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Marburg „Lokschuppen first“: Die Perle beginnt zu funkeln
Marburg „Lokschuppen first“: Die Perle beginnt zu funkeln
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10:50 20.01.2021
Einst wurden dort, wo Unternehmer Gunter Schneider (links) und Architekt Bernward Paulik nun sitzen, Loks gewendet: Die Drehscheibe am Ortenberg ist das Herzstück des Lokschuppens, der seit Monaten umgebaut wird.
Einst wurden dort, wo Unternehmer Gunter Schneider (links) und Architekt Bernward Paulik nun sitzen, Loks gewendet: Die Drehscheibe am Ortenberg ist das Herzstück des Lokschuppens, der seit Monaten umgebaut wird. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Rot, überall kräftiges Rot. Zumindest dort, wo nicht gerade mal große, mal kleine Graffiti und allerlei bunte Kritzeleien an den Backsteinen prangen. Zwei Männer stehen inmitten dieses meterhohen Mauerwerks, während die zugige Winterluft ihnen um die Ohren bläst. Einer betrachtet etwas, das wegen des Baufortschritts täglich mehr als „sein Werk“ zu bezeichnen ist. Gunter Schneider, Lokschuppen-Investor, sagt mit einem Lächeln im Gesicht: „Das wird, wir sind auf einem guten Weg.“

Schneider, der mit seiner Fronhäuser Optik-Firma international erfolgreiche und angesehene Geschäftsmann, spricht auch rund drei Jahre nach dem zermürbenden Kaufprozess, der mitunter persönlichen Kritik ihm und seinen Absichten gegenüber, weiterhin mit euphorischer Stimme über das Lokschuppen-Vorhaben. „Manches hier drin sieht trotz aller Reparaturen und moderner Elemente furchtbar, kaputt, nach einer Zumutung aus. Genau so soll das Bild sein, ein Bruch zwischen den Epochen“, sagt er.

Das mehr als 100 Jahre alte Gebäude wurde laut Architekt Bernward Paulik, dem anderen im Lokschuppen stehenden Mann, „an allen Ecken und Enden krumm, schief und nach dem Motto Hauptsache schnell fertig“ errichtet. Etwas, das den Umbau nicht nur komplizierter und teurer macht als kalkuliert. Vielmehr treffen Paulik, Schneider und die Handwerker ständig auf neue Überraschungen. So wäre eine der vielen Graffiti-übersäten Wände beim Gegenlehnen beinahe eingestürzt – sie stand fast lose, nur wenige Zentimeter tief in einem einst flux gegrabenen Erdloch. Mittlerweile sind die Mauern stabiler denn je, tragen das neue Dach samt den alten Schornstein-ähnlichen Aufbauten.

Von Mauerwerk bis zu Schrauben:Denkmalschutz steht im Zentrum

Die oberen Backsteinschichten der maroden Mauer ließ Schneider dafür abtragen, den alten, brüchigen Mörtel abklopfen und von einem Künstler Fugen und Bruchstellen ausbessern, abdichten. Danach wurden die alten, aber eben aufgepeppten Steine wieder auf die Mauer gebaut und eben die neue, stählerne Dachkonstruktion – auch diese auf alten Holzbalken und an Seilen hängenden, ebenso alten Eisenschlössern – aufgebaut. „Wir erhalten alles, was irgendwie zu erhalten ist: Vom tonnenschweren Dachbalken bis zur kleinsten Schraube“, sagt Schneider im Hinblick auf den Denkmalschutz.

Das größte Problem für ihn ist, Handwerker für den in vielen Bereichen komplizierten Bau zu finden. Es lässt sich für Betriebe deutschlandweit leichter Geld verdienen, als ein vor Denkmalschutz-Details wimmelndes Bauwerk aufzubauen. Am Eröffnungsdatum irgendwann im Sommer 2021 will Schneider trotzdem festhalten – Architekt Pauliks Mahnungen zum Trotz.

