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Marburg Lüften und Impfen schützt vor Viren
Marburg Lüften und Impfen schützt vor Viren
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11:00 31.10.2021
Schülerinnen und Schüler sitzen in einem Klassenraum am geöffneten Fenster.
Schülerinnen und Schüler sitzen in einem Klassenraum am geöffneten Fenster. Quelle: Daniel Bockwoldt
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Marburg

Die Corona-Zahlen steigen wieder, zudem droht im Winter eine Grippewelle. Bei beiden Viren spielen Aerosole eine Rolle, erläutert Professor Harald Renz, Direktor des Instituts für Laboratoriumsmedizin und ehemaliger Ärztlicher Geschäftsführer am Universitätsklinikum Marburg im Corona-Update.

Welche besondere Rolle spielen die Aerosole?

Am Anfang der Pandemie ist die Wissenschaft noch davon ausgegangen, dass sich das Virus über große Tröpfchen in der Luft verbreitet, wie sie zum Beispiel bei Husten und Niesen generiert werden. Heute wissen wir, dass den kleinen Partikeln in der Luft eine viel stärkere Bedeutung zukommt. Diese Aerosole entstehen beim Atmen, Sprechen und auch schon bei leichtem Husten. In diesen Aerosolen sind sowohl das Sars-CoV-2-Virus als auch das Grippevirus (Influenzaviren) nachgewiesen worden; und sie lassen sich nachweisen in Innenräumen, im Krankenhaus, Schulen und Kindertagesstätten sowie in Flugzeugen. Und ähnlich wie mit dem Corona-Virus ist es auch beim Grippevirus so, dass diese Aerosole gebildet werden können von Menschen, die (noch) keine Symptome haben.

Professor Harald Renz. Quelle: Thorsten Richter

Was kann jetzt zum Schutz unternommen werden?

Da haben wir einmal die Masken und zum anderen den Fokus auf das Raumklima. Lüften und Luftfiltration stehen ganz oben auf der Liste. Und da hilft es schon, die Türen und Fenster zu öffnen, gerade wenn eine relativ dichte Menschenansammlung in den Räumen ist.

Übrigens: Das war auch einer der wesentlichen Gründe, warum beim Beginn der Pandemie von sogenannten „Hotspots“ eine besondere Gefahr ausging, denn das waren Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen. Ein weiterer Faktor ist die Luftfeuchtigkeit. Sie sollte zwischen 40 und 60 Prozent liegen, und zwar sowohl wenn es um das Grippevirus, als auch das Sars-CoV-2-Virus geht.

Wie sieht das Infektionsgeschehen in unseren Nachbarländern aus?

Hier können wir zwei verschiedene Ländercluster unterscheiden. Auf der einen Seite Großbritannien, Rumänien, Estland und die Mongolei (um Beispiele zu nennen) mit jetzt (wieder) sehr hohen Infektionszahlen, auf der anderen Seite Frankreich, Italien und Spanien mit Fallzahlen auf sehr niedrigem Niveau. Gründe für diese unterschiedliche Clusterung sind sicherlich zum einen der gesamtgesellschaftliche Umgang mit Schutzmaßnahmen (Aussetzen der Maskenpflicht, Großveranstaltungen, die Teststrategien, die Frage 2G oder 3G et cetera). Andererseits spielt aber auch hier die Impfung eine zentrale Rolle.

Wie lange hält der Impfschutz an?

In den Ländern, in denen relativ früh große Teile der Bevölkerung geimpft werden konnten, nimmt nunmehr der Impfschutz entsprechend deutlich ab. Die Daten aus Israel, den USA und Großbritannien zeigen, dass man in diesem Fall zu einer Booster-Impfung raten sollte.

Bei uns ist dies die ältere Bevölkerungsgruppe, die zum einen über das im Alter sowieso durch etwas schwächere Immunsystem weniger gut geschützt ist, zum anderen ältere Menschen, die auch häufiger weitere Grunderkrankungen haben, wie Diabetes, Adipositas, Herz-/Kreislauferkrankungen, die das Risiko für schwere Covid-Verläufe erhöhen. Diese Bevölkerungsgruppe war die erste, die ab Verfügbarkeit des Impfstoffes relativ rasch durchimmunisiert wurde. Hier gibt es also jetzt mehrere Argumente, warum eine Boosterung sinnvoll erscheint.

Wissenschaftlich streiten kann man sich darüber, ob eine Auffrischungsimpfung schon nach sechs Monaten, nach erfolgter Grundimmunisierung, oder erst nach zwölf Monaten erfolgen sollte. Das, was für die ältere Bevölkerung gilt, lässt sich aber auch konsequent ausrollen auf die jüngere Bevölkerung, insbesondere dann, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen.

Wie sieht die Situation in den Krankenhäusern aus?

Hier sehen wir im Moment (nicht nur in Marburg, sondern bundesweit) zwei Gruppen an Corona-Patienten, insbesondere wenn es um die intensivmedizinische Behandlung geht. Zum einen die Nicht-Geimpften mit einem Altersdurchschnitt von unter 50 Jahren. Denn in dieser Alterskategorie breitet sich jetzt das Virus mit symptomatischen Infektionen besonders rasch aus, denn es trifft auf eine relativ schwach geschützte Bevölkerungsgruppe.

Zum anderen (und das sind deutlich weniger Fälle) ältere, über 70-Jährige, die mit sogenannten Durchbruchsinfektionen in die Klinik kommen. Dabei handelt es sich um Menschen, die bereits geimpft waren, bei denen aber die Impfung offensichtlich nicht (mehr) vor einer schweren Infektion schützt.

Dann wird, insbesondere im Ausland, vermehrt über echte „Impfversager“ berichtet, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Woran könnte das liegen? Wenn wir eine hohe Impfquote in der Risikobevölkerung haben und davon ausgehen können, dass der Impferfolg in dieser Gruppe bei circa 90 Prozent liegt, bleiben trotzdem bei so vielen Geimpften viele Menschen übrig, die trotz Impfung nicht geschützt sind.

Was hilft uns jetzt im Winter?

Zum einen steht nach wie vor ganz oben auf der „To-Do-Liste“, die Impfquote noch mal deutlich zu erhöhen, gerade auch in der jüngeren Bevölkerung. Eine Herdenimmunität setzt eine erfolgreiche Impfung von mindestens 70 Prozent der Bevölkerung voraus, besser wären 80 Prozent. Wenn man jetzt schon einmal den Bevölkerungsanteil der Unter-Zwölf-Jährigen abzieht (weil es dafür keine Impfstoffe gegenwärtig gibt), dann muss in dem Rest der Bevölkerung eben eine Impfquote von 80 bis 90 Prozent erreicht werden. Davon sind wir allerdings noch sehr, sehr weit entfernt.

Und dann gilt es, die Grippeschutzimpfung für diese Saison aufzufrischen. Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, dies zu tun. Das Virus ist nämlich schon auf dem Vormarsch. Und hier gibt es in diesem Jahr für die über 60-Jährigen auch noch den besonderen Impfstoff mit Vierfachkombination in vierfach so hoher Dosis wie für die unter 60-Jährigen. Davon sollte man unbedingt Gebrauch machen.