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Marburg Lebensmittelüberwachung an der richtigen Stelle
Marburg Lebensmittelüberwachung an der richtigen Stelle
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08:00 21.04.2022
Gemüse liegt in einem Supermarkt. Landwirt Andreas Hanisch benutzt zur Aufbereitung seines Gemüses in Langenstein nur Trinkwasser, sagt er.
Gemüse liegt in einem Supermarkt. Landwirt Andreas Hanisch benutzt zur Aufbereitung seines Gemüses in Langenstein nur Trinkwasser, sagt er. Quelle: Sven Hoppe/dpa
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Nachdem im südhessischen Landkreis Groß-Gerau ein Mensch an einer mit Listerien verseuchten Gurkenscheibe gestorben ist, wurde bekannt, dass der verantwortliche Lebensmittelbetrieb zwei Mal hätte kontrolliert werden müssen – passiert war allerdings gar nichts. Kein Einzelfall, wie der hessische Landesrechnungshof kritisiert: So würden die Anforderungen an die Lebensmittelüberwachung insgesamt nur unzureichend erfüllt.

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Aus diesem Grund hat Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) verschiedene mögliche Schritte angekündigt, um die Kontrollen zu verbessern. Eine Idee ist, mehr Kontrollaufgaben auf Landesebene zu zentralisieren.

„Grundsätzlich sehen wir eine Zentralisierung von Aufgaben kritisch“, teilt der Landkreis Marburg-Biedenkopf auf OP-Anfrage schriftlich mit. Demnach sei es fraglich, ob 13 neue Stellen tatsächlich in ganz Hessen zu einer höheren Kontrolldichte führen können. Viel entscheidender sei daher, dass die Landkreise mit einer „auskömmlichen Finanzausstattung“ versehen werden, um mehr Personal vorhalten zu können.

Positiv würde sich allerdings eine Einstellung von Probennehmern beim Landesbetrieb Hessisches Landeslabor zur Entnahme von geplanten Proben auswirken, da dies den Landkreis entlasten würde. Von fehlender Kontrolle kann laut Andreas Hanisch nicht die Rede sein. Der Betreiber eines landwirtschaftlich-ökologischen Betriebes in Langenstein werde ausreichend kontrolliert, sagt er. So unter anderem in Bezug auf EU-Vorgaben, Vorgaben des Naturland-Verbandes oder, wie zuletzt vergangene Woche, durch die Bio-Zertifizierungsstelle in Baden-Württemberg.

Verschiedene Hygienemaßnahmen bei Gemüse oder Erdbeeren

Um die gleichbleibend gute Qualität seiner Salate und Kohle zu gewährleisten, setzt er dabei auf verschiedene Hygienemaßnahmen bei den Sonderkulturen wie Gemüse oder Erdbeeren. „Für die Aufbereitung des Gemüses benutze ich beispielsweise ausdrücklich Trinkwasser und für die Felder Regenwasser“, erklärt er.

Den Vorstoß der Verbraucherschutzministerin Priska Hinz, zukünftig mehr Kontrollaufgaben der Lebensmittelüberwachung auf Landesebene zu zentrieren, könnte seiner Meinung nach einen positiven Effekt haben. Ihm sei jedoch wichtig, dass generell zwischen dem Produktionsbetrieb und dem weiterverarbeitenden Betrieb unterschieden werde. Denn während der Landwirt beispielsweise sein Gemüse auf dem feuchten Boden oder der Erde anbaut, muss der weiterverarbeitende Betrieb viel hygienischer arbeiten, als es der Landwirt kann. „Es sollte keine schärferen Kontrollen bei den Produzenten geben, denn derjenige, der die Produkte aufbereitet, ist verantwortlich dafür, dass sie unbedenklich verzehrt werden können“, sagt er.

Generell geht er allerdings davon aus, dass jedem Betrieb daran liegen sollte, die entsprechende Qualität zu sichern. Nicht zuletzt, weil das den Absatz fördere, auch wenn ihm bewusst sei, dass es immer „schwarze Schafe“ gebe. „Ich kann davon ausgehen, dass ich von der Liste genommen werde, wenn ich nicht die passende Qualität liefere“, erklärt er.

Kritik vom Rechnungshof

Land und Kommunen wurden vom Rechnungshof aufgefordert, die Überwachung der Lebensmittelkontrollen zu verbessern. Erfüllungsquoten von unter 20 Prozent seien im Lebensmittelbereich nicht hinnehmbar. Das Land sollte die kommunalen Veterinärämter entlasten und die Probenentnahmen zentral wahrnehmen. Die Lebensmittelüberwachung ist eine der Kernaufgaben der kommunalen Veterinärämter. Sie umfasst vor allem Betriebskontrollen sowie die Entnahme von Lebensmittelproben. Die Prüfungen der Jahre 2016 bis 2018 hätten gezeigt, dass die Veterinärämter die Anforderungen an die Lebensmittelüberwachung nur unzureichend erfüllten. Von den für das Jahr 2018 vorgeschriebenen 50 900 Betriebskontrollen seien lediglich 37 500 umgesetzt worden. Mit einer Erfüllungsquote von 74 Prozent sei jede vierte Betriebskontrolle ausgefallen.  dpa

„Die Kontrollen werden risikoorientiert durchgeführt“, erklärt der Landkreis. Gehandelt wird dabei nach bundesweit einheitlichen Standards, wobei sich die Risikoklassifikation beispielsweise aus der unterschiedlichen Verderblichkeit der Produkte ergibt – wie beispielsweise Hackfleisch im Vergleich mit Getränken in Flaschen. „Dies und Erkenntnisse aus bisherigen Kontrollen wiederum führen zu einer unterschiedlichen Risikobewertung und damit Kontrollfähigkeit“, teilt der Landkreis mit. „Ein Getränkemarkt muss weniger häufig kontrolliert werden als eine Metzgerei.“

Eine sinnvolle Art, für weiterhin gute Qualität bei Lebensmitteln zu sorgen, sieht Andreas Hanisch vor allem in der Regionalität. Schließlich könne der Erzeuger sich nicht leisten, negativ aufzufallen, nachdem die Kunden wissen, woher die Lebensmittel kommen. Grundsätzlich wünscht er sich von der Politik, dass nicht nur theoretisch an die Dinge herangegangen wird, sondern häufiger auch praktisch.

„Die Politik sollte auf die Erzeuger zukommen und direkt mit ihnen sprechen“, sagt er. Denn viele Ideen seien praktisch kaum umzusetzen, auch wenn sie sich in der Theorie schön anhören.

Von Felix Hamann