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Marburg Literaturpreis für großen Denker
Marburg Literaturpreis für großen Denker
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15:54 16.09.2021
Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski (Mitte) wurde mit dem Literaturpreis der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG) ausgezeichnet. Das Foto zeigt ihn mit der ehrenamtlichen Stadträtin Sevin Yüzgülen und dem NLG-Vorsitzenden Ludwig Legge.
Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski (Mitte) wurde mit dem Literaturpreis der Neuen Literarischen Gesellschaft (NLG) ausgezeichnet. Das Foto zeigt ihn mit der ehrenamtlichen Stadträtin Sevin Yüzgülen und dem NLG-Vorsitzenden Ludwig Legge. Quelle: Uwe Badouin
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Marburg

Die Marburger Neue Literarische Gesellschaft hat Rüdiger Safranski mit ihrem Literaturpreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 3 000 Euro dotiert, er wird von den Vereinsmitgliedern (2 000 Euro) und der Stadt Marburg (1 000 Euro) finanziert. Überreicht wurde er am Dienstagabend anlässlich einer Lesung des Literaturwissenschaftlers, Philosophen und Schriftstellers vor rund 40 Besucherinnen und Besuchern in der Lutherischen Pfarrkirche. Safranski stellte dort sein neues Buch „Einzeln sein“ vor, das vor drei Wochen im Hanser-Verlag erschienen ist.

Die erste Auflage in Höhe von 20 000 Exemplaren ist bereits nahezu vergriffen. Es sei eine besondere Ausgabe mit Leineneinband und Lesebändchen, freut sich Safranski. In Kürze wird die zweite Auflage erwartet.

15 Bücher hat der 1945 in Rottweil geborene Safranski seit 1984 veröffentlicht – wichtige und bedeutende Monografien etwa über E.T.A. Hoffmann, über Schiller, Goethe, Nietzsche, Schopenhauer oder Heidegger. Aber auch philosophische Studien über die „Zeit, und was sie mit uns macht“, über „Das Böse oder Das Drama der Freiheit“, über die Fragen „Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?“ oder „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“

Geistesgeschichte regt zum Weiterlesen an

Es sind Bücher über die deutsche Geistesgeschichte, die das Bildungsbürgertum ansprechen – und das mit großem Erfolg. „Es sind Bücher, die zum Wiederlesen anregen“, sagt auch Ludwig Legge, seit einer kleinen Ewigkeit Vorsitzender des ältesten Marburger Literaturvereins. Zehn seiner 15 Bücher hat Safranski in den vergangenen 30 Jahren bei der NLG vorgestellt. Und immer waren seine Lesungen „sonntags um 11“ im Café Vetter überfüllt. Der neue Dienstagstermin hat sich – wie die 40 Besucher zeigen – noch nicht durchgesetzt. Oder liegt es an Corona?

Rüdiger Safranski hat in seiner langen Karriere zahlreiche bedeutende Preise erhalten. Den Friedrich-Nietzsche-Preis, den Preis der Leipziger Buchmesse, den Konrad-Adenauer-Preis, den Thomas-Mann-Preis, die E.T.A. Hoffmann Medaille, das Verdienstkreuz 1. Klasse, den Deutschen Nationalpreis und er war 2010 Pfeifenraucher des Jahres. Nun also der Literaturpreis der NLG. Freut er sich darüber? Aber ja. Bei der Übergabe des Preises reckt das Gründungsmitglied der maoistisch orientierten Kommunistischen Partei Deutschlands/Aufbauorganisation (1970 im Alter von 25 Jahren) ganz kurz den rechten Arm in die Luft.

Neues Buch über das „Einzeln sein“

Mehr Überschwang dürfen die Zuhörer aber nicht erwarten. Im Zentrum der Veranstaltung steht natürlich sein neues Buch „Einzeln sein“, „eine philosophische Herausforderung“, wie es im Titel weiter heißt. Letzteres ist es – für den Leser oder die Leserin wie für jeden Einzelnen – insbesondere in der heutigen „digitalen Gesellschaft, die jedem so nah reicht wie noch nie in der Geschichte“, sagt Safranski. „Einzeln sein“ nur mit sich, ein Individuum sein in einer Gesellschaft, in der jeder und alles „in Echtzeit auf Dauer“ miteinander verknüpft ist – ist das möglich?

Safranskis neues Buch sei „ein wichtiger Kompass“, sagte Legge in seiner Begrüßung. Safranskis Kompass führt von der italienischen Renaissance, „einer Epoche, in der ein Neuaufbruch des Individualismus stattgefunden hat“, über die Neuzeit und Romantik bis zum Existenzialismus des 20. Jahrhunderts. Safranski unterscheidet zwischen Gesellschaften mit stärkerem „Wir“-Pol und Gesellschaften mit stärkerem „Ich“-Pol. Die barbarischste Form ist für ihn ein kollektives System nach dem Motto „Ich bin nichts, die Nation ist alles“ – etwa im Nationalsozialismus.

Rüdiger Safranski: „Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung“, Hanser-Verlag, 2021, 288 Seiten, 26 Euro.

Von Uwe Badouin

16.09.2021
15.09.2021