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Marburg Liebevolle Sanierung überzeugt die Jury
Marburg Liebevolle Sanierung überzeugt die Jury
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09:00 26.07.2022
Hausbesitzerin Katja Berkling und ihr Ehemann stehen vor der Tür des renovierten ehemaligen Tagelöhnerhauses in Dilschhausen.
Hausbesitzerin Katja Berkling und ihr Ehemann stehen vor der Tür des renovierten ehemaligen Tagelöhnerhauses in Dilschhausen. Quelle: Archivfoto: Manfred Hitzeroth
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Marburg

Sie hat aus einem maroden Haus ein Schmuckstück gemacht – und damit einen doppelten Erfolg erzielt: Katja Berkling kann heute nicht nur im ehemaligen Tagelöhnerhaus in Dilschhausen wohnen, sie hat mit der Sanierung außerdem den Hessischen Denkmalschutzpreis gewonnen. Am Donnerstag konnte die Marburgerin im Biebricher Schloss in Wiesbaden die Urkunde für den ersten Platz in der Kategorie Privates Bauen entgegennehmen – verbunden mit 7 500 Euro Preisgeld. „Das ist eine große Anerkennung für die Anstrengungen, die in den zwei Jahren Sanierung stecken“, sagte Berkling der OP. „Es ist schön, dass es wertgeschätzt wird, wenn ein altes Haus erhalten wird.“

Das 1712 erbaute Tagelöhnerhaus ist das zweitälteste Gebäude in Marburgs kleinstem Stadtteil – nur die Kirche ist noch älter. „Ich war auf der Suche nach einem kleinen Haus“, berichtete Berkling, „es passte von der Größe sehr gut.“ Das zweistöckige Fachwerkhaus hat eine Grundfläche von 30 Quadratmetern und einen Garten. Aber: „Es war in einem sehr schlechten Zustand – es war vom Einsturz bedroht“, berichtete Berkling.

Die Probleme für die Gebäudesubstanz reichten von Wasserschäden an der Fassade bis hin zu maroden Fachwerkbalken im Inneren des Hauses. Berkling wollte das Haus vor dem Abriss bewahren – fragte sich aber auch: Lässt es sich erhalten? Gemeinsam mit dem Architekten Holger Frisch und der Denkmalschutzbehörde schaute sie, was an dem Haus getan werden muss und welche Fördermittel es gibt. Schließlich kam sie zur Erkenntnis: „Es ist möglich.“ Sie kaufte das Haus und ließ es ab dem Herbst 2018 sanieren.

Dabei legte die Marburgerin auch selbst Hand an – gemeinsam mit ihrem Mann Lars Hildebrandt und ihren beiden älteren Söhnen. So nahmen sie alte Gefache heraus, verlegten neue Böden, schliffen alte Böden ab und erledigten Malerarbeiten. „Aber alle großen Gewerke haben Fachfirmen gemacht“, betonte Berkling. Die neue Eigentümerin ließ das Dach mit Biberschwanzziegeln decken, historische Fenster und die Haustür reparieren. Wo ursprünglich eine offene Feuerstelle mit Esse war, befindet sich jetzt die Küche. Ein Teil des Dachgeschosses wurde in Absprache mit den Denkmalschutzbehörden als Empore ausgebaut.

Jury lobt stimmige und hochwertige Umsetzung

Die Jury des Denkmalschutzpreises, die das sanierte Haus Anfang Juni begutachtete, war voll des Lobes. „Die Instandsetzung des Tagelöhnerhauses in Dilschhausen überzeugte die Jury vor allem aufgrund der durchweg stimmigen und hochwertigen handwerklichen Umsetzung sowohl im Innenraum als auch an der Gebäudehülle“, teilte das Landesamt für Denkmalpflege mit. Im Inneren lobte die Jury den liebevollen Erhalt von Details – etwa die Beibehaltung der Esse und der unebenen Wände –, die den Charakter und den besonderen Charme des Hauses prägten. Auf diese Weise sei die Zukunft der Tagelöhnerhäuser im Landkreis Marburg-Biedenkopf „zumindest durch dieses liebevoll sanierte Objekt mit Selbstversorgergarten gesichert“, resümiert die Jury.

Von Stefan Dietrich

Tagelöhnerhaus

Sogenannte Tagelöhnerhäuser gab es früher in vielen Dörfern. Das 1712 erbaute Tagelöhnerhaus in Dilschhausen gilt als das älteste im Marburger Stadtgebiet. Errichtet wurde es ursprünglich als Behausung für Menschen mit wenig Geld, die in der Landwirtschaft mitarbeiten. Noch kurz vor dem Krieg wohnten fünf Erwachsene und ein Kind in dem Haus.

Nach dem Tod der letzten Eigentümerin im Jahr 2011 hatte das als Einzelkulturdenkmal ausgewiesene Gebäude lange leer gestanden. Weil niemand das Erbe antreten wollte, fiel es an das Land Hessen. Die Stadt Marburg erwarb das Haus im Jahr 2016 für den symbolischen Betrag von einem Euro, um es an Privatleute weiterzuverkaufen – mit der Maßgabe, das Haus zu erhalten und fachgerecht sanieren zu lassen.