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Marburg Lockdown bremst das Handwerk aus
Marburg Lockdown bremst das Handwerk aus
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09:58 16.02.2021
Ein Auszubildender im Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk während des Gasschweißens in einem Berufsbildungszentrum.
Ein Auszubildender im Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik-Handwerk während des Gasschweißens in einem Berufsbildungszentrum. Quelle: Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbil
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Es ist ein herber Einbruch, den das heimische Handwerk gerade erlebt: In der Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Kassel gab fast ein Drittel der befragten Unternehmer (29,2 Prozent) an, dass sie der aktuellen Geschäftslage die Note „schlecht“ geben – ein Jahr zuvor hatte dieser Wert noch bei 10,2 Prozent gelegen. Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel, verdeutlicht: „Die Verlängerung des Lockdowns stellt für viele betroffene Handwerksbetriebe eine schwere Belastung dar und droht, viele von ihnen in die Knie zu zwingen. Denn je länger uns die Pandemie im Griff hat, desto stärker wächst die Betroffenheit aller Handwerksbetriebe, weil es mittlerweile kaum mehr einen Bereich gibt, den die Einschränkungen nicht betreffen.“ Insofern machten sich die Folgen an vielen Stellen bemerkbar. Die Kammer gehe nicht davon aus, „dass der überwiegende Teil der Handwerksbetriebe an die konjunkturelle Hochphase, die wir vor Corona hatten, anknüpfen kann“, so Gringel. Das bestätige die Konjunkturumfrage, die das vierte Quartal 2020 umfasst.

Nach der Konjunkturerholung im Herbstquartal sind viele der Handwerksbetriebe im Kasseler Kammerbezirk durch die zweite Corona-Welle wieder in deutliche Turbulenzen geraten, und die Stimmung hat sich weiter verschlechtert. So sank die Anzahl der guten Bewertungen der aktuellen Geschäftslage von 45,5 auf 36,7 Prozent. Fast ein Drittel – 29,2 Prozent – geben der aktuellen Geschäftslage die Note „schlecht“, vor einem Jahr waren es 10,2 Prozent.

Noch drastischer bewerten die Handwerker die zukünftigen Geschäftserwartungen: Befürchteten im Vorjahr noch 18,4 Prozent eine Verschlechterung, waren es nun 38 Prozent. Lediglich 8 Prozent gehen von einer Verbesserung aus. Entsprechend hat sich der Geschäftsklimaindex entwickelt: Er sank im Vergleich zum Vorquartal um 23 Punkte auf 86,7 Punkte. Der Vorjahreswert hatte 110,5 Punkte betragen.

„Während im Bauhaupt- und insbesondere im Ausbaugewerbe nach wie vor gut zu tun ist, hat der Rest des Handwerks mit einer teils existenziellen Krise zu kämpfen“, so Gringel weiter. Dazu sagte Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg, im Gespräch mit der OP: „Beim Tiefbau und beim Straßenbau gibt es einen leichten Auftragsrückgang“, sagte er im Gespräch mit der OP. „Was jedoch Hoffnung macht ist, dass der Hochbau relativ konstant ist.“ Der Auftragsbestand dort sorge „in der Folge ja auch für weitere Aufträge, wenn es etwa um den Ausbau geht“, so Moog. Insgesamt herrsche jedoch eine Unsicherheit, „sowohl bei den Kommunen als Auftraggeber als auch bei gewerblichen und privaten Kunden gibt es viele Unsicherheiten. Meine Sorge ist, dass dies dazu führt, dass weniger gebaut oder modernisiert wird“, erläutert Moog. Er hofft, möglichst schnell aus dieser Situation herauszukommen, „damit es wieder Planungssicherheit und Perspektiven gibt.“

Das Stimmungsbarometer stürzte insbesondere bei den privaten Dienstleistern wie Friseuren und Kosmetikern in der Konjunkturumfrage regelrecht ab: Dort schätzen 70 Prozent ihre aktuelle Geschäftslage als schlecht ein. Auch die Kfz-Betriebe betrachten die aktuelle Situation alles andere als rosig, der Autohandel liegt nach wie vor brach und die Werkstätten sind durch die gesunkenen Wartungsintervalle nur schwach ausgelastet. Die Bäcker und Fleischer leiden unter der Schließung der Verzehr-Bereiche und dem Wegfall des Catering-Geschäftes.

Auch die Handwerke für den gewerblichen Bedarf müssen Umsatzeinbußen hinnehmen, da die Industrie angesichts der zurückgegangenen Nachfrage weniger Aufträge zu vergeben hatte.

Die gegenwärtig schlechte Lage der Betriebe spiegelt sich vor allem bei den Auftragseingängen wider: 42,4 Prozent mussten laut Kammer Auftragseinbußen und 35,1 Prozent Umsatzrückgänge hinnehmen. Außerdem beklagt knapp ein Fünftel der Betriebe, nicht einmal zur Hälfte ausgelastet zu sein. Die gesamte Betriebsauslastung sank binnen Jahresfrist um 4,1 Prozentpunkte auf 75,8 Prozent und der durchschnittliche Auftragsbestand lag Ende Dezember bei 8 Wochen (Vorjahr: 9,3 Wochen), die stark vom Ausbaugewerbe geprägt sind.

Es zeige sich also: Obwohl die mittel- bis langfristigen Aussichten durchaus positiv seien, sähen die Handwerker zurzeit nur wenig Licht am Ende des Tunnels. Die erneute Verlängerung des Lockdowns „wird die gesamte Wirtschaft im ersten Quartal weiter stark belasten und gerade in den besonders betroffenen Bereichen des Handwerks die Krise weiter vertiefen“, ist sich Heinrich Gringel sicher. „Dass die Handwerksbetriebe das bereits einkalkulieren, zeigte die Konjunkturumfrage deutlich.“ Lediglich 9,2 Prozent der Umfrageteilnehmer gehen von einer Verbesserung der Geschäftslage in diesem Quartal aus, während 38 Prozent mit einer weiteren Verschlechterung rechnen.

Dass sich auch die Bau- und Ausbaubranche recht pessimistisch zeigten, sei hoffentlich nur „eine kurzfristige Momentaufnahme, da die langfristigen Indikatoren der Branche auf ein stabiles Jahr 2021 hindeuten“. Für das Kfz-Handwerk und die Handwerke für den gewerblichen Bedarf werde die Lage noch mindestens das Frühjahr über schwierig bleiben. Die zweite Jahreshälfte sollte laut Einschätzung der Kammer eine deutliche Erholung bringen – vorausgesetzt, die Konjunktur ziehe wieder an. „Nachdem die ersten beiden Monate des Quartals aber maßgeblich von der Pandemie geprägt sind und auch im März nur mit schrittweisen Lockerungen zu rechnen ist, werden sich die pessimistischen Erwartungen der Handwerker vermutlich bestätigen“, fürchtet Gringel. „Der Jahresbeginn wird nicht zuletzt umsatzmäßig erheblich hinter dem des letzten Jahres zurückbleiben.“

Von Andreas Schmidt

16.02.2021
16.02.2021