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Marburg Letzte Party im "Kult"
Marburg Letzte Party im "Kult"
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00:18 30.04.2019
Die Diskothek "Till Dawn" in Marburg schließt zum 30. April. Quelle: Marcello Di Cicco
Marburg

Und immer tief in einer dieser Wochenendnächte gab es die wohl berühmteste aller Hebefiguren. Wann immer im Lager – dem zweiten großen Diskothek-Dancefloor – „Time Of My Life“ aus den Boxen dröhnte, stellten Laura Strecker und Andreas Müller „Grease“ nach. „Das waren damals geile Zeiten! Es gab Phasen, da waren wir mit unserer Clique jede Woche zum Feiern da“, sagt die heute 37-jährige Strecker. Damals – für sie und Müller, heute ihr Ehemann, damals ihr Freund, war das die Zeit nach der Jahrtausendwende. Als man vorglühte, oft noch auf dem Parkplatz, auf Motorhauben der dort abgestellten Autos stand.

„Das Kult war für mich und viele meiner Freunde der Beginn des Ausgehens, der Sturm- und Drangzeit“, sagt der 40-jährige Müller, der sich an so manche auf dem Männer-WC turtelnden Paare – oder solche, die es noch wurden – erinnert.

Teilweise 2.500 Gäste am Abend

An ebensolche und diverse andere Anekdoten, von denen das Kult so einige hervorgebracht hat, erinnern sich auch zahlreiche ehemalige Mitarbeiter, von der Tür bis zur Theke. „Das Kult war damals der Renner in Marburg, jedes Wochenende ging es ab“, erinnert sich Türsteher Matthias Dalwig. Zu Hochzeiten quetschten sich am Abend bis zu 2 500 Partygänger in die Halle. Da flogen auch mal Flaschen oder vor der Tür die Fäuste. „Klar gab es auch Stress, aber wir hatten es mit einem relativ kleinen Team unter Kontrolle“, sagt Dalwig. Er erinnert sich an einige Schlägereien oder an besonders skurrile Gäste, von denen sich so mancher auch mal entblätterte. „Einer hat sich mal komplett ausgezogen und rannte nackt durch das Kult, er fand das total lustig.“ Auch eine junge Frau genoss es einmal, nackt und mit Edding bemalt vor den Türstehern zu flüchten. Andere Gäste lernten sich im Kult dagegen lieben, das jahrelang durchaus als die Party-Partnerbörse galt. „Das Kult hat so viele Paare hervorgebracht, so viele tolle Leute, es war die geilste Zeit meines Lebens“, sagt Lichttechnikerin Mandy Ebisch.

Gemeinsam baute das Kult-Team den Laden mit auf, arbeiteten teils ab 1995 mit am Umbau des ehemaligen Lagerhauses – passenderweise ein Bierlager – zum neuen Treffpunkt der Clubszene. „Es gab geile Zeiten, nervige Gäste, tolle Kollegen und immer Spaß bei der Arbeit“, sagt Jennifer Mollaakbari.

Drei Ebenen für Musik

Deko wurde dabei groß geschrieben. Das Bild der drei „Floors“ änderte sich stetig, mal wurde die Theke zur Skihütte, mal zur Beachbar, mal gab es spontane Mottopartys, dann den „Mo Club“. „Es wurde immer weiterentwickelt, es waren legendäre Zeiten“, sagt Kult-Betreiber Wolfgang Richter.

Musikalisch hatte das Kult einiges zu bieten. Einerseits drei verschiedene Stile für Tanzwütige, andererseits Live-Auftritte bekannter Musikgrößen. Unter anderem waren „Die Schröders“ Stammgäste, auch „Blümchen“ weilte bereits auf der Kult-Bühne. „Alle Szenen wurden zusammengewürfelt, eine große Familie, und es hat funktioniert“, schwärmt Timo Baldoa.

Seit Jahren schon gibt es das klassische Kult nicht mehr. Demnächst soll auch die alte Halle der Planierraupe zum Opfer fallen. Was bleibt, ist die Erinnerung der mittleren Generation an ihre Party-Pubertät. „Es war einfach Kult“, sagt Dalwig.

von Björn Wisker und Ina Tannert