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Marburg Das unsichtbare Leiden
Marburg Das unsichtbare Leiden
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15:58 22.06.2020
Lena Wagner hat Morbus Bechterew – eine chronisch entzündliche Erkrankung, die andauernde Schmerzen verursacht. Damit gehört die 32-Jährige zur Covid-19-Risikogruppe. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Manchmal geht gar nix. Wenn es ein schlechter Tag ist, kann sich Lena Wagner kaum bewegen. Die Schmerzen kann die 32-Jährige nur mit starken Tabletten aushalten. Lena Wagner leidet unter Morbus Bechterew – einer chronisch entzündlichen Erkrankung, die mit andauernden Schmerzen, vor allem im Rückenbereich, einhergeht. „Ohne Schmerzmittel geht es nicht“, sagt sie und lächelt tapfer. Die junge Frau mit den schwarzen Haaren und der Ponyfrisur sitzt am Gartentisch und streichelt Lucky, einen ihrer beiden Hunde.

Lena, die schon früh auf eigenen Beinen stand, ist wieder zurück zu ihren Eltern gezogen. Mit ihrem Freund hat sie sich im elterlichen Haus in Wehrda ihr eigenes Refugium geschaffen. Leicht ist ihr die Rückkehr nicht gefallen. Aber es ging nicht mehr allein.

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Diagnose war ein Schock

Als sie vor zwei Jahren immer schlimmere Rückenschmerzen bekam, hatte ihr Hausarzt glücklicherweise den richtigen Riecher. Der Berührungsschmerz im unteren Rückenbereich sowie die erhöhten Entzündungswerte sprachen für die rheumatische Erkrankung Bechterew. Orthopäde und Rheumatologe bestätigten die Vermutung schließlich.

Damit gehört Lena Wagner zu den wenigen Bechterew-Patienten, bei denen die Erkrankung schnell erkannt wird. Meist dauert es mehrere Jahre, bis die Ursache für das Rückenleiden gefunden ist.

„Das war natürlich erst einmal ein Schock“, erinnert sich Lena an die Diagnose. Denn Bechterew gilt immer noch als unheilbar – kann allerdings gut behandelt werden. Neben den Schmerzmitteln muss sich Lena regelmäßig Immunsuppressiva gegen die permanente Entzündung spritzen. Deshalb gehört sie auch zur Risikogruppe von Covid-19.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich die 32-Jährige deshalb auch sehr abgeschottet. „Ich habe zum Glück einen sehr verständnisvollen Arbeitgeber“, sagt sie dankbar. Der hat sie und ihren Freund Arthur, der ebenfalls als Angestellter im öffentlichen Dienst in der Arbeitsagentur arbeitet, ins Homeoffice geschickt.

Vier Stunden täglich arbeitet sie. Mehr geht nicht. Ihr Grad der Behinderung wurde mittlerweile auf 70 hochgestuft. Aufgrund ihres Bechterew ist sie teilverrentet. Das sei ein „komisches Gefühl, weil sie ja noch so jung ist“, gibt Lena zu. Und zudem sieht man ihr die Krankheit ja auch nicht an. Bechterew ist ein unsichtbares Leiden. Und genau damit hatte sie anfangs zu kämpfen. Sie befürchtete, dass ihr die Menschen nicht glauben würden. Dass sie vielleicht sagen würden, dass sie „sich nicht so anstellen soll“.

Aber die Sorgen waren unbegründet. Familie, Freunde und Bekannte reagierten verständnisvoll auf die verunsicherte Frau. Trotzdem: Oft hält Lena mehr aus, als sie eigentlich kann. Immer wieder geht sie über ihre Schmerzgrenze hinweg. „Wenn ich mich einigermaßen normal bewege, geht das eigentlich nur, weil ich gedopt bin“, erklärt sie. Ihren Tagesablauf kann sie deshalb kaum planen. Viel stehen oder laufen ist manchmal nicht möglich.

Corona-Risiko

Oftmals fühle es sich so an, als habe sie einen ganz extremen Muskelkater. „Allein den Arm zu heben, fällt mir dann schon schwer“. Bis zu einer Stunde dauert es manchmal, bis sie morgens aus dem Bett kommt.

Aber: „Je mehr man sich bewegt, desto besser wird es“, betont sie und lächelt zuversichtlich. Während einer vierwöchigen Reha hat Lena Wagner Übungen erlernt, die ihre Beschwerden etwas lindern – und sie hat im „Bechterew-Bootcamp“, wie sie es scherzhaft nennt, gelernt, psychisch besser mit der Erkrankung umzugehen.

Medikamentös ist Lena Wagner mittlerweile gut eingestellt. Trotzdem ist sie froh, dass ihre Eltern nun ganz in der Nähe sind und sie unterstützen, wenn es ihr mal nicht so gut geht. Vor allem jetzt während der Corona-Krise ist Lena dankbar für die Unterstützung von Eltern und Freund. „Das schweißt zusammen!“

Die Corona-Lockerungen sieht sie zwiegespalten. Zum einen freut sie sich zwar für diejenigen, die nun wieder mehr Freiheiten genießen können. Zum anderen hat sie Angst davor, dass Menschen nun leichtsinnig werden in Bezug auf das Corona-Virus. Denn nach bisheriger Einschätzung des Robert Koch-Instituts haben Patienten mit Autoimmunerkrankungen – zu denen auch Bechterew gehört – oftmals ein geschwächtes Immunsystem und haben somit ein erhöhtes Risiko für schwere Covid-19-Verläufe.

„Man sollte immer dran denken, dass auch viele Menschen zur Corona-Risikogruppe gehören, denen es man nicht offensichtlich ansieht“, betont sie und hofft, dass Menschen weiterhin Masken tragen, Sicherheitsabstand halten und Rücksicht nehmen. „Denn man weiß nie, ob sein Gegenüber nicht vielleicht doch gefährdet ist.“

Von Nadine Weigel

22.06.2020
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