Wer in dem Gebäude steht, in dem einst Eisenbahnen gewartet und repariert wurden, erkennt dessen einstigen Zweck kaum wieder. Beziehungsweise: Er tut es genau in dem Maße, wie Investor Schneider das bei seinem Kaufgebot, seiner Plan-Präsentation ankündigte. „Jeder, der hier drin steht“, sagt er und dreht sich langsam im Kreis, „soll den Charakter, den Charme, die Geschichte und das Leben dieses Hauses spüren“, sagt er. Das Moderne, das sich vor allem über den Köpfen – Rohre, Leitungen, ein ganz neues Obergeschoss, Gastronomie und Firmengründer-Berater-Bereich – findet, soll „ein unnützes Gebäude wieder nutzbar machen“.

Jahrzehntelang verfiel das Gebäude, das umgebende Areal vor sich hin. Im Inneren tobten sich Sprayer, auch dubiose Gestalten der Drogenszene aus. Das Wetter tat für Dach, Fenster, Türen und Co. das Übrige. Die Drehscheibe, auf der einst Loks gewendet wurden, war von Büschen überwuchert. „Das soll eine Perle werden“, sagt Schneider. Seine Versessenheit, so nennt es auch Architekt Paulik, führt letztlich dazu, dass keine Kosten, erst recht keine Mühen gescheut werden. Selbst jedes alte, individuell gestaltete Tor, wird nach Originalvorbild neu gebaut. Alleine schon, damit – wie es der Klimaschutz verlangt – keine Energie, die durch Fernwärmeleitungen strömt, entweicht.

Bauplan-Änderung sieht Zugang zur Drehscheibe für Öffentlichkeit vor

Mit Paulik zusammen hat er die Baupläne in den vergangenen Jahren zigfach überarbeitet, nun mit einer vor allem für Besucher, für die Öffentlichkeit sprichwörtlich bahnbrechenden Idee: Der Lokschuppen wird in der Mitte geöffnet, auf Kosten des Nutzbereichs für Start-ups und Gastronomie. Es wird stattdessen eine Schneise zur Drehscheibe, dem einst funktionalen Herzstück der Anlage geschlagen. So entsteht ein Durchgang vom Waggonhallen-Areal durch den Neu-Lokschuppen in Richtung des Außenbereichs. „Ich will allen die Möglichkeit geben, an diesem Gebäude teilhaben zu können, ohne teilnehmen zu müssen“, sagt Schneider. So bleibt der Privatbesitz teilweise doch öffentlich.

Im Inneren wird der Neu-Lokschuppen aus drei Herzkammern bestehen: Einem Veranstaltungsbereich für mehrere hundert Gäste, einer voll auf aktuelle Essens-Trends ausgerichteten Gastronomie und einem Arbeitsbereich für die Gründerszene, speziell für Start-ups aus dem Technologiebereich. Ein Hauch Google oder Facebook soll es am Ortenberg geben, wenn Kreativköpfe, mutige Macher und Jungunternehmer in Arbeits-Zonen oder in Chillout-Bereichen aufeinandertreffen und die Geschäftsideen von morgen ausbrüten. „Kreativität braucht Atmosphäre, das Arbeiten von morgen – ach, schon von heute – funktioniert nicht ohne Freiräume. Sowohl was die Gestaltung von Büros als auch was das Denken angeht“, sagt er. Wenn einer in Marburg-Biedenkopf das wissen muss, dann er – kaum jemand hat so sehr die Start-up-Szene im Blick, wie Schneider.

Das angrenzende Hotel ist indes nicht nur wegen der Umplanung vor rund einem Jahr die größte Baustelle. Die Corona-Pandemie sorgt für ein Umdenken was Bedürfnisse künftiger Gäste angeht. Schneider feilt daher erneut am Konzept und gibt zu, dass ihm – zumindest, wenn er nicht auf das Geld, die Re-Finanzierung schaut – die mit Corona verbundenen Lehren nicht so ungelegen kommt. Ganz abgesehen davon, dass sich vor einigen Monaten der Christustreff als Hauptmieter des Tagungsbereichs zurückzog. So heißt es aktuell für Schneider: Lokschuppen first.

Von Björn Wisker