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Marburg Trockenheit ist das bestimmende Thema
Marburg Trockenheit ist das bestimmende Thema
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12:58 28.07.2019
Ein Traktor zieht eine große Walze über ein trockenes Feld. Prognosen des Umweltbundesamtes ­gehen im Falle von langfristiger Trockenheit von einer steigenden Konkurrenz ums Wasser aus, auch vonseiten der Landwirtschaft. Dem widerspricht der Kreisbauernverband. Quelle: Nicolas Armer
Marburg

Seit 2018 häufen sich Trockenheit und Hitzerekorde auch in Deutschland. Nach ­Angaben des Deutschen Wetterdienstes war der vergangene Juni der wärmste und sonnigste seit Beginn flächendeckender Messungen. Die Sorge um Wasserknappheit, verschärftem Klima und Ernteausfällen wächst.

Die Trockenheit ist in der Landwirtschaft bestimmendes Thema, gerade seit dem vergangenen Jahr. Zu schaffen mache den Bauern sowohl die Auswirkungen des trockenen Winters wie aktuelle Trockenphasen. Große Hitze von oben, fehlende Nässe von unten: „Wir leiden unter der Trockenheit, die Pflanzen ­leben gerade von der Hand in den Mund“, sagt Kreislandwirt Frank Staubitz. Zu Problemen führen ebenso die aufgebrauchten ­Reserven, etwa bei den Rinderhaltern. In 2018 stieg der Bedarf an zusätzlichen Futterpflanzen, Bauern gingen schon früh an ihre Wintervorräte. „Das ist jetzt nicht mehr möglich, man kann nicht mehr auf Rückbestände zurückgreifen.“

Heimische Bauern bereiten sich vor

Viele Landwirte schauen mit Sorge auf den Sommer wie den Winter und treffen bereits Vorbereitungen, berichtet auch der Vorstand des Kreisbauernverbands Marburg-Kirchhain-Biedenkopf: „Man muss nichts dramatisieren, aber man ist noch gebrannt vom letzten Jahr“, meint Heinz-Hermann Nau-Bingel, Geschäftsführer des Verbands. „Futtervorrat und Wasservorrat hängen eng zusammen – die Landwirte werden immer sensibler und achten sehr auf ihre Vorräte.“

Der Grünschnitt sei bisher zwar gut ausgefallen, Vorkehrungen gebe es dennoch, etwa in der Anbau-Praxis: Auf brach liegenden Feldern werde mancherorts sicherheitshalber wieder Gras ausgesät. Vorsorglich. Oder die Bauern greifen auf ­Sorten zurück, die früher abreifen, dafür weniger Ertrag einbringen. Etwa beim Weizen.

Der Verband schaue mit Vorsicht in die Zukunft, „mit einem trockenen Jahr kann man leben, bei mehreren wird es schwierig“, sagt Verbandsvorsitzende Karin Lölkes, die einen theoretischen Blick in die Zukunft wirft.
Ändere sich das Klima weiter,­ nehmen Hitzeperioden zu, hätte das sichtbare Auswirkungen auf Landwirtschaft wie auf das Landschaftsbild: „Stauberosionen könnten zunehmen, die den guten Boden weiter abtragen, die Bodenbearbeitung wird teurer.“

Die Feldfrüchte müssten angepasst werden, Viehbestände­ mangels Futter vielleicht immer mehr abgebaut werden. Oder die andere Version: Mehr Futterpflanzen würden das jetzige Getreide verdrängen. „Das Grundfutter muss ja da sein, man würde dann für mehr Futterpflanzen auf Weizen verzichten“, prophezeit Lölkes.

Von neuer landwirtschaftlicher Fläche geht der Verband nicht aus, eher von weniger, „immer mehr landwirtschaftliche Flächen gehen verloren, etwa durch Neubauten“. Doch was den Wasserbedarf angehe, sehen die Kreisbauern dagegen wenig Veränderungen. „Der Wasserverbrauch steigt in der Landwirtschaft nicht“, meint Staubitz. Wie sich eine mögliche anhaltende Trockenphase klimabedingt künftig auf die Wasserreserven auswirken könnte, weiß niemand.

