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Marburg Neuer Verein will Kindern Freude am Lesen vermitteln
Marburg Neuer Verein will Kindern Freude am Lesen vermitteln
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08:00 19.07.2021
Ein Mentor liest mit seinem Leselernkind. In Marburg hat sich ein regionaler Verein des Bundesverbandes „Mentor – die Leselernhelfer“ gegründet.
Ein Mentor liest mit seinem Leselernkind. In Marburg hat sich ein regionaler Verein des Bundesverbandes „Mentor – die Leselernhelfer“ gegründet.
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Marburg

Fast 20 von 100 Kindern können laut der letzten Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) nach der vierten Klasse nicht richtig lesen. Sie kommen meist aus sozial benachteiligten, bildungsfernen Familien. Gerade diese Grundschulkinder in prekären Familiensituationen dabei zu unterstützen, das Lesen zu entdecken, zu verbessern und Freude daran zu entwickeln, das ist das Ziel eines neu gegründeten Vereins im Landkreis Marburg-Biedenkopf: „Mentor – die Leselernhelfer Region Marburg-Biedenkopf“ will Kinder beim Lesen unterstützen und ihnen damit einen besseren Zugang zu Bildung ermöglichen.

Die elfjährige Rahaf ist so ein Kind. Seit mittlerweile drei Jahren liest sie mit ihrer Mentorin Dr. Michaele Künzel regelmäßig einmal pro Woche für eine Stunde. Und der Erfolg ist sichtbar: Die Noten der Grundschülerin aus Gießen haben sich verbessert, das Lesen klappt nun flüssig und ohne Stocken. „Es ist toll, zu sehen, wie sich ein Kind durch das Lesen entwickelt“, berichtet Michaele Künzel. Vor drei Jahren hatte sie in der Zeitung von dem Verein „Mentor – die Leselernhelfer“ gelesen. „Ich war gerade in den Ruhestand gegangen und habe nach einer sinnvollen ehrenamtlichen Aufgabe gesucht“, ergänzt die Ärztin. Also wandte sie sich an die Organisatoren des Gießener Regionalvereins, machte eine Schulung und bekam ein Leselernkind vermittelt: Rahaf. Damals acht Jahre alt, Erstklässlerin und Kind einer syrischen Flüchtlingsfamilie. „Wir haben mit dem Lesen von dünnen Conny-Büchern angefangen“, erzählt die heute Elfjährige. Mittlerweile seien sie bei den dicken Conny-Büchern angekommen. Und während sie am Anfang häufig nicht mehr als zwei Seiten schafften zu lesen, lesen sie heute meist ein ganzes Kapitel.

Während des Gründungsfestes berichteten Mentorin Dr. Michaele Künzel und Leselernkind Rahaf von ihren Erfahrungen aus den vergangenen drei Jahren. Künzel ist Mentor-Vereinsmitglied in Gießen und hat bei der Gründung des Marburger Vereins geholfen. Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch

Und weil es eben diese messbaren Erfolge sind, die dem Verein „Mentor – die Leselernhelfer“ in seinem Wirken Recht geben, haben sich nun in Marburg mehrere Frauen und Männer zusammengetan und einen regionalen Ableger des Bundesverbandes gegründet. Seit Mai gibt es den gemeinnützigen Verein ganz offiziell, im September – so die Planungen – sollen die ersten Mentoren mit ihren „Kindern“ gemeinsam das Lesen beginnen.

„Noch immer hängen in Deutschland der schulische Erfolg eines Kindes und seine Chancen im Leben vor allem von seiner sozialen Herkunft ab. Die Schulschließungen und der Wechselunterricht während der Pandemie haben zusätzlich dafür gesorgt, dass Kinder, die von den Eltern keine Förderung erfahren oder erfahren können, inzwischen große Lernlücken aufweisen, die sich vermutlich nie mehr oder nur schwer schließen lassen“, sagt Inge Maisch, Vorsitzende des neuen Vereins „Mentor – die Leselernhelfer Region Marburg-Biedenkopf“.

