Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Anwerbung, Qualifizierung, Vermittlung
Marburg Anwerbung, Qualifizierung, Vermittlung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:58 22.07.2021
Eine Pflegehelferin hilft in einem Seniorenzentrum einer Bewohnerin.
Eine Pflegehelferin hilft in einem Seniorenzentrum einer Bewohnerin. Quelle: foto: Angelika Warmuth
Anzeige
Marburg

Die Krise im Pflege- und Gesundheitsbereich lässt sich auf zwei unbequeme Wahrheiten eingrenzen. A: Der Bedarf an Pflegekräften wird in den kommenden Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung weiter steigen. B: Immer weniger Menschen entscheiden sich dafür, in einem Pflegeberuf zu arbeiten. Daraus resultiert ein seit Jahren extremer werdender Fachkräftemangel, vermehrt werden Pflegekräfte aus dem Ausland angeworben. Um deren langfristige Integration in den hiesigen Arbeitsmarkt zu erleichtern, gibt es seit einigen Wochen das in Marburg ansässige, aber landesweit tätige Pflegequalifizierungszentrum (PQZ) Hessen.

Die Trägerschaft des vom hessischen Sozialministerium initiierten Projekts liegt in den Händen der gemeinnützigen Integral gGmbH. „Die Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte an Arbeit und Gesellschaft bildet seit mehr als zwei Jahrzehnten einen unserer Schwerpunkte“, sagt Integral-Geschäftsführer Helge Micklitz. Bereits vor eineinhalb Jahren hatte Integral damit begonnen, sich auf dem Gebiet der Ausbildung und Integration in Pflegeberufen zu engagieren und empfahl sich so als geeigneter Partner für das vom Ministerium ausgeschriebene Projekt.

Angebot für Arbeitgeber und Mitarbeitende

Apropos Partner: Beim PQZ-Projekt kooperiert Integral mit der DRK-Schwesternschaft. Deren Oberin Iris Richter-Plewka sagt: „Es ist unser Selbstverständnis, Menschen unabhängig von ihrer Nationalität in ihrer beruflichen Entwicklung professionell zu begleiten und zu fördern. Gerade im Kontext des zunehmenden Fachkräftebedarfes in der Pflege sehen wir in unserer Arbeit im PQZ Hessen eine Möglichkeit, dieser Herausforderung zu begegnen und letztendlich damit auch einen Teil dazu beizutragen, die pflegerische Versorgungsqualität zu sichern.“ Das Angebot richtet sich sowohl an die Arbeitgeberseite der Pflegebranche sowie an die Mitarbeitenden.

„Das PQZ Hessen wird Arbeitgeber gezielt bei der Gewinnung ausländischer Fachkräfte unterstützen und dabei alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so stärken, dass nachhaltige Integration in Betrieb und Gesellschaft noch besser gelingt“, sagt Hessens Sozial- und Integrationsminister Kai Klose über das Projekt, das seiner Meinung nach schnell über die Landesgrenzen hinaus Signalwirkung haben könnte: „Mit dem Aufbau des PQZ leistet Hessen deutschlandweite Pionierarbeit.“

Die Beteiligten des Projekts bezeichnen sich gern als „Lotsen“ – sowohl für Arbeitgeber als auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bei dieser Lotsenarbeit geht es zum einen um die Unterstützung bei der zielführenden Anwerbung von Kräften, zum anderen auch um die Anerkennung oder den Erwerb der in Deutschland erforderlichen beruflichen Qualifikationen.

Hoher Bedarf in der Altenpflege

Anpassungslehrgänge, die Vorbereitung auf die Eignungsprüfung sowie berufsbezogene Sprachkurse sind die Bausteine, die das PQZ-Team für die zukünftigen Pflegekräfte bereithält. Dieses Team besteht aus sozial- und pflegepädagogischem Personal, Praxisanleiterinnen und - anleitern, Pflegefachkräften für den klinischen, heimstationären und ambulanten Einsatzbereich sowie aus Lehrkräften, die sich um die Vermittlung berufsbezogener deutscher Sprache kümmern. Weit mehr als 2 000 Arbeitgeber in ganz Hessen wurden vom PQZ bereits angeschrieben, wie dessen Leiterin Antje Gade erklärt. „Jetzt ist gerade die Phase, in der die ersten Rückmeldungen eingehen“, berichtet Gade, die bereits erste Trends ausmacht: „Ein Schwerpunkt sind Fragen rund um die Anerkennung von Berufsausbildungen aus dem Ausland sowie der Erwerb der deutschen Sprache.“ Die größte Herausforderung für die Arbeit sei perspektivisch zudem der hohe Bedarf in der Altenpflege, sagt die PQZ-Leiterin.

Welche Anforderungen für die einzelnen Berufsgruppen letztlich gelten, wird vom Regierungspräsidium (RP) in Darmstadt sowie von der Deutschen Krankenhausgesellschaft festgelegt, erklärt Integral-Geschäftsführer Micklitz.

Bis zu 3 500 Anträge pro Jahr

Im südhessischen Regierungspräsidium würden jährlich zwischen 1 800 und 3 500 Anträge von Menschen bearbeitet, die in Hessen in Pflegeberufen arbeiten wollen. Jeder dieser Fälle müsse einzeln betrachtet werden, sagt Micklitz: „Für unser Projekt gibt es noch keine Folie, es ist ein neues, vor allem aber auch ein lernendes Projekt.“ Und zu lernen gibt es einiges, das weiß auch die Oberin der DRK-Schwesternschaft Marburg aus der Praxis.

Das Pflegeverständnis ist in Deutschland ein ganz anderes als in vielen anderen Ländern“, so Iris Richter-Plewka und meint damit unter anderem, dass die sogenannte Grundpflege von Menschen in anderen Ländern nicht in den Arbeitsbereich von Pflegekräften falle. Auch im Zusammenhang mit der Mündigkeit von Patienten gebe es große Unterschiede zwischen den Herkunftsländern und der Situation in Deutschland. „Es sind unterschiedliche Arbeitskulturen“, ergänzt Micklitz.

Der Aufbau des Pflegequalifizierungszentrums Hessen – ein in der aktuellen Koalitionsvereinbarung von Grünen und CDU festgezurrtes Vorhaben – wird mit bis zu 3,36 Millionen Euro aus Landesmitteln gefördert.

Von Carsten Beckmann

Marburg Corona-Fallzahlen - Neun Corona-Neuinfektionen
22.07.2021
22.07.2021