Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Gastronomie stellt sich der Krise
Marburg Gastronomie stellt sich der Krise
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:58 27.11.2020
Giuseppe Tomasi bereitet sardische Curlogiones – gefüllte Nudel – mit einem Lammragout zu. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
Anzeige
Marburg

Ursprünglich sollten sie für den „Lockdown light“ im November 75 Prozent ihres Vorjahres-Novemberumsatzes erhalten. Und auch für den Dezember sind weitere Hilfen vorgesehen. In welcher Höhe ist jedoch noch nicht klar, denn der Dezember ist mit seinen vielen Weihnachtsfeiern ein sehr umsatzstarker Monat.

Lieferservice

Doch wie kommen die heimischen Gastronomen mit der Situation klar? Eine Stichprobe. Giuseppe Tomasi, Inhaber des Restaurant „Pepe’s“ in der Johann-Konrad-Schäfer-Straße, behilft sich wie schon während des ersten Lockdowns mit einem Lieferservice. Er hatte damals gerade sein Restaurant neu eröffnet und musste mit dem veränderten Konzept an den Start gehen (die OP berichtete).

Anzeige

Doch ist der Lieferservice derzeit nicht besonders nachgefragt. „Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Leute in Kurzarbeit sind, es ihnen wirtschaftlich nicht so gut geht – oder sie einfach Angst vor dem Virus haben“, sagt er.

Dabei hatte sich das Geschäft nach dem ersten Lockdown recht gut entwickelt. „Jetzt wäre eigentlich die Zeit, Luft atmen zu können – aber plötzlich sind wir auf Hilfe angewiesen, denn die Kosten laufen weiter.“ Lieferanten, Miete – „wenn der Staat uns hilft, dann schaffen wir es. Auch, wenn wir zwei Monate lang weniger verdienen. Denn eines dürfen wir nicht vergessen: An dem Virus sterben Menschen“, sagt Tomasi. Sein Restaurant war im Dezember bereits gut gebucht, „die Freitage und Samstage waren voll“. Doch Giuseppe Tomasi hofft: „Im Dezember wird der Lieferdienst bestimmt besser angenommen“ – er sei optimistisch. Und nutzt die Zeit, um mit der Ware, die er zum Teil bereits hat, neue Rezepte zu kreieren.

Michael Hamann, Geschäftsführer von Vila Vita Marburg, betont: „Für uns Gastronomen ist die Situation eine Katastrophe. Denn wir können unserer Leidenschaft nicht nachgehen – das ist so, als würde man einem Fußballer verbieten, nach jahrelangem Training in der Bundesliga zu spielen.“ Denn Ziel der Branche sei es auch, „Glanz in die Augen der Gäste zu zaubern – das tun alle Gastronomen, wenn sie mit Herzblut bei der Sache sind. Essen gehen ist nämlich mehr, als nur Nahrungsaufnahme – das ist Lebensqualität, das sind Glücksgefühle“, so Hamann.

Und natürlich spiele auch die finanzielle Situation eine Rolle. „Wenn irgendwann mal die Mittel kommen sollten, dann kommen wir mit einem blauen Auge aus diesem Lockdown“, sagt Hamann. Zum Glück habe es einen gastronomisch guten Sommer gegeben, „doch reicht der nicht, um den Frühjahrs-Lockdown aufzuwiegen“. Und das Wintergeschäft, das lasse sich gar nicht kompensieren. „Unser Lieferdienst läuft zwar wirklich gut. Aber das ist mehr ein Dankeschön an unsere Kunden als ein wirtschaftlicher Gewinn.“

Auch Andreas Kallioras, Inhaber des Traditions-Restaurants „Korfu“ in der Ketzerbach, hatte der erste Lockdown seinerzeit hart getroffen, denn er hatte sein Restaurant kurz zuvor aufwendig umgebaut. Und er setzt – anders als viele seiner Kollegen – weder auf einen Liefer-, noch auf einen Abholservice. Warum? „Wir sind bekannt für unsere Fischspezialitäten. Und unsere Kunden haben zu Recht sehr hohe Erwartungen an die Qualität unserer Speisen“, sagt Kallioras. Er habe bereits während des ersten Lockdowns feststellen müssen, dass „sich unsere feinen Fischgerichte einfach nicht zum Verpacken und Mitnehmen eignen“, sagt er.

Darunter würde die Qualität leiden – und das genüge weder den eigenen Ansprüchen „noch denen unserer Kunden. Ein Fischgericht, das nach dem Abholen noch ewig nach Hause gebracht werden muss, kann nie so gut sein, wie frisch zubereitet.

Und wir wollen für unsere Kunden einfach das Beste“, so Andreas Kallioras. Auch eine modifizierte Version der bewährten und von den Gästen geschätzten Gerichte könne dem Anspruch nicht gerecht werden. Dass der zweite Lockdown ausgerechnet die Gastronomie treffe, dafür hat er wenig Verständnis. „Hygiene spielt in der Gastronomie ja sowieso eine große Rolle. Und wir haben schnell alle Anforderungen erfüllt, hatten ein ausgefeiltes Hygienekonzept, das bei uns wegen der offenen Küche ohnehin schon hoch war“, sagt Kallioras.

Zusätzlich habe er noch Luftfilter angeschafft, um den Gästen noch mehr Sicherheit zu bieten. Vor diesem Hintergrund sei die Schließung der Gastronomie „wenig verständlich“.

Novemberhilfe

Immerhin könne die Novemberhilfe die schlimmsten finanziellen Ausfälle abfedern, „wenn sie denn endlich gezahlt würde“, so der Gastronom. Und auch, dass der Dezember finanziell kompensiert werden soll, bezeichnete er als große Hilfe. Doch sei Gastronomie mehr als nur das Zubereiten von Speisen. „Es ist der direkte Kundenkontakt, das Miteinander und vieles mehr, das die Gastronomie ausmacht“, weiß er. Kallioras betont: „Das Korfu gibt es jetzt seit 25 Jahren – wir haben es immer geschafft, uns an die Bedürfnisse und die Gegebenheiten anzupassen – das wird uns auch jetzt wieder gelingen. Daher freuen wir uns, wenn wir nach dem Lockdown wieder für unsere Kunden da sein können.“

Von Andreas Schmidt

Marburg Lockdown-Verlängerung - Handel zwischen Bangen und Hoffen
27.11.2020
27.11.2020