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Marburg Dynamik fungiert als Baumeister
Marburg Dynamik fungiert als Baumeister
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09:59 09.08.2019
Auf einer Länge von anderthalb Kilometern wird die Lahn zwischen Cappel, Gisselberg und Ronhausen renaturiert. Dafür werden 100.000 Kubikmeter Erde bewegt, um den Fluss auf das Dreifache zu verbreitern. Quelle: Regierungspräsidium Gießen
Gisselberg

Die Universitätsstadt Marburg hatte im Jahr 2013 die Idee mit der Renaturierung der Lahn südlich der Steinmühle.

Dann hat es fünf Jahre gedauert, bis die Planung fertig war und genügend finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Nun konnten die die Bagger endlich starten.

Auf den ersten Blick sieht es eher wie Naturzerstörung denn Naturerhaltung aus. Ein Traktor nach dem anderen wird in den nächsten Wochen mit 70.000 Kubikmetern Oberboden beladen. Der landet auf anderen Ackerflächen oder bei der Renaturierungsfläche von Holcim.

„Ein Fluss hat viele Ansprüche“

Während der gesamten Baumaßnahme werden etwa 100.000 Kubikmeter Erde und Kies bewegt. Bis Oktober dauert es ungefähr, bis die Lahn etwa 40 Meter breiter ist, dafür aber viel flacher wird. 1,6 Millionen Euro investiert das Regierungspräsidium Gießen, damit die Lahn auf diesem Teilstück wie früher fließen kann.

„Ein Fluss hat viele Ansprüche“, sagte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich beim obligatorischen Spatenstich und hob die Erweiterung des Lebensraums hervor. „Dabei geht es nicht nur um die Fische, sondern auch um Amphibien, Vögel und Fledermausarten.“ So sollen sich die Kreuzkröte, der Kiebitz oder die Bartfledermaus bald wieder heimisch fühlen zwischen Gisselberg, Ronhausen und Cappel. Denn genau für jene „Klimaverlierer“ sind diese gezielten Maßnahmen des EU-Life-Projektes „Living Lahn“.

Thomas Schmidt (links) vom Ingenieurbüro aus Kassel erklärt dem Regierungspräsidenten Dr. Christoph Ullrich die Renaturierung an der Lahn in Gisselberg. Foto: Katja Peters

„Nach den Bauarbeiten wird es hier erst einmal grausig aussehen“, sagte Ullrich, betonte aber: „Ich bin sicher, dass das Geld hier sinnvoll umgesetzt wird.“ Denn die Nutzer seien nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen.

Die benötigten Flächen gab es übrigens von der Stadt. Das vereinfachte die Planung und kommt nur noch selten vor. „Die Natur in ihrer Schönheit zu erhalten, das ist auch unsere Aufgabe“, so Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU). „Klimaschutz läuft nicht erst seit Greta Thunberg“, betonte er an der Gisselberger Spannweite noch einmal.

„Wir legen neue ‚alte‘ Strukturen an“

Doch was passiert denn nun in den kommenden Monaten genau? Dazu machten Thomas Schmidt von der Gesellschaft für Wasserwirtschaft, Gewässerökologie und Umweltplanung aus Kassel sowie Herbert Diehl vom Regierungspräsidium, Dezernat Fließgewässer und Hochwasserschutz, vor Ort genaue Ausführungen.

Auf einer Länge von anderthalb Kilometern sollen Wechselwasserzonen entstehen und das Flussbett drei Mal so breit werden wie heute. „Wir legen sozusagen neue ‚alte‘ Strukturen an“, erklärte der Ingenieur und meint damit Hochflutrinnen, Seitenarme, Sandbänke und Verzweigungen. „Eben so, wie es vor der Begradigung vor Jahrhunderten einmal ausgesehen hat“, ergänzte Thomas Schmidt.

„Hilfe zur Selbsthilfe“ für die Natur

Er betonte, dass es so gut wie keine Neuanpflanzungen geben wird. „Der Anwuchs funktioniert von ganz allein. In zwei Jahren werden die ersten Weiden- und Erlensämlinge zu sehen sein. In fünf Jahren gibt es hier einen kleinen Auenwald“, ist er sich ganz sicher. Auch die Neophyten wie beispielsweise Knöterich oder Bärenklau sollen natürlich klein‑
gehalten und eingedämmt werden.

Herbert Diehl vom Regierungspräsidium Gießen sprach von einer „Stauwurzel-Renaturierung“ und meinte damit, dass zukünftig der hohe Wasserstand verschwinden und sich auch die Fließgeschwindigkeit verändern wird. „Es wird also keine Barock-Renaturierung, sondern wir geben Hilfe zur Selbsthilfe“, erklärte er und ergänzte: „Die Natur holt sich sehr schnell Lebensraum zurück. Ihre Dynamik fungiert sozusagen als Baumeister.“

Bauarbeiten an der Lahn während der Renaturierungsarbeiten. Foto: Katja Peters

Soll heißen, dass die Rinnen und Nischen, Inseln und Verzweigungen zwar künstlich angelegt werden, aber nicht immer wieder freigebaggert werden, wenn sie sich natürlich verändern. „Das ist eine heterogene Landschaft“, erklärte Diehl, der auch von einem „Mosaik von verschiedenen Lebensräumen“ spricht.

Selbst wenn im Nachhinein nichts mehr verändert wird, so wird es beispielsweise jährlich nach der Hochwassersaison eine Kontrolle geben. Monitoring nennt das Regierungspräsidium diese Arbeit. Denn die Beteiligten wollen schon sehen, ob die Renaturierung funktioniert.

An der Fulda konnte das bisher bejaht werden. Dort wurden auch neue „alte“ Strukturen geschaffen und bei den Kontrollen festgestellt, dass die Ideen sozusagen von der Natur umgesetzt wurden. Ähnliche Erfahrungen wurden auch in Lollar an der Lahn gemacht.

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Denn solche Projekte, wie sie jetzt an der Gisselberger Spannweite umgesetzt werden, werden im gesamten EU-Programm ökologische „Trittsteine“ genannt.

Denn es können nur Teilbereiche der Lahn von der Quelle in Nordrhein-Westfalen bis zur Mündung in den Rhein bei Lahnstein renaturiert werden.

„Wenn diese ‚Trittsteine‘ aber nicht zu weit auseinanderliegen, dann geht deren Wirkung auf den nicht veränderten Strecken auch nicht so schnell verloren“, so die Erfahrungen von Herbert Diehl.

Noch bis 2025 läuft das „Living-Lahn“-Projekt, insgesamt werden 21 Teilprojekte umgesetzt. Zwei davon in Marburg und Umgebung. Neben der Renaturierung an der Gisselberger Spannweite gibt es noch bis 2023 bestandsstützende Maßnahmen für Äsche und Nase . Nun sollen sich ab Oktober auch wieder die Watvogelarten Bekassine, Kiebitz oder Flussregenpfeifer ansiedeln. Wie früher, als die Lahn noch nicht begradigt war.

von Katja Peters