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Marburg Fast alle Kandidaten sind für die Ohmtalbahn
Marburg Fast alle Kandidaten sind für die Ohmtalbahn
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20:41 09.05.2022
Diskutierten am Sonntagnachmittag beim OP-Wahlforum in der Druckerei der Oberhessischen Presse: Thomas Riedel (von links, FDP), OP-Redakteurin Ina Tannert, Marian Zachow (CDU), Anna Hofmann (Die Linke) Carola Carius (Bündnis 90/Die Grünen), der stellvertretende Chefredakteur der OP, Carsten Beckmann, OP-Redakteurin Nadine Weigel, Jens Womelsdorf (SPD) und Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken).
Diskutierten am Sonntagnachmittag beim OP-Wahlforum in der Druckerei der Oberhessischen Presse: Thomas Riedel (von links, FDP), OP-Redakteurin Ina Tannert, Marian Zachow (CDU), Anna Hofmann (Die Linke) Carola Carius (Bündnis 90/Die Grünen), der stellvertretende Chefredakteur der OP, Carsten Beckmann, OP-Redakteurin Nadine Weigel, Jens Womelsdorf (SPD) und Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken). Quelle: Thorsten Richter
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Auch die Follower, die das OP-Wahlforum an den Computern, Laptops, Tablets und Handys per Livestream verfolgten, schalteten sich am Sonntagnachmittag in die Diskussion der sechs Kandidatinnen und Kandidaten für die Landratswahl ein und stellten den zwei Frauen und vier Männern ihre Fragen. Sie wollten zum Beispiel deren Standpunkte zum Reaktivieren der Ohmtalbahn wissen und auch, wie die Ausgaben dafür zu rechtfertigen seien.

Thomas Riedel sagte als „hinlänglich bekannter Gegner der Ohmtalbahn“, dass er nichts gegen den Ausbau des ÖPNV habe, es sei aber grundsätzlich zu überlegen, in welche Projekte investiert werde. Zu Bedenken gab der Liberale die Langfristigkeit eines solchen Projektes, da zum Beispiel neue Planfeststellungen erfolgen müssten und Flächen auf der Trasse schon anders genutzt würden. Er bevorzuge ein flexibleres Bussystem mit alternativen Energieformen, was schnell verfügbar sei.

Als „großer Fan der Ohmtalbahn“ meinte Marian Zachow dagegen, alle Reaktivierungen seien Erfolgsgeschichten mit zum Teil Vervierfachungen der Fahrgastzahlen. Für größere Personenzahlen sei ein Zug ein vernünftiges Verkehrsmittel. Zudem werde der volkswirtschaftliche Sinn gerade ermittelt. Bei einem guten Resultat sei es eine gute, angesichts der Förderungen von bis zu 95 Prozent auch eine lohnende Investition in die Zukunft. „Ja, sie ist eine gute Idee für eine hoffentlich nicht zu sehr entfernte Zukunft“, sagte Carola Carius. Die Kandidatin der Grünen hofft, dass „wir lernen, weniger gegen Infrastrukturprojekte vorzugehen, sondern mehr Akzeptanz zu üben“.

OP-Wahlforum am 8.5.22 zur Landratswahl: Blick hinter die Kulissen. Quelle: Thorsten Richter

Die Linke fordere eine Regiotram für Mittelhessen, sagte Anna Hofmann, die aber auch die Reaktivierung von Bahnstrecken begrüßt. Mit einer Regiotram wären Gießen und Marburg von beiden Seiten angebunden, was die einzige Lösung sei, um 50 Prozent des Individualverkehrs zu verringern.

Regionalbahnen würden gut angenommen und ließen sich gut mit anderen Verkehrsträgern vernetzen, meinte Jens Womelsdorf. Volkswirtschaftlich ließe sich der Nutzen schwer erfassen, so der Sozialdemokrat, aber es müsse mehr in den ländlichen Raum investiert werden, um diesen attraktiv zu erhalten. Deshalb sei er dafür, lieber einen Euro mehr zu investieren, anstatt zu verlangen, dass es sich marktwirtschaftlich lohne.

