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Marburg Nostalgie und Trauer überwiegen
Marburg Nostalgie und Trauer überwiegen
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21:08 28.04.2019
Hits aus den 90ern, 2000ern und von heute: In der Diskothek „Kult“ tanzten Partygänger auf der letzten Fete des Feierschuppens von Samstagabend bis zum Morgengrauen des nächsten Tages. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Schwarz wie die Nacht ist die Außenwand der Diskothek Kult, an die sich die Partygänger anlehnen. Darauf wartend, dass die ebenfalls in Schwarz gekleideten Türsteher ihre Ausweise kontrollieren und grünes Licht zum Tanzen, Trinken und Turteln geben. Es ist kalt. Das Partyvolk begehrt zügigen Einlass.

Milos Kahler beobachtet die Menschenschlange. Er lächelt. Ihn und die Außenfassade der Disko verbindet etwas. Das rote Emblem mit den Initialen „TD“ – Abkürzung für Till Dawn, der jetzige Namen des Kult – hat der promovierte Biologe vor acht Jahren zusammen mit einigen Helfern an die Wand gemalt. Nun heißt es Abschiednehmen von dem „Schuppen“, in dem er im Jahr 2010 gearbeitet hat. „Ich saß vorhin ein wenig nostalgisch an der Theke und konnte es eigentlich nicht so ganz glauben, dass es vorbei ist“, sagt der 32-Jährige, bevor er wieder im Innern der Disko verschwindet.

Wie ihm geht es in dieser Nacht einigen. Und da ist es auch kein Trost, dass das jetzige Till Dawn, also „Bis zum Morgengrauen“, den Namen zum Programm macht. Für gewöhnlich gehen um 5 Uhr morgens die Lichter an und die Feiernden nach Hause. Für My Lau und ihre Freundinnen, die häufig die Tanzflächen Marburgs unsicher machen, ist das Ende der Diskothek eine „Katastrophe“. „Das ist schon traurig, weil besonders die 90er-Parties hier legendär waren. Wegen den drei Tanzflächen war für jeden etwas dabei“, sagt Lau. Den Abwechslungsreichtum der Parties, ob Rock und Metal, Techno oder anderes, haben die jungen Frauen im Alter von 19 bis 20 Jahren immer geschätzt.

Aber damit ist seit Sonntagmorgen Schluss. Zum großen Finale, bei dem auch Sascha Müller, der Besitzer der Disko, auflegt, wird noch einmal alles herausgehauen. Auf den verschiedenen Tanzflächen wird im Laufe der Nacht fast jede Musikrichtung serviert. Und der Ohrenschmaus fährt den Feiernden, die im Hexenkessel um die Wette schwitzen, mächtig in die Beine.

Der 18-jährige Tim Schmidt gehört nicht zu den Kult-Veteranen und sitzt draußen auf einer Bank vor dem Eingangsbereich der Diskothek. „Das ist für mich das erste Mal, dass ich hier bin. Schade, dass es schließt. Viele Möglichkeiten zum Feiern in Marburg gab es ja schon vorher nicht. Und jetzt noch eine weniger“, bedauert er, bevor er sich zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal in die Schlange Wartender einreiht, um bis zum Morgengrauen zu tanzen.

von Benjamin Kaiser