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Marburg Lahnwerkstätten geschlossen
Marburg Lahnwerkstätten geschlossen
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07:50 01.04.2020
Michael Brühl arbeitet normalerweise in der Küche der Lahnwerkstätten in Marburg. Quelle: Lebenshilfewerk Marburg
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Marburg

Bereits vor zwei Wochen hat der Vorstand des Lebenshilfewerkes auf die Corona-Pandemie reagiert und den Betrieb der Lahnwerkstätten auf ein Minimum reduziert. In dieser Woche nun wurde der Betrieb komplett eingestellt, auf Verordnung des hessischen Sozialministeriums.

Lahnwerkstätten-Mitarbeiter Michael Brühl ist nun zu Hause. Normalerweise arbeitet er in der Küche, kocht Mittagessen für Schulen und Kindertagesstätten oder sitzt an der Bistrokasse. „Das ist schon eine komische Situation“, sagt er am OP-Telefon. Er geht jetzt allein spazieren, fährt Fahrrad und guckt viel Fernsehen. Ob er durch die Schließung weniger Geld bekommt, das weiß er nicht.

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Das kann auch Horst Viehl nicht beantworten. Der Vorstand des Lebenshilfewerkes sitzt in dieser Zeit zwei Mal wöchentlich mindestens mit dem Krisenstab zusammen, berät und entscheidet. „Welche finanziellen Auswirkungen die Schließung hat, können wir nicht absehen“, gibt er zu. Dennoch hält er sie für das geeignetste Mittel, um eine Ansteckung unter den Mitarbeitern mit Beeinträchtigungen zu verhindern. „Viele von ihnen gehören zur Risikogruppe und befinden sich jetzt in ihrem Wohnbereich in häuslicher Quarantäne, um sie vor äußerlichen Einflüssen zu schützen“, erklärt er.

Diese Entscheidung sorgt wiederum in den Wohnhäusern und ambulanten Wohngemeinschaften für einen Ausnahmezustand. Tagsüber wird es dort zeitweise sehr eng, die Mitarbeiter sind mehr gefordert, als sonst. Für Menschen mit Beeinträchtigungen ist neben der Beschäftigung auch ein strukturierter Tagesablauf sehr wichtig. „Viele Kollegen aus den Werkstätten und den ambulanten Diensten helfen daher jetzt in den Wohnbereichen aus, um die Betreuung zu gewährleisten. Darauf sind wir auch wirklich angewiesen“, sagt Horst Viehl und ist froh über diese Flexibilität der Mitarbeiter, die dennoch an ihre Belastungsgrenze geraten. Denn je länger die Verordnung der Bundesregierung anhält, desto mehr befürchtet Horst Viehl „Zuspitzungen in den Wohneinrichtungen“. Derzeit werden zusätzliche Räume geschaffen, falls es doch Corona-Fälle unter den Bewohnern geben sollte. In zehn Häuser mit besonderer Wohnform und in etlichen Wohngemeinschaften leben über 300 Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen. Bei Letzeren herrscht eine ganz andere Verunsicherung. „Sie sind sehr beunruhigt“, weiß Horst Viehl.

Die Verwaltung läuft indes weiter wie sonst auch, außer dass die Kollegen Einzelbüros bezogen haben oder von zu Hause aus arbeiten. „Da ist unsere IT natürlich stark gefordert, um die Erreichbarkeit bei allen zu gewährleisten und die technische Infrastruktur bereitzustellen“, so das Vorstandsmitglied.

Dennoch beschäftigen den Vorstand viele offene Fragen, vor allem in finanzieller Hinsicht. Einige Mitarbeiter werden vom Landeswohlfahrtsverband bezahlt, „der“, laut Horst Viehl, „unbürokratische Lösungen favorisiert“. Mit den Kostenträgern, wie beispielsweise dem Landkreis, sei man in Gesprächen. „Die Dachverbände sagen, dass die Rettungsschirme der Bundesregierung ausgeweitet werden“, so Horst Viehl, der ehrlich hinzufügt: „Wir erwarten keine abschließenden Antworten.“

Auf OP-Nachfrage bestätigt der Landeswohlfahrtsverband, „dass die Vergütung weiterläuft – und das auch langfristig – weil die Mitarbeiter in den besonderen Wohnformen unterstützen.“ Weiterhin wurde erklärt, dass die Verordnung des Sozialministeriums vom Montag dieser Woche dazu geführt hat, dass die Werkstätten nun auch unter den Rettungsschirm der Bundesregierung fallen. „Das Betretungsverbot der Werkstätten ist gleichzusetzen mit dem Ausfall des Schulunterrichts.“ Eltern, deren Kinder nun zusätzlich zu Hause betreut werden müssen, können Anträge bei den jeweils zuständigen Kostenträgern stellen.

Von Katja Peters

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