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Marburg Sie päppeln Corona-Patienten wieder auf
Marburg Sie päppeln Corona-Patienten wieder auf
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15:30 19.05.2021
Die Klinik Sonnenblick in Marburg ist auf „Long Covid“ spezialisiert. Mehr als 150 Patienten sind seit Pandemie-Beginn auf den Lahnbergen behandelt worden – von einem großen Team mit verschiedenen Expertisen rund um Dr. Ulf Seifart (Zweiter von links).
Die Klinik Sonnenblick in Marburg ist auf „Long Covid“ spezialisiert. Mehr als 150 Patienten sind seit Pandemie-Beginn auf den Lahnbergen behandelt worden – von einem großen Team mit verschiedenen Expertisen rund um Dr. Ulf Seifart (Zweiter von links). Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Wer hier landet, der hat Corona überlebt, kämpft aber mit den Folgen: In der Klinik Sonnenblick, am waldigen Ortsrand von Marburg und in Sichtweite Amöneburgs, kümmern sich Ärzte, Psychologen und Pfleger um Patienten mit der Diagnose „Long Covid“ – also jenem medizinisch neuen Phänomen, das anhaltende gesundheitliche Auswirkungen beschreibt, die bei einzelnen Menschen nach überstandener Infektion auftreten können. „Covid-Patienten sind deutlich länger krank als Grippe-Patienten. Es sind nicht mal eben vier Wochen und dann ist gut, sondern der Körper macht von jetzt auf gleich nicht mehr so mit“, sagt Dr. Julia Thiemer, Oberärztin mit Blick auf die seit Pandemiebeginn rund 150 Menschen, die sie und ihre Sonnenblick-Kollegen behandelt haben.

Chronische Erschöpfung, Atemprobleme, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Gedächtnisstörungen, Tinnitus, Herz-Muskel-Entzündungen – ungefähr jeder zehnte Corona-Infizierte leidet länger als drei Monate unter teils komplexen Symptomen. Die „Vehemenz der körperlichen Schwächung“ und deren spontanes Auftreten auch nach mitunter milden Verläufen habe man bei einer Infektionskrankheit so noch nicht gesehen. Gerade das „plötzliche Abbremsen, der Streik des kurz zuvor noch intakten Körpers“, so Thiemer, sorge bei vielen auch für große psychische Probleme.

„Die Leute kommen praktisch gesund in den Notfallbereich und fünf Stunden liegen sie wie weggetreten auf Intensiv. Das ist fast wie bei einem schweren Verkehrsunfall, traumatisch für Körper und Geist“, erklärt Dr. Ulf Seifart, Ärztlicher Direktor der Klinik. „Das Post-Covid-Syndrom bedeutet vor allem ein ganzes Bündel an Problemen – sie sind für jeden anders und sehr speziell“, sagt er. „Das Tückische ist, dass es so gar keine Blaupause für Verläufe beziehungsweise Folgeschäden gibt“, ergänzt Dr. Anke Peil-Grun, Oberärztin. Man kenne die während oder nach Covid auftretenden Symptome zwar von anderen Infektionen oder Erkrankungen – etwa Lungen-, Muskel- und Herzprobleme oder Erschöpfung. Aber bei einem Ex-Corona-Infizierten seien die Spätfolgen ganz anders als bei einem anderen.

Das Therapie-Konzept der Marburger Reha-Klinik will genau dem Rechnung tragen: individuelle Versorgung. Ausführliches Erstgespräch über Erkrankung und Verlauf, Leistungsfähigkeits-Check etwa mit Belastungs-EKG, Lungenfunktions- und Lauftests: „Viele wissen ja gar nicht mehr, was und wie viel sie noch leisten können“, sagt Thiemer.

Schwerer Verlauf? Anfällig für „Post-Covid-Syndrom“

Je nach Ergebnis wird ein Behandlungsplan erstellt, von Atem-Gymnastik über Ergometer-Training und Gedächtnistraining bis zu Gesprächen mit Psychologen oder anderen Geschädigten in Bewältigungs-Gruppen. „Vieles schlägt gut an, es lässt sich einiges raus- und zurückholen“, sagt Peil-Grun.

Aufstehen oder Treppe steigen, von Arbeit – ob körperlich auf dem Bau oder geistig in Kreativberufen – bis Kochen: das seien für manche zu große Belastungen. Am „schwierigsten anzugehen“, so Peil-Grun, sei ausgerechnet der Folgeschaden, der als einziger fast alle Post-Covid-Syndrom verbinde: die Erschöpfung. „Ausdauer trainieren, den Körper aktivieren, aber die persönliche Grenze finden – das ist anspruchsvoll und langwierig.“

Anfällig für „Long Covid“ seien zwar in erster Linie dieselben Menschen, die schon einen schweren Krankheitsverlauf oder Vorerkrankungen hatten – das war vor allem 2020 so. Während anfangs eher ältere Männer in die Reha-Klinik kamen, seien es in der zweiten Welle ab Dezember mehr Frauen, viele aus dem Pflegebereich gewesen. Seit April nehme die Zahl jener, die Corona mit weniger schweren Verläufen auf der Couch – scheinbar – auskurierten, zu.

Faustregel: Wer wegen des Erregers auf der Intensivstation lag, vor allem, wer beatmet werden musste, den plagt meist auch „Long Covid“. Laut einer französischen Studie leiden im Krankenhaus behandelte Corona-Patienten zu rund 60 Prozent auch noch sechs Monate später an mindestens einem Symptom, 25 Prozent an mehreren. „Es gibt nun immer mehr Genesene, die schon Geh- und Stehversuche hinter sich hatten, aber am Alltag gescheitert sind, obwohl sie keine schweren Verläufe hatten“, sagt Thiemer mit Blick auf die aktuell rund zwei Dutzend „Long Covid“-Patienten, viele im Alter zwischen 20 und 60.

„Hier gibt es Hoffnung und Hilfe“

Zukunftsängste wegen der verminderten Belastbarkeit, Depressionen wegen langer Isolation, Albträume nach künstlichem Koma und Traumatisierung, starke Verunsicherung: Psychologe Reinhard Wolf hat während der Therapie mit Dutzenden über ihre seelische Verfassung gesprochen. „Es gibt den Wunsch, die Erkrankung, auch ihre Folgen, logisch zu verstehen und gleichsam eine Sehnsucht nach Dingen, nach Techniken, nach einem Umgang damit, der einem gut tut.“ Wolfs Kollegin Irmgard Müller sagt: „Doch nicht nur was mit einem selber passiert, nagt an vielen. Manche haben Nahestehende sterben sehen, fühlen sich schuldig, wenn sie jemanden angesteckt haben.“

Die entscheidende Botschaft, so Andreas Schobner, kaufmännischer Direktor, sei aber: „Hier gibt es Hoffnung und Hilfe.“ Das Problem: Die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation geht davon aus, dass Fachkliniken wie Sonnenblick insgesamt maximal 4000 Menschen mit Post-Covid-Syndrom behandeln können – angesichts von vielen Millionen Positiv-Getesteten sei das eine sehr geringe Zahl.

Von Björn Wisker

20.05.2021
20.05.2021
19.05.2021