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Marburg Räder-Initiative lässt Lasten rollen
Marburg Räder-Initiative lässt Lasten rollen
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11:17 21.05.2018
Alexa Pfeil und Julian Hanßler testeten in Marburg ein Lastenfahrrad. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Fuchur und seine Fahrerin wurden zunächst keine Freunde. Das weiße Lastenrad mit Elektromotor und der eigentlichen Bezeichnung „Bullitt Milk plus“ ist gewöhnungsbedürftig – zumindest für Menschen, die noch nie zuvor ein zweirädriges Transportfahrrad bewegt haben. „Immer das Ziel anvisieren und nicht auf das Vorderrad schauen“, riet Wolfgang Schuch vom Verein „Freie Räder“, der über das Projekt „freie Lasten“ drei motorisierte Transporträder und drei Lastenanhänger zum kostenlosen Verleih angeschafft hat.

Eigentlich können mit solch einem Rad auf der Ladefläche bis zu 100 Kilogramm – laut Schuch zum Beispiel 40 Getränkekisten oder drei Waschmaschinen – transportiert werden oder auch eine weitere Person auf dem zugehörigen Sitz. Doch die Fahrerin gab es zunächst auf, auch nur sich selbst fort zu transportieren, nachdem sie fast in einem Zaun gelandet war.

E-Dreirad zum Transport für Rollstühle

Andere Tester zeigten mehr Talent, etwa Alexa Pfeil und Julian Hanßler, die direkt eine Runde durch Marburg drehten. Am Dienstag gab es am Elisabeth-Blochmann-Platz die Möglichkeit, diese besonderen Gefährte auszuprobieren, die über den Verein kostenlos ausgeliehen werden können.
Auch Joshua Roloff hatte mit der Handhabe kaum Probleme. 
Elegant schwang er sich auf das blaue Lastenrad „Blue Bird“ mit dem zusätzlichen Namen 
„Asta-Lasta“ – in Anlehnung an den Allgemeinen Studierendenausschuss, der dieses Rad 
sowie ein unmotorisiertes Dreirad mit Kiste zum Verleih über den Verein zur Verfügung stellt. „Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass das was für mich wäre“, sagte Roloff.

Besonders interessiert war er an dem „Rolli-Rad“, ein Transportrad für einen Rollstuhl, das bisher beim Tretbootverleih seinen Standort hatte und von Jörg Fretter für den Verleihpool zur Verfügung gestellt wird. Für seine Initiative „Teilhabe & Inklusion durch Rad-Rad-Radfahren“ und damit seinem Engagement für Barrierefreiheit erhielt er 2014 von der Stadt den Jürgen-Markus-Preis. Das Dreirad mit Elektroantrieb ist mit einer Rampe ausgestattet und für den Transport von Rollstühlen geeignet, außerdem kann es auch rückwärts fahren.

Sein Tester Joshua Roloff arbeitet als studentische Hilfskraft im Conrad-Biesalski-Haus, ein inklusives Studentenwohnheim, und liebäugelte damit, das Rolli-Rad für die Arbeit einzusetzen. Einiges gibt es jedoch zu bedenken: „Es ist nur für Handrollis geeignet, nicht für E-Rollis“, sagte Fretter. Außerdem müsse es, bevor es ausgeliehen werden kann, komplett überholt werden. Für die Inspektion würden noch Spenden gesucht.

Fuchurs „Schwester“ 
Hedwig wurde angefahren

Katharina Verhaal, die konsequent autolos unterwegs ist, testete derweil ein dreirädriges Transportrad von „Chike“. Das Besondere bei diesem Gefährt: Die Neigung fürs Kurvenfahren kann eingestellt werden. Und das erleichtert das Abbiegen – auch für die Testerin des weißen Lastenrades. Das hat seinen Namen in Anlehnung an den weißen Drachen Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“ erhalten. Seine „Schwester“ heißt Hedwig wie die weiße Eule von Harry Potter – kann aber aktuell nicht ausgeliehen werden, weil sie angefahren wurde. „Es ist typisch für Lastenräder, dass sie einen eigenen Namen haben, das soll auch bei uns so sein“, sagte Schuch.

Mit den dreirädrigen Modellen jedenfalls fiel der Fuchur-Testerin das Fahren einfacher. Schuch erklärte: „Es braucht Übung am Anfang, wenn man noch nie ein Lastenrad gefahren hat.“ Daher erhalten alle, die solch ein Gefährt ausleihen möchten, zunächst eine Einweisung an einer der Ausleihstationen. Aktuell können Fuchur, das Asta-Lasta und Asta Nextbike über die Webseite freie-lasten.org ausgeliehen werden. Auf dieser Seite werden unter den entsprechenden Rädern auch die Ausleihstationen angezeigt.

von Simone Schwalm

Hintergrund

In seinem jährlichen Bericht „Frühjahrsputz“ hat der Bund der Steuerzahler das Projekt als eines von 30 kritikwürdigen Beispielen für Steuergeldausgaben aufgelistet. Der ­Begriff „kostenfrei“ für die angestrebte Verleihung der Räder sei nämlich irreführend. Zwar könnten Bürger die Räder kostenlos nutzen, doch für das Projekt käme die Allgemeinheit der Steuerzahler auf, deren Steuergeld das Ministerium zur Verfügung stelle. Mehr als die Hälfte der Mittel würden zudem für Personalausgaben zur Verfügung stehen. Die Kosten für die insgesamt drei Lastenräder und drei Schwerlast-Anhänger betragen mehr als 30.000 Euro. Außerdem wurde etwa eine Dreiviertelstelle für Verwaltungsarbeiten eingerichtet.