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Marburg „Das Virus verzeiht keine Fehler“
Marburg „Das Virus verzeiht keine Fehler“
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10:58 20.02.2021
Dr. Birgit Wollenberg. Leiterin des Gesundheitsamts, steht im Marburger Impfzentrum.
Dr. Birgit Wollenberg. Leiterin des Gesundheitsamts, steht im Marburger Impfzentrum. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Die zweite Coronawelle erwischte den Landkreis Marburg-Biedenkopf mit Wucht. Jetzt schwächt sie sich ab, doch die dritte Welle kündigt sich schon an. Ein Interview mit Dr. Birgit Wollenberg, Leiterin des Gesundheitsamtes.

Frau Wollenberg, die Inzidenz im Landkreis kreist zurzeit um die 50. Ebbt die zweite Coronawelle jetzt ab?

Wir sind gerade auf einem sehr guten Weg. Aber die zweite Welle ist noch nicht vorbei. Das wäre sie, wenn wir bei einer Inzidenz von unter zehn wären.

Hat das Gesundheitsamt noch den Überblick über das Infektionsgeschehen? Wer infiziert sich wo?

Wir schaffen die Fallermittlung und die Kontaktermittlung wieder innerhalb eines Tages. Das war immer unser Ziel. Als im Oktober die zweite Welle sehr früh und sehr heftig im Landkreis ankam und die Fallzahlen rasant stiegen, haben wir das kurzzeitig nicht mehr geschafft. Nachdem die zweite Welle wie ein Tsunami über uns kam, haben wir unser Corona-Team stark vergrößert und eine neue Organisationsstruktur geschaffen.

Was heißt das konkret?

Wir haben die Zahl fast verdreifacht – auf bis zu 150 Personen. Die haben wir auch gebraucht, als die Inzidenz auf über 200 anwuchs.

Woher kam die Verstärkung?

Wir werden von Mitarbeitern der Kreisverwaltung und der Stadt Marburg unterstützt. Die zahlenmäßig größte Gruppe sind die Medizinstudierenden, hier gibt es über 60 Arbeitsverträge. Auch vom Land und vom Bund kommen Abordnungen hierher. Dazu gehören beispielsweise sieben Containment-Scouts des Robert-Koch-Instituts sowie Bundeswehrsoldaten. Sie helfen bei der Kontaktnachverfolgung und sind schon seit Dezember als Abstrich-Teams für Tests unterwegs. Neu dazugekommen sind nun weitere 24 Bundeswehrsoldaten für die regelmäßigen Schnelltests des Pflegepersonals in den Heimen.

Wo infizieren sich die meisten Menschen?

Immer noch im privaten Bereich. Dazu haben wir in den Alten- und Pflegeheimen Infektions-Cluster. Der Höhepunkt war hier zum Jahreswechsel erreicht, als es gleichzeitig in acht Heimen Corona-Ausbrüche gab. Zurzeit sind noch drei Heime im Hinterland betroffen.

Wie groß ist die Gefahr einer dritten Welle?

Wir sind beunruhigt und wir sind in Habachtstellung. Es ist noch nicht klar, ob der Lockdown ausreicht, um einen erneuten Anstieg zu vermeiden. Die Fallzahlen gehen zwar nach unten, aber die Zahl der Infektionen mit einem mutierten Virus steigt. Und es ist auch nicht vorhersehbar, was passiert, wenn der Lockdown gelockert wird.

Reicht das bislang eingeübte Hygienekonzept auch bei den ansteckenderen Mutationen des Coronavirus aus?

Die präventiven Maßnahmen, unsere AHA-L-Regeln, sind gleich. Wir müssen aber noch mehr Aufmerksamkeit darauf legen, sie umzusetzen. Denn das Virus verzeiht keine Fehler. Allerdings ändert sich das Fallmanagement des Gesundheitsamtes bei den Mutationsinfektionen. Am Ende der Isolierung beziehungsweise Quarantäne müssen die Betroffenen einen PCR-Test machen. Das gilt auch für die Kontaktpersonen, wenn sie symptomfrei sind. Das ist eine verschärfte Maßnahme.

Im Sommer sah sich das Gesundheitsamt gut auf die zweite Welle vorbereitet. Und dann brach sie mit Ihren Worten „wie ein Tsunami herein“. Wie sind Sie auf die dritte Welle vorbereitet?

