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Marburg Leere Klassenzimmer, volle Stuben
Marburg Leere Klassenzimmer, volle Stuben
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09:32 17.06.2021
Niclas Peters besucht die 7. Klasse der Steinmühle.
Niclas Peters besucht die 7. Klasse der Steinmühle. Quelle: Foto: Larissa Pitzen
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Marburg/Bad Laasphe

Mit vier Mitschülern sitzt Niclas Peters aus der 7. Klasse in einem Raum vor dem Bildschirm – Homeschooling: Virtueller Unterricht ist angesagt. Niclas ist Internatsschüler an der Steinmühle und sitzt deshalb nicht am heimischen Frühstückstisch, sondern in einer kleinen Gruppe von Schülerinnen und Schülern und arbeitet während des Lockdowns an seinen Wochenaufgaben. „Am Anfang der Woche haben wir einen Plan mit Aufgaben und Terminen bekommen, die wir dann bis zum Ende der Woche erledigt haben müssen“, sagt Niclas. Dabei werden die Schülerinnen und Schüler laut Niclas nicht alleine gelassen, sondern von Betreuern aus dem hauseigenen Lernbüro unterstützt.

Klassenverbände von Internatsschulen wurden als Haushalte eingestuft, sodass sie während des Lockdowns weiter zusammenbleiben und zusammen lernen konnten, sagt Falk Raschke, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Privatschulen. In der Steinmühle in Marburg und in Schloss Wittgenstein in Bad Laasphe war das allerdings nicht möglich, da es dort auch Schülerinnen und Schüler gibt, die zu Hause leben und nur die Schule des Internats besuchen.

In der Corona-Pandemie steigt die Nachfrage nach Internatsplätzen. Alleine in Hessen gibt es 23 Internate. Die Steinmühle in Marburg ist eines davon und laut eigenen Angaben bereits für das nächste Jahr ausgebucht. Das sei untypisch zu dieser Zeit des Jahres.

Die Internatshäuser vieler Einrichtungen bleiben auch während der Pandemie geöffnet, berichten die Leiter und Leiterinnen der nahe gelegenen Internate in der Region. „Wir konnten einen massiven Anstieg an Interessenten verzeichnen“, sagt Anke Muszynski, Internatsleiterin der Steinmühle. Auch das Internat in Bad Laasphe hat einen deutlichen Zuwachs an Interessenten erfahren. „Normalerweise haben wir eine Führung die Woche“, sagt Dennis Niepel, Internatsleitung des Schlosses Wittgenstein, „jetzt haben wir zwei bis drei Führungen die Woche.“ Für Niepel ist die gestiegene Nachfrage mehr Segen als Fluch: „Wir als Internat setzen auf Gemeinschaftsaspekt und Vielfalt, da ist es schön, neue Gesichter willkommen zu heißen“, erklärt er.

Dass Eltern ihre Kinder während der Pandemie aus dem Homeoffice gerne auf ein Internat schicken, um sie aus dem Haus zu haben, konnte keine der beiden Schulen bestätigen. Laut Niepel führe die Corona-Krise zu Leistungseinbrüchen der Schülerinnen und Schüler. Deshalb seien viele Eltern unzufrieden mit den Konzepten der öffentlichen Schulen.

Weitere Gründe für das gestiegene Interesse seien familiäre Herausforderungen im Umgang mit der Krise, Überforderung und andere Sorgen und Ängste gewesen, stellt Anke Muszynski fest. „Eltern, Schülerinnen und Schüler erhoffen sich mit dem Besuch eines Internates ein erfüllteres Sozialleben“, sagt die Internatsleiterin.

Alleine habe sich der 13-jährige Niclas Peters nie gefühlt, obwohl er irgendwann auch nicht mehr zum Wochenende nach Hause durfte. „Wir sind hier so beschäftigt, egal ob Volleyball, Tennis oder Schulaufgaben, da ist man gut abgelenkt“, sagt er grinsend. Die Bewohner der verschiedenen Internatshäuser durften nur hausinternen Kontakt pflegen. Niclas sagt, es sei zwar schade gewesen, er habe allerdings Verständnis dafür gehabt.

Dem Siebtklässler habe der Online-Unterricht zunächst Freude gemacht. „Als die Lehrer sich langsam darauf geeinigt hatten, wie genau wir unsere Aufgaben abgeben sollten, hat das Homeschooling gut funktioniert“, sagt er. Anfangs habe jeder Lehrer das anders gemacht. Nachdem dann aber die schuleigene Stone-App (OP berichtete) angepasst wurde, konnten Schülerinnen und Schüler mit den Lehrkräften gut zusammen arbeiten. „Nach ein paar Wochen war der Unterricht aber sehr zäh“, erzählt er. Vor allem im Wechselunterricht sei es ihm schwerer gefallen, dem Unterricht zu folgen. Internatsleiterin Muszynski war mit der Situation zufrieden, da sich viele neue Wege durch das Homeschooling gezeigt hätten: „Viele Vorteile des digitalen Unterrichts haben wir für uns entdecken können, die wir unter normalen Umständen vielleicht gar nicht so eingesetzt hätten“, sagt sie, „außerdem sind unsere Mitarbeiter und Kollegen sehr wendig mit der Situation umgegangen.“

Auch in Bad Laasphe habe es Unterstützung beim Homeschooling gegeben, bestätigt Internatsleitung Niepel und spricht ein positives Fazit aus: „Die Schülerinnen und Schüler haben die Zeit super durchgestanden und gemeistert, wir hatten keinen einzigen aktiven Corona-Fall“, lobt er.

Mittlerweile darf in beiden Internaten wieder Präsenzunterricht stattfinden. Darauf hat auch Niclas gewartet: „Ich bin froh, dass ich wieder meine Klassenkameraden und auch andere Leute sehen kann. Man weiß die Schule jetzt viel mehr zu schätzen und ist wieder motiviert.“ Für das nächste Jahr wünscht sich der 13-Jährige, dass die Schulen offen bleiben dürfen und dass er seine Großeltern wieder öfter besuchen kann, das habe er am meisten vermisst: „Und in den Sommerferien fahre ich mit meiner Oma und meinem Opa in ihr Ferienhaus nach Frankreich, da freue ich mich besonders drauf.“

Von Larissa Pitzen