Sinnvolle Projekte seien Regionalbahnen wie die Ohmtalbahn, findet Dr. Frank Michler von der Bürgerliste Weiterdenken. Die Nord-Süd-Anbindung Marburgs sei sehr gut, Ost-West dagegen sehr holprig. Laute das Ergebnis der Untersuchung auf eine gute Umsetzbarkeit, sei er dafür. Es dürfe aber nicht dazu kommen, dass Leute durch die 3G-Regel vom Bahnfahren ausgeschlossen würden. Da das Geld für Masken, Krieg und Impfung prinzipiell da sei, solle es auch für den ÖPNV zur Verfügung gestellt werden.

Folgen des Krieges

„Was kann ein Landrat tun, um den Kreis von den gestiegenen Kosten durch Krieg und Inflation zu entlasten?“, fragte ein anderer OP-Leser.

Eine Landrätin könnte dafür werben, dass Menschen Investitionen tätigen, zum Beispiel in Wohnraum oder andere bestimmte Projekte, sagte Carola Carius. Die Grünen-Kandidatin wirbt dafür, Allianzen zum Umsetzen solcher Aktivitäten zu bilden.

„Die Inflation zu stoppen, fällt schon der Europäischen Zentralbank schwer“, antwortete Marian Zachow. Darin seien auch Landräte überfordert, sagte der Erste Kreisbeigeordnete und ergänzte, dass der Landkreis jetzt schon durch die steigenden Baupreise überlastet sei. Aber sozial schwache Menschen müssten unterstützt werden und man müsse auch schon vor der Wahl ehrlich sagen, dass sich der Kreis einiges nicht mehr wie in den vergangenen Jahren wird leisten können.

„Es gibt Faktoren, gegen die wir direkt nichts machen können, aber wir können versuchen, die regionale Wertschöpfung zu stärken“, meint Jens Womelsdorf. Der Sozialdemokrat zählte die regionale Direktvermarktung, das Weiterentwickeln der Wirtschaftsförderung oder Hilfen für die Wirtschaft bei Ansiedlungen auf. Damit könne man ohne riesige Neuinvestitionen vorangehen. Und man müsse auch Unterhaltungsstrukturen der freien Träger erhalten.

FDP-Mann Thomas Riedel sieht die Möglichkeiten ebenfalls stark begrenzt. Wichtig sei, die Augen offenzuhalten, und wo sich Problemfälle häufen, zum Beispiel bei den Heiz- oder Stromkosten, versuchen zu helfen.

Für Anna Hofmann wird der Einzelfall jetzt zum Regelfall. Strom koste 30 Prozent mehr, Hartz-IV-Empfänger erhalten pro Jahr nur 3 Euro mehr. Da müsse der Landkreis etwas tun, zum Beispiel den von der Linken geforderten Sozialfonds einrichten. Dr. Frank Michler wies darauf hin, dass Staatshaushalte von Inflationen profitieren, weil sie dann ihre Defizite „sehr elegant“ weginflationieren könnten. Das sei die Geldpolitik der EZB der vergangenen zehn Jahre – das Ausweiten der Geldmenge – gewesen. Er sehe die große Gefahr einer Beschleunigung der Inflation, die zu einer Währungsreform führe, in deren Zuge dann das Bargeld abgeschafft werde. „Dagegen spreche ich mich ganz stark aus.“

Womelsdorf legte daraufhin ein Veto ein, dass sich darauf richtete, dass Geldmengen und Bargeld nicht Kreispolitik seien. Wohnungsbaupolitik wäre etwas, was der Landkreis leisten könnte. Darauf sollte man in der Diskussion eingehen.

Von Gianfranco Fain