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Marburg „Es soll kein Berufsschulstandort geschlossen werden“
Marburg „Es soll kein Berufsschulstandort geschlossen werden“
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12:00 24.04.2021
Ein Auszubildender im KFZ-Handwerk schneidet in einem Ausbildungszentrum mit einer Flex einen alten Auspuff auf.
Ein Auszubildender im KFZ-Handwerk schneidet in einem Ausbildungszentrum mit einer Flex einen alten Auspuff auf. Quelle: Felix Kästle
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Wiesbaden

Die Zahl der Auszubildenden ist seit den 80er-Jahren kontinuierlich gesunken – auf mittlerweile unter 100 000. Und das, obwohl die Zahl der Ausbildungsberufe seither immens gestiegen ist. So gibt es 326 anerkannte Ausbildungsberufe, die in knapp 600 Fachrichtungen und Schwerpunkte untergliedert sind. „Um auf den Trend rückläufiger Auszubildendenzahlen zu reagieren und weil wir das Erfolgsmodell der dualen Ausbildung fit für die Zukunft machen wollen, ist jetzt die Zeit zum Handeln gekommen. Wir haben uns daher zu einer sukzessiven Neuausrichtung der Berufsschulstandorte in Hessen entschlossen“, wie Hessens Kultusminister Professor Alexander Lorz (CDU) am Freitag erklärte. „Zukunftsfähige Berufsschule“ lautet das Projekt.

Nicht mehr genug Schüler

Das Problem: Bei sinkenden Azubi-Zahlen kommen in einigen Ausbildungsberufen nicht mehr genug Schüler für die Klassen zusammen – mit der Folge, dass die Lehrlinge nicht mehr wohnortnah beschult werden können, sondern beispielsweise in Landesfachschulen fahren müssen, wo dann Blockunterricht stattfindet. Lorz erklärte, man wolle aber die wohnortnahe Beschulung möglichst erhalten. Und zwar, indem in einem ersten Schritt die Mindestklassengröße herabgesetzt wird.

Bisher liege das Limit bei 15 Schülerinnen und Schülern – künftig genügen bereits zwölf im ersten, neun im zweiten, acht im dritten und fünf im vierten Ausbildungsjahr. Zudem sollen die nach den Rahmenlehrplänen zulässigen Möglichkeiten einer gemeinsamen Beschulung ausgeschöpft werden. „Erst und nur dann, wenn die Mindestklassengrößen vor Ort nicht mehr erreicht werden können, erfolgt an den regional und landesweit zuständigen Berufsschulen eine Konzentration“, erläuterte der Minister. Dazu werde künftig für jeden Ausbildungsberuf ein Standort ausgewählt, der die Beschulung konzentriert übernimmt. Dies solle sowohl die Berufsschulstandorte sichern als auch den ländlichen Raum stärken. Die Blockbeschulung wird dann ausgeweitet. Lorz betonte: „Es soll kein Berufsschulstandort geschlossen werden.“

Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) betonte, dass es für die Azubis keinen Schulwechsel in der laufenden Ausbildung geben soll. Zunächst soll bis 2024 gemeinsam mit Schulen und Wirtschaft ein Standortkonzept aufgestellt werden. Nach der neuen Struktur sollen die Berufsschulen nach den Plänen des Landes erstmals im Schuljahr 2025/2026 nach dem neuen Konzept arbeiten. In der Übergangsphase sollen 100 zusätzliche Lehrkräfte eingestellt werden, um auch die kleineren Klassen adäquat unterrichten zu können.

Für Eberhard Flammer, Geschäftsführer des Biedenkopfer Unternehmens Elkamet und Präsident des Hessischen Industrie- und Handelskammertags, steht fest: „Gut, dass die Landesregierung mit dem Standortkonzept die berufliche Bildung in Hessen aktiv stärken möchte. Die hessischen IHKs begrüßen die damit verbundenen Investitionen. Sie kommen dem Wirtschaftsstandort und dem Fachkräftenachwuchs in Hessen zugute.“ Er freue sich besonders darüber, dass der ländliche Raum gestärkt werden soll. Doch gab er zu bedenken: „Ich hoffe, dass es gelingt, dass die Unterdeckung bei den Berufsschullehrern geschlossen werden kann. Es gibt eine deutliche Lücke und entsprechend groß ist die Herausforderung, dass das hervorragende Konzept umgesetzt werden kann.“

Handwerk begrüßt Lösung

Nach den Worten des Präsidenten des Hessischen Handwerkstags, Stefan Füll, ist es bereits jetzt schwierig, Berufsschulklassen beispielsweise für angehende Fleischer oder Bäcker zu füllen. Glaser oder Steinmetze würden teils schon gebündelt unterrichtet. „Das hessische Handwerk begrüßt sehr, dass in der Frage der Berufsschulstandorte eine Lösung im Interesse der Ausbildungsbetriebe und der Auszubildenden gefunden werden soll“, erklärte er. Zustimmung kam unter anderem auch vom Präsidenten des Hessischen Landkreistages, Bernd Woide. Gerade ländliche Räume lebten von der Bildungsinfrastruktur. Daher begrüße er die Standortgarantie.

Von Andreas Schmidt