Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg AfD kritisiert Anti-Rechts-Lesung
Marburg AfD kritisiert Anti-Rechts-Lesung
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:58 04.12.2019
Die AfD um Johannes Hühn kritisiert vor allem die Teilnahme des ehemaligen Theatermachers Peter Radestock an der ­Lesung „Aufstehen gegen die Rechts(schaffenden)“ wegen dessen einst freiwillig offenbarter IM-Tätigkeit bei der Stasi. Das Bild entstand bei einer Demo gegen eine AfD vorm Gladenbacher Haus des Gastes.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Das seitens der Stadt jährlich mit Hunderttausenden Euro unterstützte Kulturzentrum KFZ wolle offenbar eine „unglückliche Verbindung des Kulturbetriebes mit politisch motivierter Repression fortsetzen“, heißt es vom AfD-Stadtverband um den Vorsitzenden Johannes Hühn.

Gemeint ist die Teilnahme von Peter Radestock an der szenischen Lesung, die unter anderen Texte aus AfD-Programmen und Adolf Hitlers „Mein Kampf“ gegenüberstellt. Radestock war zu DDR-Zeiten Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi. Dass er, der auch SED-Mitglied war, in dieser Funktion über Schauspiel-Kollegen berichtet hatte, behielt er lange für sich.

Als dann Mitte der 1990er-Jahre Ex-Theaterintendant Ekkehard Dennewitz als IM enttarnt wurde, gestand auch Radestock seine Tätigkeit ein und trat als Oberspielleiter zurück, sprach sich mit den überwachten Kollegen aus. „Um Verantwortung zu übernehmen“, wie er damals sagte. Er hat sich aber in den Jahren nach seiner Selbstenttarnung mehrfach entschuldigt, sein Mitwirken als „totale moralische Verfehlung“ bezeichnet.

Bereits vor der Wende hatte er die Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit abgebrochen, die ihn 1977 nach einer Prügelei mit einem Kollegen angeworben hatte. Der Leipziger hatte in der DDR aber Karriere gemacht, nach Engagements in Leipzig, Gera und Chemnitz wurde er Schauspieldirektor am Rostocker Volkstheater und schließlich Intendant der städtischen Bühnen von Plauen, eines Drei-Sparten-Hauses.

Politische Veranstaltungen nicht zum ersten Mal in der Diskussion

1992 wechselte er dann als Oberspielleiter an das Marburger Theater. Grund war, dass die meisten ­Intendanten der Ex-DDR abgesetzt wurden – und das Schicksal fürchtete auch Radestock nach eigenen Angaben. Belastendes wurde bei der Durchsicht von Radestocks Stasi-Akte, die auch der OP vorlag, aber nicht bekannt. Dass er stattdessen sogar versucht habe, die Bespitzelten zu schützen, bestätigte sogar eines seiner einstigen Opfer, mit dem er ein Theaterstück aufführte.

So oder so, die AfD bezeichnet die Verbindung zwischen KFZ und Radestock als „betrüblich“ und äußert „großes Bedauern“, dass sich auch Ex-OB Egon Vaupel (SPD) mit dem „ehemaligen Stasi-Spitzel und damit einem Unterstützer des menschenverachtenden Systems in der DDR die Methodik des Ministeriums für Staatssicherheit zu eigen macht und versucht, einen politischen Konkurrenten durch Vergleiche mit Programmatik und Personen des Nationalsozialismus zu delegiti
mieren“, wie Hühn sagt.

Das KFZ, Marburgs zentrale­ Stätte für Konzerte und Kabarett, hat in den vergangenen drei Jahren zusammengenommen etwa­ 1,5 Millionen Euro von der Stadt bekommen, auch Mietzuschüsse. Millionen Euro investierte die Kommune auch in den Neubau des Kulturfreizeitzentrums im Stadthallen
gebäude.

Politische Veranstaltungen in den KFZ-Räumen stehen nicht zum ersten Mal in der Diskussion. So hatte Anfang 2018 schon CDU-Spitzenpolitiker Dirk Bamberger linksextremistische Veranstaltungen – speziell der „Bunten Hilfe“ – auf der Bühne kritisiert, gar die letztlich mit öffentlichen Geldern geschehene Verbreitung verfassungsfeindlichen Gedankenguts ­getwittert (OP berichtete).

In der Veranstaltungsbeschreibung zur heute Abend stattfindenden szenischen Lesung heißt es, diese wolle den „Aufstieg der AfD als politische Kraft und deren populistisches Vorgehen als bundesrepublikanisches Rattenfängergehabe deutlich machen.“ Anhand der Aussagen von Spitzenpolitikern wie Björn Höcke, Alexander Gauland oder Jörg Meuthen werde die AfD „als Bedrohung für unsere Demokratie entlarvt und demaskiert“.

Und so äußert sich Radestock auf OP-Anfrage: „Ich habe eben eine klare Haltung gegen Rechtsextremismus und Rechtsextremisten.“ Er halte den AfD-Angriff problemlos aus. „Die können ihre Meinung zu mir äußern, ich äußere ja auch meine zu denen.“ Der Respekt sei offenbar groß vor der Veranstaltung, sagt Egon Vaupel auf OP-Anfrage. „Hitler, Goebbels, Höcke – wir werden benennen, von wem was stammt.

Die Zitate tun weh, auch und gerade der AfD.“ Das scheine der Marburger Stadtverband bereits zu ahnen. „Wir leben zum Glück noch in Zeiten, in denen man sich Freunde selbst aussuchen kann“, sagt Vaupel zur AfD-Kritik an der Kooperation­ zwischen ihm und Radestock. Und: „Wir bezahlen für die KFZ-Räumlichkeiten die Miete selbst. Das wird man ja wohl noch tun dürfen.“

  • Veranstaltungsbeginn ist am Mittwoch um 20 Uhr im KFZ.

von Björn Wisker