorgeschlagenen Maßnahmen hätten zudem den Vorteil, dass sie „aerogen übertragene Infektionen auch jenseits der aktuellen Corona-Pandemie reduzierten.“

Ausgangspunkt dieser Überlegungen ist die wissenschaftlich unumstrittene Erkenntnis: Innenräume sind der zentrale Infektionsort. „An der Außenluft gibt es keine relevante Ansteckungsgefahr“, betont Dr. Gerhard Scheuch immer wieder. Die Ansteckungsrate liege bei <0,01% im Vergleich zu Innenräumen. Die Ursache liege in dem vom Menschen erzeugten sogenannten Vertikalflow, durch die warme Ausatemluft und die Körperwärme, der die abgeatmeten Aerosole stark verdünne. Windströmung draußen verdünne die Konzentration zusätzlich.

Der Lufthygienecheck und seine Parameter

1.) Anzahl der Personen, die sich in einem unbelüfteten Raum aktuell aufhalten oder sich bis vor kurzem aufgehalten haben können. Mit der Anzahl der Personen steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Infizierter im Raum befindet und je mehr Menschen im Raum sind, umso mehr können sich potenziell infizieren.

2.) Aufenthaltszeit. Durch eine infektiöse Person im Raum steigt die Konzentration der Viren in der Zimmerluft mit der Zeit, und je länger sich nicht infizierte Personen in dem Raum aufhalten, desto mehr Viren inhalieren sie.

3.) Volumen des Raumes. Je größer der Raum, umso geringer ist die Konzentration der Viren im Raum.

4.) Raumhöhe. Durch den vom Menschen erzeugten Vertikal-Flow sind hohe Räume besonders sicher, denn die abgeatmeten virushaltigen Aerosole bewegen sich nach oben.

5.) Effektivität der Lüftung. Frischluftmenge, die dem Raum zugeführt wird, verdünnt die Aerosole. Bei Fensterlüftung hängt das insbesondere von der Temperaturdifferenz drinnen/draußen und der Windbewegung ab. Je größer die Temperaturdifferenz, desto größer der Effekt. Allerdings steigt dann auch der Energieverbrauch durch die Abkühlung.

6.) Effektivität von Raumluftreinigungsgeräten.

7.) Dauerhaftigkeit und Effektivität von Masken, die von den Personen im Raum getragen werden. Schutzschilde sind wirkungslos, da die infektiösen Aerosole dadurch nicht an der Ausbreitung im Raum gehindert werden.

8.) Atemfrequenz und Atemtiefe der infizierten und nicht infizierten Personen im Raum. Vermehrte Ventilation entsteht z.B. bei körperlicher Arbeit, Sport und Singen. Besonders ungünstig sind kleine Räume ohne oder mit wenig Lüftung (kleine Büros und Aufenthaltsräume, Fahrstühle, Toiletten, Kraftfahrzeuge, öffentliche Verkehrsmittel usw.) Hier kann eine konzentrierte infektiöse Aerosolwolke längere Zeit in der Luft stehen bleiben (ähnlich Zigarettenrauch) und dann Personen anstecken, die den Raum betreten (z.B. Reinigungspersonal). Mitunter sind sich Virusspreader und Infizierter nie begegnet. Es gibt also eine Reihe von Maßnahmen, die man ergreifen kann, um eine Infektion in Innenräumen durch die Aerosolübertragung zu reduzieren:

Begrenzung der Anzahl der Personen in einem Raum

Begrenzung der Aufenthaltszeit der Personen in einem Raum

Prioritäre Nutzung großer und hoher Räume (z.B. viele Turnhallen, Aulen brauchen deswegen meist keine zusätzlichen besonderen Schutzmaßnahmen)

Erhöhung der Frischluftzufuhr. Hier ist eine Kontrolle über CO2 Messgeräte eine Option.
Einsatz effektiver Raumluftreinigungsgeräten. Hier ist eine Kontrolle über Aerosolmessgeräte möglich

Im Wesentlichen gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten, einen Raum von virenhaltigen Aerosolen zu befreien. Beide sind lüftungstechnische Maßnahmen:

1.) Zuführung von Frischluft (Außenluft) durch geeignete Lüftungstechnik.

2.) Raumluftreinigung mit geeigneten Luftfiltergeräten. Zur Überprüfung soll jeweils ein CO2-Messgerät und ein Aerosol-Messgerät in der Mitte des Raumes aufgestellt werden. Es gebe mittlerweile gute und preiswerte Modelle auf dem Markt.

Anhand dieser Parameter haben die Wissenschaftler ein Punktesystem entwickelt, wonach sich errechnen lässt, wie hoch die Ansteckungsgefahr in Innenräumen ist. Nachzuschauen ist das unter: www.sokrates-rationalisten-forum.de oder auf dem Youtube-Kanal von Dr. Gerhard Scheuch.

Quelle: Lufthygienecheck

Von Nadine Weigel

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