Spenden

Während des Gründungsfestes in der Steinmühle hat die Bürgerstiftung Mittelhessen dem neuen Verein eine Spende von 1 000 Euro überreicht. Klaus Arnold übergab einen entsprechenden symbolischen Scheck an Schatzmeisterin Inge Kachel-Moosdorf.

Darüber hinaus unterstützt die Buchhandlung Thalia den Verein und stockt regelmäßig jedes halbe Jahr die vereinseigene Bibliothek um kindgerechte Literatur für alle Lesestufen auf.

Gelesen wird in der Regel in einem Raum in der Schule des Kindes. Die Lehrerinnen und Lehrer sind das Verbindungselement zwischen Verein, Mentor und Leselernkind. Mit sechs Grundschulen aus Marburg und dem Landkreis steht der neue Verein derzeit in Kontakt, weitere sollen folgen.

Arbeit nach dem 1:1-Prinzip

Die Leselernhelfer arbeiten dabei nach dem 1:1-Prinzip. „Das bedeutet, dass ein Mentor einmal pro Woche eine Stunde lang für mindestens ein Jahr mit einem Leselernkind liest“, erläutert Inge Maisch und betont: Leselernhelfer seien keine Nachhilfelehrer. „Durch das Wertgeschätzt-Werden, durch die Zeit und Zuwendung, die ein Leselernkind bekommt, und durch das Lesen in einer entspannten Lernatmosphäre ohne Notendruck entstehen bei ihm Vertrauen und wachsendes Selbstbewusstsein. Das 1:1-Prinzip ist Bildung durch Bindung“, so Maisch.

Wie und vor allem was gelesen wird, entscheiden die Kinder selbst. „Ich habe mir die Conny-Bücher ausgesucht“, berichtet Rahaf. Und Mentorin Künzel ergänzt: „Wir sagen auch mal Gedichte auf, machen Rätsel, und zum Abschluss einer Stunde spielen wir ein Kartenspiel.“ Für die Mentoren sei es wichtig, den Kindern Mut zu machen, Geduld mitzubringen und zuverlässig zu sein.

„Lesen ist einfach so wichtig – ohne Lesen-Können kein Erfolg in der Schule, in Ausbildung und im Beruf“, betont Inge Maisch, warum ihr die Vereinsgründung so sehr am Herzen liegt.

Prominente Unterstützer für den Verein

Unterstützung hat Maisch dabei auch von prominenter Seite erhalten: Der Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel aus Biedenkopf hat sich für das Vereinsprojekt genauso begeistert gezeigt wie TV-Moderatorin Hülya Deyneli. Beide haben sich bereiterklärt, die Schirmherrschaft zu übernehmen, Steinhöfel ist darüber hinaus auch Gründungsmitglied des Vereins.

„Die Arbeit mit Rahaf gibt mir so viel zurück“, fasst Mentorin Künzel zusammen, warum sie seit drei Jahren mit der Schülerin liest. Es sei zudem eine richtige Freundschaft auch mit der Mutter des Kindes entstanden. „Es ist schön, dass wir so eine tolle Vertrauensbasis entwickelt haben.“ Das wünscht sich Inge Maisch als Vereinsvorsitzende nun auch für viele benachteiligte Kinder im Landkreis Marburg-Biedenkopf: „Ich möchte einfach, dass Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gut lesen können. Denn ohne Lesen läuft im Leben einfach nichts.“

Der Verein

Der neu gegründete Verein ist künftig Teil eines Netzwerkes von 12 500 Menschen, die in 100 Vereinen dem 2008 gegründeten Bundesverband „Mentor – die Leselernhelfer Bundesverband“ angehören und bundesweit mit 16 500 Kindern und Jugendlichen lesen.

Aktuell arbeitet der Verein mit sechs Grundschulen in Marburg und dem Landkreis zusammen. 20 Mentoren haben sich bereits für das Lesen nach dem 1:1-Prinzip mit Kindern gefunden.

Weitere Infos zum Verein gibt es bei Inge Maisch. Wer Interesse an einer Mentorenschaft hat, kann sich ebenfalls bei Inge Maisch melden, per E-Mail an inge.maisch@perspektivenundberatung.de

Von Katharina Kaufmann-Hirsch

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