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Marburg Leben in einer dunklen Zeit
Marburg Leben in einer dunklen Zeit
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18:58 20.12.2020
Die Marburger Autorin Birthe zur Nieden. Quelle: privatfoto
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Marburg

Den meisten Menschen im frühen 16. Jahrhundert geht es schlecht. Fast permanent von Hunger und Krankheiten bedroht fristen niedere Schichten ein elendes Leben, das sich heutige Menschen kaum vorstellen können. Zudem verwüstet der 30-jährige Krieg (1618 – 1648) weite Teile des Landes, Marodeure und Söldnerheere plündern das wenige, das die Menschen besitzen. Der Tod gehört zum Alltag.

Alma mater stammt aus dem lateinischen und bedeutet „gütige Mutter“. Heute ist es ein Synonym für Universitäten. Und an der Marburger Philipps-Universität und in der Universitätsstadt Marburg spielt ihr ambitionierter, 550 Seiten dicker und sorgfältig recherchierter historischer Roman.

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Ihre Geschichte beginnt im Jahr 1641 in einem kleinen Dorf nahe Grünberg. Dort wächst ihr Protagonist Georg Kammann auf. Er ist der Sohn eines armen Dorflehrers, klug, wissbegierig, ein Bücherwurm würde man heute sagen. In dieses ohnehin von Hunger und Not geplagte Dorf fallen schwedische Söldner ein. Die Dorfbewohner fliehen hinter die schützenden Mauern des Städtchens Grünberg. Georg wird zurückgeschickt. Er soll Heu für die Ziege holen, neben den wenigen Büchern ist sie der wertvollste Besitz der Familie. Georg wird von Landsknechten entdeckt und gefoltert: Er soll ihnen verraten, wo die armen Bauern ihre Schätze versteckt haben.

 Der Alltag in einer

gewalttätigen Zeit

Es ist Alltag in einer gewalttätigen Zeit, in der seit 23 Jahren Krieg herrscht, der – wie jeder Krieg – auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird. Doch Georg wird gerettet. Als tief gläubiger Mensch verspricht er Gott, ihm zu dienen. Er will Theologie studieren. Und er macht sich später auf nach Marburg. In Marburg spielt der Großteil des Romans. Birthe zur Nieden, die in Marburg Geschichte studierte, hat vorher drei Kinderromane mit Pferdegeschichten geschrieben, die wie „Alma Mater“ im Marburger Verlag der Francke-Buchhandlung erschienen sind. Nun liegt ihr erster großer Roman für Erwachsene vor.

Das Marburg des frühen 17. Jahrhunderts ist aus heutiger Sicht allenfalls eine Kleinstadt, damals jedoch war es für einen jungen Menschen aus einem kleinen Dorf eine prächtige Stadt mit großen Kirchen, einem mächtigen Schloss, umgeben von Stadtmauern. Und es gab eine Universität, dank der Marburg eine Sonderstellung hatte. In dieser Stadt schlägt sich der mittellose Georg durch. Anfangs schläft er unter freiem Himmel, dann bekommt er Unterschlupf in der Scheune eines Kantors, später bei einem herzlosen Handwerker und schließlich bei der Familie des Universitäts-Buchdruckers Kaspar Chemlin, dessen Freundschaft er gewinnt.

Hessen verlor die

Hälfte der Bevölkerung

Im ersten Jahr an der Universität wird er als Pennäler von älteren Studenten drangsaliert. Auch diese, aus heutiger Sicht grausamen Rituale, waren wohl üblich. Birthe zur Nieden beschreibt das Leben im Marburg dieser Zeit sehr atmosphärisch. Die Ängste und Nöte der Menschen, den Hunger, die winterliche Kälte oder die sommerliche Hitze schildert sie plastisch. Einzig der Glaube gibt vielen Halt in einer Welt am Abgrund. Für Marburger dürfte der Roman besonders interessant sein, weil sie alle Handlungsorte in der Altstadt kennen.

„Der Dreißigjährige Krieg spielte in Hessen im Vergleich mit anderen deutschen Regionen eine besondere Rolle“, hat 2018 der Marburger Historiker Professor Christoph Kampmann 400 Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges im Gespräch mit der OP erklärt. Der Streit zwischen den Fürstenhäusern Hessen-Darmstadt und Hessen-Kassel um Marburg und Oberhessen habe dazu geführt, dass Hessen eines der schlimmsten Kampfgebiete in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gewesen sei.

Söldnertruppen aller Seiten hätten das Gebiet jahrzehntelang geplündert und ausgesaugt. Die Folge: Hessen habe in den 30 Kriegsjahren nahezu die Hälfte der Bevölkerung verloren.

Der sogenannte Hessenkrieg nimmt auch in Birthe zur Niedens Roman eine zentrale Rolle ein. 1645/46 belagerten und eroberten Truppen aus Hessen-Kassel unter dem Kommando des Generals von Geyso die Stadt und das Schloss Marburg. Ende 1647 wurde die Stadt wieder belagert – diesmal von einer kaiserlich-bayrischen Armee. Die Verwüstungen nicht zuletzt auch durch Kontributionen und Einquartierungen waren enorm – denn letztlich musste die Bevölkerung die Landsknechte versorgen, denen sie ausgeliefert war.

Ein Fenster in die

Vergangenheit öffnen

Eingebettet in die dramatische Handlung ist eine zarte Liebesgeschichte zwischen Georg und Magdalena, der Tochter eines Offiziers. Birthe zur Nieden, Cousine des Marburger Dekans Burkhard zur Nieden, rückt nicht Generäle, Adlige, Offiziere oder Landsknechte in den Mittelpunkt ihres lesenswerten Romans, sondern einen zweifelnden, im Grunde sehr modernen jungen Mann, der versucht, in dieser grausamen Welt zu überleben und dabei trotz allem seinem Gewissen folgt.

„Dieser Roman ist der Versuch, einen Ausschnitt (des Dreißigjährigen Krieges, Anm. d. Red.) abzubilden, ein Fenster in die Vergangenheit zu öffnen – so, wie die ganz normalen Menschen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe diese schreckliche Zeit vermutlich wirklich erlebt haben“, schreibt sie im Nachwort Ihr Held Georg Kammann ist fiktiv, „aber was er erlebt ist zum größten Teil historische Realität“, so die Autorin. Viele Personen ihres Romans wie den Drucker Kaspar Chemlin, den Professor Johann Heinrich Tonsor oder den Lehrer Schmidtborn gab es aber wirklich.

Birthe zur Nieden: „Alma Mater“, Verlag der Francke-Buchhandlung, 555 Seiten, Taschenbuch, 15,95 Euro

Von Uwe Badouin

20.12.2020
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