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Marburg Miete ist wohl nicht das Problem
Marburg Miete ist wohl nicht das Problem
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21:01 22.05.2019
Zu Jahresbeginn standen in der Marburger Oberstadt 19 Geschäfte leer. Foto: Thorsten Richter
Zu Jahresbeginn standen in der Marburger Oberstadt 19 Geschäfte leer.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Leerstand in der Oberstadt sorgt für Ärger. Die Stadtverordneten diskutierten am Dienstagabend im Haupt- und ­Finanzausschuss rund anderthalb Stunden über das Thema. Grund dafür war eine Große Anfrage der Grünen, die mehr darüber wissen wollten, warum zuletzt vermehrt Geschäfte geschlossen hatten und was die Stadt dagegen tut.

Laut Stadtmarketing-Geschäftsführer Jan-Bernd Röllmann standen in diesem Jahr in der Spitze 19 Geschäfte leer, aktuell seien es noch 13. „13 ist nicht schön, aber es ist nicht so, dass die ganze Oberstadt leersteht“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Eine gewisse­ Fluktuation sei normal, zum Jahresanfang falle das nur besonders auf, da viele Geschäfte erst nach dem Weihnachtsverkauf schließen.

Um bei der Vergabe von leer stehenden Geschäften zu helfen, hat die Stadt das „Freiraum“-Projekt eingerichtet (die OP berichtete). In einem ersten Schritt wurden hierbei die Schaufenster mit bunten Bildern und Kontaktdaten zu den Besitzern ­beklebt, „damit die Oberstadt nicht leer aussieht“, sagte Spies. Andrea Suntheim-Pichler (BfM) sagte, man könne nicht mehr von einer lebendigen Oberstadt sprechen.

Sie wunderte sich, dass ausgerechnet die Grünen die Anfrage gestellt hatten. Denn: Jahrzehntelang seien Parkplätze verteufelt worden. „Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, melden sich die Grünen“, sagte Suntheim-Pichler. Dietmar Göttling (Bündnis 90 / Die Grünen) hielt dagegen. Die Verkehrsberuhigung in der Oberstadt habe dazu beigetragen die Attraktivität zu steigern. „Die Oberstadt ist das Aushängeschild Marburgs“, sagte er.

Röllmann: Vollversorgung ist nicht möglich

Auch andere Fraktionen widersprachen Suntheim-Pichler. Henning Köster-Sollwedel (Die Linke) sagte, dass die Oberstadt immer noch eine hohe Aufenthaltsqualität habe. Für Steffen Rink (SPD) ist es ­eine Frage es Blickwinkels: Politiker anderer Kommunen beneiden Marburg um die Oberstadt, sagte er.

OB Spies gab der Grünen Dr. Christa Perabo Recht, dass durch den Neubau der Universitätsbibliothek die Chancen für neue Geschäfte gut seien, da so in direkter Nähe mehr Menschen unterwegs sind. Bei einem anderen Punkt widersprachen Spies und Röllmann den Grünen aber deutlich: dem Wunsch nach einer Vollversorgung für Marburger in der Oberstadt.

Man muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass sich die Oberstadt als Einkaufsmöglichkeit für Dinge des täglichen Lebens eignet“, sagte Röllmann. Eine Vollversorgung sei „schwierig bis unmöglich“ und nur denkbar, wenn man von städtischer Seite aus dies „hoch subventioniere“. Supermarktkonzerne lassen sich in Innenstädten nur nieder, wenn sie geeignete Flächen ab 400 Quadratmetern finden, sagte Röllmann. Die größte Fläche in der Oberstadt sei 250 Quadratmeter groß.

Online-Check soll 
Händlern helfen

Die Stadt setze vermehrt auf den Dialog, sagte Spies. „Ein Konzept von oben aufzustülpen, würde scheitern.“ Anfang Mai habe es ein Treffen zur Stärkung der Oberstadt und zur Wiederbelebung des Marktes gegeben. Daran nahmen Kunden, Anwohner, Unternehmer und Hausbesitzer teil.

Große Hoffnungen setzen Spies und Röllmann auch in das Quartiersentwicklungskonzept, das voraussichtlich im ­Juni kommt, wie Röllmann sagte. Das Konzept soll auch die ­Situation des Einzelhandels aufzeigen und Strategien, diese zu verbessern. Was jetzt schon klar ist: Mit einem Durchschnittsalter der Bewohner von 30 Jahren ist die Oberstadt das jüngste Quartier Marburgs.

Erledigt hat sich das Vorhaben, eine gemeinsame Online-Bestellplattform für die Oberstadt-Händler zu errichten. Laut Röllmann rentiere sich keines der bisher bekannten Modelle. Stattdessen bereitet der Fachdienst Stadtentwicklung einen Online-Check für den Marburger Einzelhandel vor.

Dort sollen die Internetauftritte von Unternehmen unter anderem darauf untersucht werden, wie gut sie von Kunden gefunden werden. Denn: „Wir wissen, dass 70 Prozent der Versorgungseinkäufe zwar online vorbereitet werden, letztlich aber dennoch stationär eingekauft wird“, sagte Röllmann.

Die Grünen wollten zudem wissen, wie lange in etwa die Geschäfte in der Oberstadt leer stehen. Laut Spies kommt es auf die Raumgröße an. „Kleine werden schneller vermietet, Große nicht.“ Laut Röllmann ist die Miethöhe nicht immer der Grund für eine Geschäftsaufgabe.

Im Rahmen des Freiraum-Projektes hätte das Stadtmarketing den höchsten Quadratmeter-Preis in der Oberstadt ermittelt. Der lag bei 27 Euro. „Für Gewerbeflächen ist das nicht viel“, sagte Röllmann. Die günstigsten Flächen seien gar für sechs bis sieben Euro pro Quadratmeter zu bekommen.

von Tobias Kunz