Regional könnte Konkurrenz ums Wasser steigen

Prognosen sehen jedoch einen möglichen Kampf um den wichtigen Rohstoff: „Eines ist schon deutlich zu sehen: Als neuer­ Nutzer von Wasservorräten wird die Landwirtschaft dazu­kommen“, sagt Jörg Rechenberg, Wasserexperte beim Umweltbundesamt (UBA) der dpa. Sollten weitere Dürrejahre folgen, würde sich die Wasserverfügbarkeit der Zukunft laut UBA weiter verschärfen.

Bisher habe die sogenannte Bewässerungslandwirtschaft in Deutschland mit einem Anteil von 2,7 Prozent an der landwirtschaftlich genutzten Fläche eine nur geringe Bedeutung. „Die Beregnungsbedürftigkeit wird deutschlandweit tendenziell zunehmen, allerdings ist dies regional sehr unterschiedlich“, ergänzt Rechenbach.

Die Landwirtschaft als künftiger Konkurrent am Wasserreservoir? Der Kreisbauernverband hält das für unwahrscheinlich. „Eine Bewässerung bringt auf dem normalen Acker nichts, wir werden hier ­sicher nicht beregnen“, sagt Staubitz. Auch nicht, um die Ernte mit großem Aufwand eventuell zu steigern.

Grundwasserpegel noch nicht wieder aufgefüllt

Die Ernte der Wintergerste in diesem Jahr sei noch gut ausgefallen. Weniger optimistisch sind die Prognosen bei der nun beginnenden Ernte des Weizens, der aufgrund des trockenen Wetters zu schnell abgereift ist. Ähnlich sieht es beim frühreifen Mais aus, der eigentlich erst später an der Reihe ist, stellenweise das Wachstum jedoch bereits abgeschlossen habe. „Das sind drei bis vier Wochen früher als üblich“, schätzt Lölkes. Und Bauern müssten damit leben – auf dem Acker sei man von der Natur abhängig, nicht von Berieselung. Zumal sich die Arbeit mit teurer Technik finanziell nicht lohne. Auf Wasser für die Felder angewiesen sei dabei ein „sehr kleiner Teil“ der Bauern, etwa in den Gemüseanbauregionen, hierzulande höchstens Spargel- oder Erdbeerfelder.

Aktuelle Daten zur Grundwassermenge 2018 hat das UBA noch nicht vorliegen, rechnet jedoch damit, „dass sich die Grundwasserpegel noch nicht wieder auf den Stand vor 2018 aufgefüllt haben.“ Noch bestehe kein Mangel. Ein solcher würde laut Definition entstehen, wenn die gesamte Wasserentnahme eines Jahres mehr als 20 Prozent der Mengen an nutzbarem Grund- und Oberflächenwasser betragen würde. Nach den jüngsten Zahlen für 2016 waren es aber nur 12,8 Prozent. Der Anteil der öffentlichen Wasserversorgung daran lag bei lediglich 2,7 Prozent. Hauptnutzer waren zum Beispiel Industrie und Kraftwerke.

Die Landwirtschaft verbraucht laut des Deutschen Bauernverbandes bundesweit bisher rund 0,2 Prozent des insgesamt verfügbaren Wassers. Auch laut der Kreisbauern falle das kaum ins Gewicht, auch nicht in ­Zukunft. Lölkes sieht beim Thema Wasserverbrauch wie auch beim Klimawandel eher ein gesamtgesellschaftliches Problem, „nicht die Landwirte als Sündenbock“. „Wir sind nicht an ­allem Schuld, wir sind mitverantwortlich, aber jeder trägt ­seinen Teil mit.“

von Ina Tannert
und unserer Agentur