Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg „Legalisierung spätestens Anfang nächsten Jahres“
Marburg „Legalisierung spätestens Anfang nächsten Jahres“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:31 17.05.2021
Innenansicht des Basic Hemp Shops Marburg, am Grün.
Innenansicht des Basic Hemp Shops Marburg, am Grün. Quelle: Foto: Omar El-Mardenly
Anzeige
Marburg

Im Regal steht Schokolade, Tee, Bier und Öl. Das klingt zunächst einmal nach einem ganz gewöhnlichen Supermarkt – das ist es jedoch nicht. Auf den Schaufenstern steht in Großlettern „BASIC HEMP“. Wie der Name schon erahnen lässt, handelt es sich hierbei um einen Cannabisladen und das mitten in Marburg. Und er ist nicht der einzige. Wer aber jetzt denken mag, hier gäbe es Dope, Shit, Gras – oder wie man es auch nennen mag – zu kaufen, der liegt falsch. Omar El-Mardenly vertreibt ausschließlich Hanfprodukte, die einen nicht psychoaktiven Extrakt enthalten, das sogenannte Cannabidiol, kurz CBD. Im Gegensatz zum Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC), welches zwar auch als eines von vielen Cannabinoiden gilt und in kleinsten Mengen in vielen Hanfprodukten enthalten ist, bleibt beim CBD das „High“ aus.

„Den ersten Kontakt mit CBD habe ich in Den Haag gehabt, damals habe ich noch in den Niederlanden studiert. Die Mutter eines Freundes ist schwer an Krebs erkrankt. Deshalb bin ich mit ihm in verschiedene Cannabis-Läden gegangen, um mich dort über eine Cannabis-Therapie zu informieren“, erzählt der Marburger Shop-Besitzer. „Als ich dann bemerkte, dass das CBD im Gegensatz zum THC meine Konzentration fördert, war ich völlig begeistert“, sagt El-Marendly. Die Wirkung sei als angstlösend und gedächtnisfördernd zu beschreiben, außerdem könne es gegen Schlafstörungen helfen und Entzündungen hemmen.

Unterschiedliche Zusammensetzungen

So vielfältig die Einsatzmöglichkeiten von Hanf auch sein mögen, so unterschiedlich können die Zusammensetzungen der Cannabis-Pflanze sein. „Sie müssen sich das so vorstellen“ , sagt der Ladengründer „eine Band zum Beispiel hat einen Gitarristen, einen Schlagzeuger, einen Keyboarder und einen Sänger. Es reicht nicht, dass eines der Mitglieder gut spielt. Alle müssen miteinander zusammen funktionieren, damit das Publikum tobt. So ist es auch mit den verschiedenen Cannabis-Bestandteilen. Dabei ist es je nach Zusammensetzung und Spielweise der Band eher eine Rockband, Jazzband oder Pop-Band. Ähnlich entfaltet sich je nach Konstellation der verschiedenen Cannabis-Komponenten eine jeweils andere Wirkung.“

El-Mardenly ist es wichtig, über die Cannabis-Pflanze aufzuklären und mit den Vorurteilen gegenüber Hanf aufzuräumen. „In unserer Gesellschaft wird Hanf sehr oft als negatives Rauschmittel dargestellt, das ist jedoch nur eine von vielen Einsatzmöglichkeiten. Wir vertreiben in unserem Shop ausschließlich Produkte, die den gesetzlich festgelegten Wert des psychoaktiven Stoffes THC nicht überschreiten“, betont er. Auch von innen macht der Hanf-Laden keinen typischen Supermarkt-Eindruck. „Wir stehen unseren Kunden natürlich jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, haben aber zusätzlich eine kleine Lese-Ecke eingerichtet, in der sich die Kunden gerne selbst über die Hanf-Pflanze informieren können“, sagt der Ladenbesitzer.

