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Marburg Auszeichnung für Marburger Chemie-Professorin
Marburg Auszeichnung für Marburger Chemie-Professorin
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14:00 10.12.2021
Die Leibniz-Preisträgerin Professorin Stefanie Dehnen.
Die Leibniz-Preisträgerin Professorin Stefanie Dehnen. Quelle: Jochen Mogk
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Marburg

Schon anderthalb Stunden vor der offiziellen Bekanntgabe der Leibniz-Preisträger erfuhr die Marburger Chemie-Professorin Stefanie Dehnen im Home-Office gestern Vormittag in ihrem Wohnort Karlsruhe davon, dass sie zu den zehn Preisträgern des im kommenden Jahr offiziell vergebenen Leibnizpreises 2022 zählt. „Ich habe mich erstmal hinsetzen müssen“, sagte Dehnen im Gespräch mit der OP. „Das war ein unglaubliches Gefühl und es bedeutet mir wahnsinnig viel.“

Schließlich sei die Auszeichnung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft mit dem wichtigsten deutschen Forschungspreis die höchstmögliche Anerkennung für Wissenschaftler in Deutschland. Und zudem sei es auch eine tolle Belohnung für ihre jahrelange Arbeit sowie damit verbunden eine Auszeichnung für ihre Mitarbeiter, Mentoren und Förderer. So ist für die Chemikerin jetzt feiern angesagt – zunächst einmal im Kreis der Familie und abends auch mit dem Orchester, in dem sie mitspielt. Und trotz Corona soll sich auch noch eine Feier mit dem Team an der Uni Marburg anschließen.

Dehnen erhält den Leibniz-Preis laut DFG „für ihre herausragenden Beiträge zur Synthese von neuartigen Metallclustern sowie deren Anwendung zur Energiespeicherung und zum Energietransfer“. Ihre chemischen Arbeiten basieren auf einem speziellen Synthesekonzept, das den Zugang zu einer Vielzahl neuartiger Verbindungen und Materialien ermöglicht. So verwendet sie binäre Aggregate aus Hauptgruppenelementen, die dann um mindestens eine Komponente – weitere Atome oder organische Gruppen – erweitert werden. Auf diese Weise sei es der Chemikerin gelungen, die neuartigen Strukturen mit den besten bislang bekannten leitenden Eigenschaften herzustellen, teilt die DFG mit. Ihre Forschung passe in kein herkömmliches Schema, heißt es weiter in der Preismitteilung. Entscheidend in der „Dehnen-Chemie” sei vor allem die Kombination von anorganischer und organischer Chemie, Komplexchemie und modernen theoretischen Methoden.

Auf atomarer Ebene „Hand anlegen“

„Wir verändern Stoffe und legen auf atomarer Ebene Hand an. Dabei erhalten sie andere physikalische und chemische Eigenschaften“, beschreibt Dehnen selbst ihre Methode. Die von Dehnen geleitete Gruppe habe großen Erfolg beim Design und der Herstellung von maßgeschneiderten Clustern mit deutlich unterschiedlichen Größen und Formen sowie einer faszinierenden Vielfalt an unterschiedlichen Zusammensetzungen, heißt es in einer Mitteilung der Uni-Pressestelle von gestern.

Die Ergebnisse ihrer Forschung haben mittlerweile sogar Einzug in die Lehrbücher der Chemie gefunden, und ihr Syntheseansatz wird mittlerweile weltweit genutzt.

„Einige Wissenschaftler greifen unsere Konzepte“ sagte Dehnen dazu im Gespräch mit der OP. Dies sei durchaus auch so gewünscht, doch bestimmte patentgeschützte Rechte auf Ideen behält sich die Chemikerin trotzdem vor.

Zum ersten Mal seit 2012 ist die Philipps-Universität wieder in der Gewinnerliste des jährlich vergebenen Preises verzeichnet. Damals wurde die Marburger Arabistin Friederike Pannewick mit dem Leibniz-Preis ausgezeichnet. Dehnen gehöre zu der äußerst kleinen Gruppe deutscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die wirklich in allen wichtigen Bereichen des akademischen Lebens herausragend seien, meint die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause. Die „exzellente Wissenschaftlerin“ sei in der Forschung weltweit führend, in der wissenschaftlichen Leitung auf hohem Niveau und zeige ein außergewöhnliches Engagement in der Ausbildung und Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Hinzu komme ihre begeisternde Vermittlung von Chemie an Schülerinnen und Schüler.

Dotiert ist der Preis mit einer Preissumme von 2,5 Millionen Euro, die für Forschungszwecke verwendet werden muss. Über die genauere Verwendung will die Preisträgerin noch nachdenken.

Klar sei aber schon, dass sie es einerseits für die Finanzierung von Mitarbeiterstellen sowie andererseits für die Anschaffung von neuen Geräten und Techniken wie „Self Driving Labs“ einsetzen wolle.

Von Manfred Hitzeroth

Stefanie Dehnen

Professorin Stefanie Dehnen (52) hat an der Universität Karlsruhe Chemie studiert und wurde dort 1996 auch promoviert. Nach ihrer Habilitation 2004 folgte sie ein Jahr später einem Ruf auf den Lehrstuhl für Anorganische Chemie an der Philipps-Universität Marburg. Dort ist sie seit 2006 Professorin für Anorganische Chemie und im Wissenschaftlichen Zentrum für Materialwissenschaften. Dehnen engagiert sich für Chancengleichheit und erhielt dafür 2018 den Preis der Philipps-Universität zur Förderung von Frauen in der Wissenschaft.

Sie ist außerdem Mitglied der Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) und leitet an der Uni Marburg das öffentliche Mitmachlabor Chemikum.

Trägerinnen und Träger des Leibnizpreises an der Philipps-Universität Marburg

Leibniz-Preisträgerinnen und -Preisträger der Philipps-Universität Marburg:
2022: Professorin Stefanie Dehnen (Anorganische Chemie)
2011: Professorin Friederike Pannewick (Fachbereich Fremdsprachliche Philologien, Centrum für Nah- und Mittelost Studien)
2006: Professorin Gyburg Uhlmann, geb. Radke (seit 2007 Freie Universität Berlin, Klassische Philologie)
2004: Professor Thomas Carell (seit 2004 LMU München, Organische Chemie)
2003: Professor Roland Lill (Zellbiologie)
2002: Professor Bruno Eckhardt (Theoretische Physik)
1997: Professor Paul Knochel (seit 1999 LMU München, Metallorganische Chemie)
1997: Professor Stephan W. Koch (Theoretische Physik)
1996: Professor Reinhard Lührmann (seit 1999 MPI Göttingen, Physiologische Chemie und Molekularbiologie)
1991: Professor Ernst Goebel (seit 1995 PTB Braunschweig, Experimentalphysik)
1991: Professor Rolf Müller (Biochemie, Molekularbiologie)
1989: Professor Manfred T. Reetz (bis 1991 und seit 2011 an der Philipps-Universität Marburg, Organische Chemie)
1987: Professor Rudolf Thauer (Biochemische Mikrobiologie)
Leibniz-Preisträgerin, die heute der Universität Marburg angehört:
1993: Professorin Regine Kahmann (Molekulargenetik, Ludwig-Maximilians-Universität München, seit 2001 an der Universität Marburg)