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Marburg „Ohne Hilfe gehen die Lichter aus“
Marburg „Ohne Hilfe gehen die Lichter aus“
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20:59 19.03.2022
"Kühlschrank leer - Brummi bringt's" - das könnte bald vorbei sein, wenn die Politik nicht bei den Energiepreisen einschreitet, sagen Gert Kautetzky (links) und Christian Michalak von der Spedition Kautetzky.
"Kühlschrank leer - Brummi bringt's" - das könnte bald vorbei sein, wenn die Politik nicht bei den Energiepreisen einschreitet, sagen Gert Kautetzky (links) und Christian Michalak von der Spedition Kautetzky. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Stadtallendorf

Preisschock in der Logistikbranche: Die Kosten für Dieselkraftstoff haben seit Januar um 50 Prozent zugelegt, der Preis für Flüssiggas LNG hat sich gar verdreifacht. „Die Politik muss dringend eingreifen“, sagt Gert Kautetzky, Geschäftsführer der Spedition Kautetzky in Stadtallendorf. „Ohne Hilfe gehen in der Logistik die Lichter aus“, sagt Kautetzky, „auch bei uns.“ Diese Warnung richtet auch der Bundesverband Güterverkehr Logistik (BGL) an die Politik: „Die aktuelle Preisexplosion bei den Kraftstoffen gefährdet in einem bisher nicht gekannten Ausmaß die Existenzen im mittelständischen Transport- und Logistikgewerbe. Die Unternehmer stehen unmittelbar vor der Aufgabe ihrer Geschäfte.“

„Der Markt ist leergefegt“

Die Situation in der Branche „ist schon seit dem vergangenen Jahr dramatisch“, sagt Kautetzky – Stichwort Fahrermangel. „Es gibt keinen Nachwuchs: 30 000 Fahrer gehen bundesweit jedes Jahr in Rente – und nur 15 000 rücken nach.“ Dabei sei der Bedarf an den Dienstleistungen in der Branche immens gestiegen, denn: „Jeder, der im Internet bestellt, trägt dazu bei, dass der Güterverkehr wächst.“ Kautetzky habe den Mangel bisher immer noch auffangen können, hat dabei auch schon ungewöhnliche Aktionen gestartet – etwa Stellenanzeigen auf „Platt“, also im Dialekt, geschaltet (die OP berichtete). Doch prinzipiell gelte: „Der Markt ist leergefegt.“

Dabei benötige Kautetzky für einige seiner Spezialgebiete – nämlich Transporte von Luftfracht oder für die Pharma-Industrie – noch höher qualifizierte Mitarbeiter. Es genüge nicht, „einfach nur von A nach B zu fahren. Wenn ich etwa eine Tour zum Flughafen habe, dann muss ich nachweisen, wo der Fahrer die letzten sechs Jahre gelebt hat“. Das sei gerade bei osteuropäischen Kräften nicht immer möglich.

Dieselpreise mehr als doppelt so hoch

Doch der Fahrermangel ist auch bei der Stadtallendorfer Spedition derzeit nicht das Hauptproblem. 50 Lastwagen umfasst die Kautetzky-Flotte. „Die Lkw verbrauchen durchschnittlich 45 000 Liter Kraftstoff in der Woche“, sagt Logistikmanager Christian Michalak. Die Spedition hat eine eigene Tankanlage, die 30 000 Liter fasst, „die wird zweimal in der Woche aufgefüllt“. Kostete Diesel im vergangenen Jahr noch „so um einen Euro herum“, so werde nun mehr als das Doppelte fällig. „Die Preise lassen sich nicht einfach auf unsere Kunden umlegen.“

Mit einigen Kunden habe man einen sogenannten „Floater“ vereinbart. Der funktioniert so: Einmal im Monat wird der durchschnittliche Kraftstoffpreis ermittelt – der wird laut Vereinbarung mit Kunden abgerechnet. Sollte der Durchschnittspreis einen gewissen Prozentsatz übersteigen, „so schlagen wir diesen auf“. Doch sei der Floater dazu gedacht, „wenige Cent je Liter auszugleichen – und nicht solche Sprünge, wie es sie nun gab“, sagt Gert Kautetzky. Es kommt ein weiteres Hindernis hinzu: „Ich fahre beispielsweise im Januar, dann kommt der Index Mitte Februar – und ab März darf ich dann mehr berechnen.“ Je nach Zahlungsziel des Kunden müsse Kautetzky dann mindestens acht Wochen in Vorleistung treten. „Das muss man erst mal aushalten.“

Gewerbediesel ja oder nein

Was würde den Spediteuren helfen? „Die Branche bräuchte dringend einen Gewerbediesel“, sagt Kautetzky. Damit ist ein – zeitlich befristet – staatlich gestützter Dieselpreis für den gewerblichen Verkehr auf Basis des Dieselpreises von Januar gemeint. „In zahlreichen Nachbarländern gibt es diese Lösung bereits“, sagt der Speditions-Chef. „Alternativ ist auch eine generelle Absenkung der Energiesteuern denkbar“, sagt Kautetzky. Zudem solle der staatliche Preisindex nicht monatlich, sondern wöchentlich erstellt werden, um den „Floater“ schneller umzusetzen. Hinzu kommt als weitere Forderung des BGL eine vorübergehende gesetzliche Verkürzung der Zahlungsziele auf maximal zwei Wochen zur Stärkung der Liquidität.

Wenn nun Speditionen aufgrund der Situation in die Insolvenz gehen müssten, „dann würden die Logistikketten komplett zusammenbrechen“, sagt Kautetzky. Leere Supermarktregale, fehlende Produktionswerkstoffe – vonseiten des BGL wird die Situation bereits „wie in Großbritannien nach dem Brexit“ verglichen.

Übrigens: Auch die Corona-Auswirkungen treffen Kautetzky noch. So tauscht das Unternehmen Lkw nach sechs bis acht Jahren aus. „Doch gibt es derzeit Wartezeiten von anderthalb Jahren“ – Stichwort Chipmangel. „Bestelle ich jetzt einen Lastwagen, der in eineinhalb Jahren kommt, dann kaufe ich vielleicht eine veraltete Schleuder, weil er zum Beispiel nur die Abgasnorm Euro 6 erfüllt – weiß ich, ob ich den bis 2031 fahren darf?, fragt er.

Von Andreas Schmidt