Universitätsprofessor Dr. med. Christoph Mulert, Klinikdirektor der Universitätsklinik (UKGM) für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen, betrachtet das Thema Cannabis mit Vorsicht. „Jedem Psychiater ist klar, dass der High-Macher THC für Jugendliche und junge Erwachsene gefährlich sein kann.“ Psychosen und Schizophrenie können eine Folge sein. Dies gelte allerdings lediglich für den psychoaktiven Stoff THC der Hanf-Pflanze. „Bei CBD ist es so, dass es noch viele offene Fragen gibt, weshalb bis dato für einen medizinisch sinnvollen Einsatz noch viel Forschungsbedarf besteht“, sagt Prof. Dr. Mulert. Es herrsche eine hohe Diskrepanz zwischen Wissen und Hype. „Die generelle Verharmlosung von Cannabis ist problematisch, man sollte dennoch fair bleiben, da wir in unserer Kultur beim Alkohol auch gerne mal die Risiken ausblenden“, erklärt der Facharzt. Der Hanf-Hype sei ein starkes kulturelles Phänomen, ähnlich der Bierzeltkultur. „Die Sympathie für die Pflanze entwickelt sich immer stärker, das ist jedoch sehr Kultur- und Millieu-abhängig“, erklärt er weiter. „Ich würde mir von der Gesellschaft wünschen, dass alle Entwicklungen mit Blick auf die Fakten und die Forschung geschehen, damit die Wissenschaft eine möglichst große Rolle auch in Bezug auf die politischen Entscheidungen spielt“, sagt der Klinikdirektor.

Medizinisches Cannabis enthält THC

Als Arzneimittel wird Hanf bislang nur unter strengen Auflagen ausgegeben. Dabei handelt es sich um das sogenannte „medizinische Cannabis“. Dieses enthält allerdings THC, welches in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und nur in Ausnahmefällen, beispielsweise bei schweren Epilepsie-Verläufen, auch bei Kindern, eingesetzt wird. CBD-Produkte gelten dabei nicht als medizinisches Arzneimittel und dürfen als solches nicht gekennzeichnet werden. Kai-Friedrich Niermann, Wirtschafts- und Unternehmensjurist und Mitglied des Deutschen Hanfverbandes, hat sich schon während seines Studiums in Marburg auf die Cannabis-Industrie spezialisiert und berät mittlerweile große CBD- und Cannabis-Unternehmen. „Vor allem CBD-Blüten sind im Moment ein heißes Thema“, erklärt der Rechtsanwalt „Die aktuelle Rechtsprechung besagt, dass nicht-verarbeitete Hanf-Produkte nicht an den Endverbraucher abgegeben werden dürfen.“ Die Cannabis-Industrie müsse ihre Produkte laut Niermann als Aroma-Extrakte kennzeichnen, damit diese legal verkäuflich werden, beispielsweise als kosmetisches Mundpflegespray mit CBD-Aroma-Extrakt. „Damit umgehen die Firmen einen Antrag, ihre Produkte als ‚neuartige Lebensmittel‘ zu labeln. Allerdings wurde vor circa vier Wochen beschlossen, dass bei CBD-Produkten kein Missbrauch zu Rauschzwecken vorliegt, was die weitere Entwicklung der Branche in Zukunft erleichtern sollte“, erklärt der Hanf-Rechtsexperte. Allerdings seien das nur die ersten Schritte für die Hanf-Branche, da nach eigener Prognose die Legalisierung oder Entkriminalisierung von Cannabis in Deutschland bald erfolgen würde. „Spätestens Anfang nächsten Jahres, nachdem der neue Bundestag gewählt wurde und die Koalitionsverhandlungen im Oktober durch sind, kann fest mit der Legalisierung der Cannabis-Pflanze zu rechnen sein. Das wäre für die Hanf-Industrie ein wichtiger Meilenstein, da es sich um einen millionen-schweren Markt handelt“, sagt Niermann. Cannabis habe sein altes Stigma zwar noch nicht ganz verloren, sei aber auf einem guten Weg.

Dieser Meinung ist auch Basic-Hemp-Shop-Besitzer Omar El-Mardenly. „Meine Mama war immer skeptisch gegenüber der Hanf-Pflanze. Nachdem sie allerdings in der Drogerie immer mehr CBD-Ware entdeckte, überkam sie die Neugier. Mittlerweile nutzt sie selbst die Vorteile des Cannabidiols. Es macht mich einfach glücklich, Skeptiker vom positiven Effekt der Pflanze zu überzeugen. Und wenn diese dann in meinen Laden kommen und sagen, es sei ihnen egal, ob es Placebo-Effekt sei, Hauptsache, es hilft mir, bin ich schon ein wenig glücklicher, auch wenn die noch herauszuhören ist.“

Von Larissa Pitzen

Marburg Corona-Fallzahlen - RKI-Inzidenz liegt bei 94,7
14.05.2021
14.05.2021