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Marburg Marburgerin bläst Depression den „Mammutmarsch“
Marburg Marburgerin bläst Depression den „Mammutmarsch“
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13:51 24.02.2021
Sie will Mut machen und etwas Gutes tun: Nadine Lemke startet am Samstag um Mitternacht zu einem 48-stündigen Mammutmarsch zugunsten der Deutschen Depressionshilfe. Ihr treuer Begleiter Aiden wird natürlich auch dabei sein.
Sie will Mut machen und etwas Gutes tun: Nadine Lemke startet am Samstag um Mitternacht zu einem 48-stündigen Mammutmarsch zugunsten der Deutschen Depressionshilfe. Ihr treuer Begleiter Aiden wird natürlich auch dabei sein. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Sie kennt diese Dämonen. Seit gut sieben Jahren kämpft Nadine Lemke gegen sie an. Sie kommen schubweise. Mal schlimm, mal weniger schlimm. Im November letzten Jahres haben die Dämonen sie außer Gefecht gesetzt. Gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit, negative Gedanken haben sie regelrecht gelähmt. „Es ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht mal mehr mit dem Hund rausgehen“, erinnert sich die 31-jährige Marburgerin an die Zeit, in der sie nichts weiter tun konnte, als weinend im Bett zu liegen. Nadine Lemke blickt hinaus aufs Cappeler Feld. Die Sonne scheint ihr ins Gesicht, lächelnd streichelt sie ihren Hund Aiden.

Die Dämonen namens Depression sieht man ihr nicht an. Aber sie sind da. Wie bei so vielen Menschen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehören Depressionen zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. 

Etwa jede vierte Frau und jeder achte Mann ist im Laufe des Lebens von einer Depression betroffen. Insgesamt sind 8,2 Prozent der erwachsenen Deutschen im Laufe eines Jahres an einer anhaltenden Depression erkrankt – umgerechnet sind das 5,3 Millionen Bundesbürger.

Und trotzdem – noch immer wird das Thema tabuisiert. Nadine Lemke will dieses Tabu brechen. „Man muss sich nicht schämen, wenn man Depressionen hat. Es betrifft so viele Menschen, da muss es normaler werden, darüber zu sprechen“, sagt die Cappelerin, die nicht nur darüber sprechen, sondern dagegen anlaufen will.

Am Samstag geht’s los

Samstag (27. Februar) um Mitternacht bricht die 31-Jährige mit ihrem Australian Shepherd zu einem Mammutmarsch auf. 48 Stunden will sie laufen. Ohne Pause. So weit die Füße sie innerhalb dieser Zeit tragen. Das Ganze ist für Nadine Lemke ein persönlicher Meilenstein. Ein positives Ziel, auf das sie hinarbeitet. Doch das reicht ihr nicht. Denn die junge Frau ist seit Jahren sozial engagiert und ehrenamtlich tätig.

Die ausgebildete Rettungssanitäterin ist Stadtkinderfeuerwehrwartin und aktives Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Cappel. Sie denkt an andere und setzt sich für das Gemeinwohl ein. Und deshalb läuft Nadine Lemke nicht nur für sich und ihre Gesundheit, sondern auch zugunsten der Stiftung Deutscher Depressionshilfe.

Ein besonderer Antrieb

„Ich möchte einfach etwas Gutes tun“, erklärt Lemke. Sie freut sich sehr darüber, dass bereits von Seiten einiger Feuerwehrkameradinnen und -kameraden Unterstützung zugesagt wurde. „Es gibt ein paar, die pro gelaufenem Kilometer 50 Cent spenden wollen“, sagt Nadine Lemke und strahlt. Dieses „Kilometergeld“ gibt ihr noch mehr Antrieb. Sie weiß, dass sie es schaffen kann. Denn das Schwierigste hat sie bereits hinter sich. Als sie im November mit schwerer depressiver Episode ans Bett gefesselt war, ist sie nicht liegengeblieben. Sie ist wieder aufgestanden. „Meine Freunde und meine Familie haben mir wieder auf die Beine geholfen“, erzählt sie dankbar.

Sie will Mut machen. Denn sie weiß, dass auch die Corona-Pandemie für viele Menschen eine Belastung ist. Für Menschen, die mit einer Depression kämpfen, noch mehr. Laut dem „Deutschland-Barometer Depression“ sind Menschen mit Depressionen stärker von Folgen der Corona-Maßnahmen betroffen als die Allgemeinbevölkerung. In der häuslichen Isolation seien depressiv Erkrankte (48 Prozent) zudem deutlich häufiger tagsüber im Bett geblieben als die Allgemeinbevölkerung (21 Prozent). Depressiv Erkrankte hätten so mehr Zeit zum Grübeln und könnten noch tiefer in die Depression geraten, warnen Psychiater.

