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Marburg Wenn der Schlachter zum Tier kommt
Marburg Wenn der Schlachter zum Tier kommt
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18:58 31.07.2021
Landwirt Felix Hoffarth aus Lohra mit seiner Angus-Rinderherde.
Landwirt Felix Hoffarth aus Lohra mit seiner Angus-Rinderherde. Quelle: Privatfoto
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Lohra

Wo kommt das Fleisch auf meinem Teller her? Wo und wie hat das Tier gelebt und wie wurde es getötet, um am Ende als Lebensmittel zu dienen? Diese Fragen stellen sich Verbraucher immer dann, wenn es um einen bewussten Verzehr von Fleisch geht. Die Bedeutung regionaler Lebensmittel – lokal produziert und vermarktet – wächst stetig.

Es gibt dieses schöne Bild vom bäuerlichen Kleinbetrieb auf dem Land, der die Bevölkerung vor Ort – und sich selbst – versorgen kann, ohne auf Massentierhaltung, Riesenschlachthöfe und lange Tiertransporte setzen zu müssen. Die Realität sieht in der Regel anders aus.

Das Land Hessen versucht nun, die regionale Schlachtung ein Stück weit unkomplizierter zu gestalten, und hat eine neue EU-Rechtslage für das mobile und teilmobile Schlachten im Haltungsbetrieb per Erlass in die landwirtschaftliche Praxis umgesetzt. Besonders für Weidetierhalter stelle die Neuerung eine Erleichterung dar, sagt Tim Treis, Sprecher der Vereinigung ökologischer Landbau in Hessen. „Gerade für Tiere, die es gewohnt sind, auf der Weide zu stehen, hatte der Transport zum Schlachter enormen Stress bedeutet, der ihnen auf diese Weise nun erspart bleiben kann.“

Heimische Landwirte

sehen Ergänzungsbedarf

Auch die Landwirt-Familie Hoffarth aus Lohra begrüßt, dass beim lokalen Schlachten der Tierwohl-Gedanke gestärkt werden soll. Sie sehen aber noch Lücken in den neuen Vorschriften. Hofchef Felix Hoffarth und seine Eltern betreiben den Hof Eselsmühle in Lohra. In dem Naturland-zertifizierten Betrieb lebt neben Pferden und Puten eine Angus-Herde, bestehend aus Mutterkühen und deren Nachzucht. Derzeit leben die 120 Rinder auf der Weide, im Winter im Stall.

Felix Hoffarth liegen seine Tiere am Herzen, er setzt sich für kurze Transportwege, Schlachten vor Ort ohne Lebendtransport ein, wurde im letzten Jahr zum Landwirt des Jahres gekürt. Er würde seine Rinder durchaus auf der Weide oder im Stall schlachten. „Es wäre das Beste für die Tiere; wenn ich sie schon töten muss, dann möglichst schonend“, sagt der junge Landwirt. Allerdings sieht er die teilmobile oder mobile Schlachtung per Schlachtanhänger, der auf den Hof kommt, in der Praxis noch nicht ausgereift.

Grundproblem sei ein höherer Aufwand und mangelnde Flexibilität: Alle am Prozess Beteiligten müssen zum richtigen Zeitpunkt parat stehen, Bauer, Tierarzt, mehrere Metzger. Denn es gibt strenge Vorschriften: Der Amtsveterinär muss bei jeder Tötung eines Tieres, während der gesamten Schlachtung anwesend sein, auch auf der Weide oder im Stall. Das bestätigt auf Nachfrage das Veterinäramt des Landkreises.

Das Tier muss vor Ort auch sofort entblutet werden. Die Frist, bis der ausgeblutete Körper im Schlachthof oder der Metzgerei geöffnet werden muss, wurde indes von 45 Minuten auf nun zwei Stunden Transportdauer ohne Kühlung erhöht. „Das ist sinnvoll und auch hygienisch. Wenn die Haut noch da ist, ist das Tier ja quasi steril“, sagt Vater Dieter Hoffarth.

Der Anhänger muss außerdem bestimmte Vorgaben erfüllen und laut Veterinäramt „zwingend durch eine Eignungsprüfung durch das Regierungspräsidium im Kassel zugelassen werden“.

Bisher lässt Hoffarth seine Tiere beim Metzger seines Vertrauens in Wetter schlachten, immer nur zwei auf einmal. Er sei „heilfroh“, dass es diese Möglichkeit in der Region überhaupt noch gibt, wo allerorts Schlachthöfe schließen, Erzeuger wie Verarbeiter weniger, dafür immer größer werden.

Die Organisation der Schlachtung sei mit dem Partner einfacher, so kann auch mal am Abend geschlachtet werden, zu einer Zeit, wenn die Dienstzeit von Behörden schon vorbei ist. Das wäre auf der Weide ohne Tierarzt nicht möglich. Die Zerlegung der Schlachtkörper übernimmt wiederum ein befreundeter Metzger im Zerlegeraum direkt auf dem Hof.

Sorge vor Kostenexplosion beim Schlachtprozess

Wenn eine Station dieses Kreislaufs ausfällt – und sei es nur durch einen Stau auf der Straße –, die Frist überschritten wird, dann könne er das Fleisch auch gleich entsorgen. „Das Gesetz an sich ist ja gut, es wird aber vergessen, dass der Landwirt dadurch viel mehr Arbeit hat – ich muss so viele Termine absprechen und die ganzen Kosten müssen auch getragen werden“, erklärt Felix Hoffarth.

Er rechnet damit, dass die Lebend- und Fleischbeschau teurer werden wird, da auch der Tierarzt mehr Aufwand hat. Die Gebühren für die vorgeschriebene Lebend- und Fleischbeschau belaufen sich laut Kreis zur Zeit bei einem Rind auf 23,15 Euro und bei einem Schwein auf 13 Euro, hinzu kommt der Zeitaufwand des amtlichen Tierarztes.

Wenn zudem gleich mehrere Rinder- oder Schweinezüchter theoretisch auf mobile Schlachtung umstellen würden, könnte der Bedarf an Veterinären kaum vom Amt gedeckt werden, schätzt der Landwirt. Wie die Kreis-Pressestelle mitteilt, gibt es derzeit im Landkreis elf amtliche Tierärzte, die für Lebendbeschau und Fleischuntersuchung zur Verfügung stehen.

Als Alternative zur aktuellen Regelung würde er sich „wieder mehr Vertrauen in die Landwirte“ wünschen, ergänzt Dieter Hoffarth. Soll heißen: Er würde es lieber sehen, wenn der Landwirt selbst wieder die Tötung übernehmen könnte – das wäre bereits jetzt durch eine Weiterbildung möglich –, aber auch die Kontrolle der noch lebenden Tiere selbst durchführt, also auf den Tierarzt verzichtet.

„Wenn die Lebendbeschau nicht mehr vom Veterinär gemacht werden müsste, wäre die mobile Schlachtung perfekt“, betont Hoffarth. Im Moment sei die trotz Gesetzesanpassung „theoretisch zwar möglich, aber praktisch nicht umsetzbar“.

Von Ina Tannert