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Marburg Vom Innehalten und einer Provokation
Marburg Vom Innehalten und einer Provokation
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20:06 11.02.2022
Ein Mann versuchte im Kreistag zu filmen. Er wurde gewaltfrei von drei Mitarbeitern der Verwaltung daran gehindert, nachdem der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert den Mann mehrfach vergeblich aufgefordert hatte, das Filmen zu unterlassen.
Ein Mann versuchte im Kreistag zu filmen. Er wurde gewaltfrei von drei Mitarbeitern der Verwaltung daran gehindert, nachdem der Kreistagsvorsitzende Detlef Ruffert den Mann mehrfach vergeblich aufgefordert hatte, das Filmen zu unterlassen. Quelle: Götz Schaub
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Stadtallendorf

Die Sondersitzung des Kreistages am Freitag in der Stadthalle Stadtallendorf wurde notwendig, weil ab Sterbedatum von Landrätin Kirsten Fründt am 19. Januar Fristen zu wahren waren. Ab diesem Tag muss innerhalb von vier Monaten eine Wahl stattfinden. Sollte die maximale Zeit ausgeschöpft werden, kam als spätester Wahlzeitpunkt der 15. Mai in Frage, weil Direkt-Wahlen immer sonntags stattfinden müssen.

Ohne Aussprache wurde auch der 15. Mai vom Kreistag festgelegt, wobei sich die Freien Wähler und Dr. Frank Michler von der Bürgerliste Weiterdenken enthielten. Der 29. Mai wurde zudem als Wahltag für eine mögliche Stichwahl festgelegt. Dieser Tag könnte tatsächlich auch noch wichtig werden, denn mittlerweile hat die FDP angekündigt, Ende des Monats einen eigenen Kandidaten zu präsentieren. Es kursiert der Name Thomas Riedel.

Und auch die Grünen, so teilte es Stephanie Theiss am Rand der Sitzung dieser Zeitung mit, wollen in der nächsten Woche eine Entscheidung fällen, wobei die Zeichen bisher auf eine Kandidaten-Aufstellung deuten. Auch die Freien Wähler können sich einen Kandidaten vorstellen. Bewerbungsschluss ist jedenfalls am 7. März.

Die Sondersitzung am Freitag wurde auch dazu genutzt, sich noch einmal von der Landrätin zu verabschieden. Doch war Kirsten Fründt nicht die einzige auf der Liste, die Kreistagsvorsitzender Detlef Ruffert traurig und in tiefer Betroffenheit abarbeiten musste. So erinnerte er auch an vier weitere Menschen, die allesamt zu früh verstarben, die sich alle noch auf unterschiedliche Weise für die Allgemeinheit engagierten.

„Kultur der Nahbarkeit“ bleibt in Erinnerung

Reiner Glinski aus Neustadt war erst im November vergangenen Jahres zum neuen Vorsitzenden des vom Kreisausschuss berufenen Behindertenbeirats gewählt worden. Er wurde 61 Jahre alt. Dann erinnerte Ruffert an Sascha Weisbrod aus Weimar und Klaus Hesse aus Kirchhain, die beide lange Zeit im Kreistag aktiv waren. Hesse war auch mal Bürgermeister von Kirchhain. Weisbrod wurde 42 Jahre alt, Klaus Hesse starb mit 72 Jahren. Und dann erinnerte Ruffert an Klaus Weisenfeld aus Münchhausen, Jahrgang 1958, der in diesen Tagen verstorben ist. Er gehörte bis 2016 dem Kreistag an und war aktuell noch Mitglied der Gemeindevertretung Münchhausen. Auch Marian Zachow würdigte die Verstorbenen, insbesondere Landrätin Kirsten Fründt, mit der er die letzten acht Jahre täglich zusammenarbeitete. Besonders die „Kultur der Nahbarkeit“ werde ihm in Erinnerung bleiben, eine Chefin der Kreisverwaltung, die nach innen wie eine Kollegin auftrat, immer ansprechbar war, sich kümmerte und Lösungen suchte. Es werde nie mehr so sein, wie es eigentlich noch sein sollte, bedauerte er. Auch wenn er noch Weiteres zur Person und Wirken der Landrätin ausführte, bedurfte es am Ende nur zweier Worte, um alles treffend zusammenzufassen: „Danke Kirsten.“

Die Kreistagsmitglieder werden wohl recht froh gewesen sein, dass sie in dieser Sitzung nicht mehr den Schalter umlegen mussten, um Sachthemen zu debattieren. Das steht dann wieder am 25. Februar an. Und doch gab es zum einzigen weiteren Tagesordnungspunkt neben der Festlegung des Wahltermins noch Änderungsanträge. Dabei ging es um die Neufassung des Schutz- und Hygienekonzeptes für die Sitzungen des Kreistages. Der Kreistagsvorsitzende hatte das Konzept eingebracht. Dr. Frank Michler von den Weiterdenkern wollte erreichen, dass es keine 3G-Beschränkung gibt. Dann wie auch die Einzelabgeordnete Jacklin Moldenhauer-Dersch, dass man wenigstens am Rednerpult die Maske absetzen darf und der Genesenenstatus deutlich verlängert wird. Er plädierte für neun Monate, Modenhauer-Dersch für sechs Monate. Die Anträge wurden allesamt abgelehnt, wobei die AfD die Vorschläge der Einzelabgeordneten Moldenhauer-Dersch noch unterstützte.

Ruffert weist auf Hausrecht hin

Einmal mehr kam es zu einer Provokation, als ein Mann, der in Beziehung zum Abgeordneten der Weiterdenker stand, versuchte, während der Sitzung zu filmen. Das untersagte Ruffert mit Hinweis auf das Hausrecht. Die Weiterdenker, das wird auf deren Homepage deutlich, sehen sich in ihrer „Pressefreiheit“ beschnitten. Dort heißt es unter Hinweis, dass am 25. Februar die nächste Kreistagssitzung ansteht: „Welche rechtlichen Schritte wir nun gehen, um diesem verfassungswidrigen Eingriff in die Pressefreiheit zu begegnen, müssen wir noch genauer planen.“

Von Götz Schaub