Begünstigung durch die Corona-Pandemie

Auch Nadine Lemke glaubt, dass die Corona-Pandemie ihre schwere depressive Phase noch einmal begünstigt hat. „Diese Angst, dass man vielleicht das Virus unwissentlich in sich trägt und seine Familie anstecken könnte, hat die Depression sicher noch einmal verstärkt“, sagt sie und lächelt. Denn sie weiß auch, dass es einen Weg heraus gibt aus der Depression. Sie hat eine Therapie gemacht, ist in ärztlicher Behandlung und medikamentös gut eingestellt. Und das Laufen hat ihr sehr geholfen.

„Man ist draußen, in Bewegung, nicht mehr allein isoliert, man entdeckt Dinge, die man sonst vielleicht nicht gesehen hat, und irgendwann lichtet sich der graue Schleier“, sagt sie und hofft, dass ihr Mammutmarsch am Wochenende auch anderen Menschen hilft. Ihnen Mut gibt. Kraft gibt, vielleicht selbst loszulaufen. Und wenn dann sich auch noch ein paar Menschen finden, die an die Deutsche Depressionshilfe spenden, hat sich für Nadine Lemke jeder einzelne Schritt ihrer 48-stündigen Wanderung gelohnt.

Wer Nadine Lemke bei ihrem Lauf unterstützen möchte, findet im Internet unter www.deutsche-depressionshilfe.de weitere Infos sowie ein Spendenkonto. Wer spenden möchte, soll das unter dem Stichwort „Wir laufen mit“ tun.

Tipps in der Krise

Die mit dem Corona-Virus verbundenen Ängste und Einschränkungen stellen für an Depression erkrankte Menschen große Herausforderungen dar. Denn: In einer Depression wird alles Negative im Leben vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, so auch die Sorgen und Ängste wegen des Corona-Virus. Betroffene können jedoch gegensteuern. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gibt dafür einige Tipps.

Struktur: Strukturieren Sie Ihren Tag und Ihre Woche im Vorfeld. Vom morgendlichen Aufstehen, Arbeits- oder Lernzeiten, Mahlzeiten bis hin zu schönen Dingen, wie lesen, Serie schauen, Balkon bepflanzen, Yoga und Entspannungsübungen.

Bleiben Sie aktiv! Eine Runde Joggen oder mit dem Fahrrad fahren wirken Wunder.

Kontakte: Wenn Sie im Homeoffice sind oder gar in Quarantäne, verabreden Sie sich mit Freunden und Familie zum Telefonieren. Auch Chats oder Onlineforen helfen gegen die Einsamkeit. Expertenvideos und Erfahrungsberichte von Betroffenen finden Sie auf der interaktiven Website „Mitte der Nacht“.

Schlaf: Sie fühlen sich erschöpft und neigen dazu, sich ins Bett zurückzuziehen? Dies führt allerdings eher zu einer Zunahme des Erschöpfungsgefühls und der Depressionsschwere. Deshalb empfehlen wir, nicht früher ins Bett zu gehen oder sich tagsüber hinzulegen. Eine feste Tagesstruktur kann dabei helfen.

Therapie: Auch während der bundesweiten Kontaktsperre können Sie in Ihre Psychotherapeutische Praxis gehen. Die Besuche dort fallen unter die Regelungen zum „Arztbesuch“ und Psychotherapie ist eine „notwendige medizinische Leistung“. Falls Sie zum Beispiel aufgrund einer Quarantäne nicht zu Ihrem Psychotherapeuten gehen können, bieten viele Praxen inzwischen Video-Sprechstunden an. Fragen Sie bei Ihrem Therapeuten nach, ob das möglich ist.

Seriöse Informationen: Fakten mindern Ängste. Nutzen Sie seriöse Quellen, um sich zu informieren, und checken Sie die Nachrichten nur so oft, wie es Ihnen gut tut.

Hilfe: Sprechen Sie mit anderen über Ihre Sorgen und Ängste, z. B. mit der Telefonseelsorge unter 08 00 / 111 01 11 oder 08 00 / 111 02 22. Hausärzte, Fachärzte und psychiatrische Kliniken sind nach wie vor geöffnet. Scheuen Sie sich nicht in Krisen, nach Hilfe zu fragen.

Krisentagebuch: Eine Unterstützung für den Corona-Winter bietet außerdem das Tagebuch „Ein guter Winter“. Es gibt Tipps, die allen im Winter gut tun, und hilft gerade jetzt während der Corona-Pandemie, negative Gedanken zu kontrollieren, positive Dinge zu planen und den Alltag zu strukturieren.

Von Nadine Weigel