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Marburg Lockdown und keine Ende: Sie sind Marburgs Pechvogel-Wirte
Marburg Lockdown und keine Ende: Sie sind Marburgs Pechvogel-Wirte
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13:58 02.11.2020
Alex Kallioras und Ilona Sadowski vor dem "Gyroshaus Alex" / der „Lokomotive“ in der Ketzerbach: Sie sind im Corona-Lockdown Deutschlands ultimative Pechvögel-Wirte. Erst gab es im März einen Wasserschaden, dann kam der erste Lockdown. Nach einem monatelangen Rechtsstreit mit Verpächtern, waren sie nun startklar für die Wiedereröffnung – und prompt kommt der zweite Lockdown Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Das ist so keinem Wirt in Deutschland passiert: Alex Kallioras musste im März kurz vor dem ersten Lockdown sein Restaurant wegen eines Wasserschadens in der Küche dicht machen, jetzt kann er – nach Rechtsstreits und Reparaturen – wiedereröffnen; und das pünktlich zur nächsten Zwangs-Schließung der Gastronomie.

„Das Pech verfolgt mich. Das ist so bitter. Ich hatte so auf den Eröffnungstag und einen Neustart hin gefiebert, alle haben mich angefeuert und ich war Feuer und Flamme. Und jetzt das, ich kann es kaum glauben“, sagt Kallioras vom „Gyroshaus Alex“, auch als „Lokomotive“ bekannt. Er blickt auf mehr als sieben Monate ohne einen einzigen Euro Umsatz zurück, wird nun mindestens vier weitere Woche ausharren müssen. „Ich bin von jetzt auf gleich von 100 auf 0 gefallen. Ich wollte wieder durchstarten und lande im nächsten Lockdown. Diese Machtlosigkeit ist schlimm.“

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Erst ein Wasserschaden, dann ein zweiter Lockdown

Immerhin: Da die Küche nach dem Schaden nun wieder funktioniert, die Schäden im Boden repariert sind, kann und wird er Kunden in der Ketzerbach einen Abholservice anbieten. „Alleine schon, um wieder etwas zu machen, loslegen zu können.“ Eben einfach, weil es wieder losgeht – zumindest ein bisschen – strahlt Ilona Sadowski vor Freude. Sie arbeitet seit Jahren im Gyroshaus und „vermisst die Gesichter der Gäste. Das muss und wird ein Ende haben“.

Das Sommergeschäft, das in ganz Marburg nach Einschätzung aller Gastronomen überraschend gut lief, ist für die beiden in diesem Jahr komplett ausgefallen. „Was war das ein toller Sommer! Überall saßen die Leute draußen und ich konnte mir das in der Stadt nur ansehen. Mir hat das Herz geblutet“, sagt Kallioras, der nur am Wochenende und somit vor dem Lockdown ein paar Gäste bewirten konnte.

Dem Lok-Betreiber ist wegen des Dreifach-Pechs aus Wasserschaden, Lockdown und Rechtsstreit nach eigenen Angaben bereits eine sechsstellige Summe verlorengegangen. Erleichtert sind Sadowski und er, dass es zumindest für den laufenden Monat eine Staatshilfe geben soll, die sich nach den November-Vorjahresumsätzen berechnet. „Das Geschäft brummte, ich bin unverschuldet an diesen Punkt gekommen –und komme da auch wieder raus“, sagt er.

Dass es überhaupt solange gedauert hat, bis das Traditions-Lokal wieder öffnen kann, liegt nicht an dem Wasserschaden an sich, sondern an einem massiven Streit mit den Verpächtern. Diese hatten ihm kurz zuvor den noch zwei Jahren laufenden Pachtvertrag gekündigt, Handwerker kamen bis zuletzt, bis zu einem Gerichtsstreit mit dem Vermieter, nicht in das Haus (die OP berichtete).

Für Kallioras, seit fast 40 Jahren in der Gastronomie tätig, ist es in den vergangenen Monaten genug Aufregung und Stress gewesen. „Ich stand nie so unter Dampf“, sagt er.

Bis Anfang 2022, solange der Pachtvertrag noch läuft, kann und will er die Lok weiter fahren. Bis dahin hofft er auf Volldampf nur in der Küche.

Von Björn Wisker