Die letzten Monate waren ein guter Lernprozess. Wir haben jetzt das große Team stehen und sind durchorganisiert. Ich hoffe sehr, dass der Anstieg nicht so rasant sein wird wie im Oktober. Das hat uns von den Füßen gehauen. In der ersten Welle lag unsere höchste Inzidenz bei 26, in der zweiten Welle sind wir auf 258 hochgeschnellt. Auch wenn es wieder eine ähnlich heftige Dynamik geben sollte, wären wir in kürzester Zeit darauf eingestellt. Es bleibt aber eine Herausforderung.

Ich glaube nicht, dass die Politik noch einmal so lange warten wird, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. Im Herbst ist der Lockdown zu spät gekommen. Wir werden versuchen, die Welle früher zu brechen. Das können die Gesundheitsämter nicht allein schaffen. Wir benötigen dazu auch die flankierenden Rahmenbedingungen.

Wie bewerten Sie die Null-Covid-Strategie?

Das ist nur eine Frage der Taktik. Je tiefer wir die Inzidenz nach unten drücken, umso mehr Zeit haben wir für die nächste Welle. Verhindern werden wir sie nicht. Wir werden das Virus nicht ausrotten können. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, uns regelmäßig impfen zu lassen. Eine Inzidenz von 35 ist eine gute Grenze, 50 ist zu hoch. Anstreben sollten wir die 10.

Was heißt das für Lockerungsmaßnahmen?

Wir sollten jetzt durchhalten, bis die Zahlen unten sind. Das heißt: Nach wie vor ist es leider notwendig, dass wir so wenig Menschen wie möglich persönlich treffen. Es ist wichtig, den Kreis der Leute, die man trifft, so klein wie möglich zu halten. Das gilt bei der Arbeit wie im privaten Bereich.

Sollte in den Schulen nicht mehr getestet werden?

Es ist eine Abwägungsfrage, ob eine Teststrategie in den Schulen praktisch umsetzbar ist. Da überlegen wir gerade, was das Beste ist. Die Grundschüler werden ab dem 22. Februar im Wechselunterricht unterrichtet. In diesen kleineren Gruppen gilt nun zudem die Maskenpflicht. Das begrüße ich sehr. Zusammen mit dem Lüften sind diese Maßnahmen aus infektiologischer Sicht deutlich verbessert. Sobald die Möglichkeit von Selbsttests besteht, die nicht auf einem Nasenabstrich basieren, wird es deutlich einfacher werden.

Was ist mit Lüftungsanlagen?

Sie sind dort sinnvoll, wo man nicht lüften kann. Ansonsten hat das Öffnen der Fenster alle 20 Minuten Priorität. Am besten querlüften, dann wird die Luft sehr schnell ausgetauscht. Auf diesem Weg verschwinden auch andere Schadstoffe aus der Luft. Deswegen könnte man das intensive Lüften im Klassenraum auch für die Zeit nach der Pandemie beibehalten. Das regelmäßige Lüften hat sich nach meinen Erkenntnissen in den Schulen auch ganz gut eingespielt.

Wo sehen Sie Bedarf für eine Verfeinerung der Teststrategie?

Früh einen Test zu machen, wenn man Husten, Fieber und andere Symptome einer mittelschweren Erkältung hat, war und ist immer noch das Wichtigste. Denn dabei könnte es sich mit ziemlicher Sicherheit um eine Coronainfektion handeln. Aufgrund des Lockdowns und des Masketragens gibt es derzeit Infektionen mit anderen Viren nur in sehr geringem Umfang. Das belegt eine Untersuchung des RKI in verschiedenen Arztpraxen.

Wie läuft die Impfkampagne im Landkreis?

Wir sind sehr froh. Wir haben bereits in 35 von 38 Altenpflegeheimen zweimal geimpft. Das war unser erstes Ziel, hier schnell zu sein.

Wie ist die Impfbereitschaft?

Unter den Heimbewohnern ist sie exzellent. Fast alle wollen die Impfung haben. Ich gehe davon aus, dass die Impfbereitschaft aufgrund der Virusvarianten allgemein zunehmen wird. Das ist schon noch mal ein Weckruf.

Von Regina Tauer

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