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Marburg Mehr Wohnraum gegen hohe Mieten
Marburg Mehr Wohnraum gegen hohe Mieten
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17:30 11.05.2022
Diskutierten beim OP-Wahlforum: Thomas Riedel (von links, FDP), Marian Zachow (CDU), OP-Redakteurin Ina Tannert, Carola Carius (Bündnis 90 / Die Grünen), Anna Hofmann (Die Linke), der stellvertretendeChefredakteur der OP Carsten Beckmann, Jens Womelsdorf (SPD) und Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken).
Diskutierten beim OP-Wahlforum: Thomas Riedel (von links, FDP), Marian Zachow (CDU), OP-Redakteurin Ina Tannert, Carola Carius (Bündnis 90 / Die Grünen), Anna Hofmann (Die Linke), der stellvertretendeChefredakteur der OP Carsten Beckmann, Jens Womelsdorf (SPD) und Dr. Frank Michler (Bürgerliste Weiterdenken). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Die Nutzer der verschiedenen OP-Kanäle schalteten sich durch Fragen aktiv in die Diskussion am Sonntagnachmittag (8. Mai) ein. OP-Leser Andreas Götz, der das OP-Wahlforum per Livestream verfolgte, wollte von den Kandidaten und Kandidatinnen wissen, was sie für die Städter tun wollen, um gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land herzustellen. Er verwies auf steigende Mieten und hohe Lärmbelastungen.

Anna Hofmann wies auf die Forderung der Linkspartei nach einer kreiseigenen Wohnungsbaugesellschaft hin, da 600 soziale Wohneinheiten fehlten. Es sei Wohnraum in Stadt und Land zu schaffen, und der müsse barrierefrei sein. Zudem sei der ländliche Raum so aufzustellen, dass jeder auch dort leben könne. Dies müsse der Landkreis und das Land Hessen mehr finanzieren.

Politik für den ländlichen Raum und die Städte unterscheide sich nicht groß, meint Marian Zachow. Die Mieten in der Stadt würden immer höher sein, da unter anderem keine Fahrtkosten anfielen. Wichtig sei laut dem Christdemokraten aber, deutlich zu machen: „Wir sind eine starke Region, Dörfer und Städte gemeinsam.“ Die Ursache für die hohen Wohnkosten sei laut einer Studie der Mangel an Bauland – auch im ländlichen Raum. Deshalb sollen den Wohnungsbaugenossenschaften zusätzliche Flächen zur Verfügung gestellt werden.

Da ich an der Hasenkopfdebatte beteiligt war, habe ich auch ein Gefühl dafür, wie schwierig es auch in einer Stadt ist, Wohnraum zu schaffen, sagte Sozialdemokrat Jens Womelsdorf. Es solle vermieden werden, den ländlichen gegen den städtischen Raum auszuspielen, denn sie sind ineinander verzahnt. Da Wohnraum auch eine soziale Frage ist, sollten Wohnungsbauträger mithilfe des Landkreises aktiv werden.

In unserer Region gehe es nicht so weit auseinander, findet Carola Carius, aber die Mieten seien ein erhebliches Problem. Die Grünen-Kandidatin wirbt dafür, über Regularien und Vorschriften nachzudenken. Und da eine weitere Bodenversiegelung zu vermeiden sei, sollten Gebäude auch um ein Stockwerk erhöht werden können, um Wohnraum zu schaffen, nannte sie als Beispiel.

Weil die Situation die Mieten in Stadt und Land hochtreibe, „brauchen wir mehr Wohnraum, mehr Wohnungen“, weiß auch Freidemokrat Thomas Riedel, der die genannten guten Ideen nicht wiederholen wollte.

Dr. Frank Michler sieht die Lage genauso wie die Vorredner. Allerdings sei der Immobilienmarkt auch auf lokaler Ebene so aufgeblasen, weil die Europäische Zentralbank so viel Geld in den Markt gepumpt habe. Dies führe auch dazu, dass junge Familien es schwer haben, sich etwas leisten zu können.

„Wie intensiv arbeiten die Stadt Marburg und der Landkreis in dieser Hinsicht zusammen?“, fragte Moderator Carsten Beckmann nach.

„Ganz intensiv“, antwortete der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow. Die Stadt Marburg habe auch ein Interesse, im Speckgürtel zu bauen. Laut des christdemokratischen Kandidaten wolle man Flächen jenseits der Stadtgrenze erschließen, damit die Preise sinken.

Veto von Carius und Womelsdorf

Carola Carius’ Veto richtete sich gegen die Aussage der engen Zusammenarbeit, dies sei hinsichtlich der Fahrradwege fraglich. Beispiel Behringwerke. Der freigegebene Fahrradweg zum Standort sei sehr gefährlich und unattraktiv, meint die Grünen-Kandidatin. Auch die Anbindung an die Peripherie sei nicht zu Ende gedacht.

Auch Jens Womelsdorf legte ein Veto ein. Die Zusammenarbeit zwischen Landkreis und Stadt sei sehr intensiv, machte der Sozialdemokrat am Beispiel Beltershäuser Straße deutlich. Ebenso stimme man sich beim Planen für den Radverkehr eng ab, jedoch sei der Übergang zwischen Stadt und Land manchmal schwierig zu gestalten.

Hinsichtlich der Zusammenarbeit müsse man sich daran orientieren, was in den vergangenen Jahren geschehen sei, erwiderte Thomas Riedel. Der Behringtunnel sei nicht unbedingt die beste Idee, aber dem größten Devisenbringer der Stadt Marburg biete man seit vielen Jahren keine Infrastruktur. Da müssten Stadt und Landkreis zusammenarbeiten.

Was tun gegen das Ladensterben?

OP-Leser Frank Wagner interessierte dagegen, wie die Kandidaten dem Ladensterben entgegentreten wollen.

Dies sei nicht nur ein Problem der Oberstadt, sondern auch im ganzen Landkreis, stellte Jens Womelsdorf fest. Wo es zum Beispiel genossenschaftliche Initiativen gebe, sollten diese unterstützt werden, aber am meisten verspricht er sich davon, die Direktvermarktung zu stärken. Die Stellschraube dazu sei ein Bewusstseinswandel, denn das Bestellverhalten über Lieferdienste sei nur indirekt zu steuern, meint der Sozialdemokrat.

Marian Zachow würde untersuchen lassen, wie der ländliche Raum vom hybriden Handel profitieren könne. So könnte auch ein lokaler Händler der „Showroom“ sein. Dann sei der lokale Handel viel stärker mit Wellness und Tourismus zu verbinden, meint der Christdemokrat. Und es müsse bewusst gemacht werden, dass hier gekaufte Waren klimaschonender und besser seien.

Carola Carius möchte ebenfalls die regionalen Wertschöpfungsketten stärken – auch aus ökologischem Landbau. Die Marburger Oberstadt müsse wieder ein Ort des Einkaufserlebnisses werden, um das Image zu stärken. Um das Leben in den Dörfern zu reaktivieren, bedürfe es eines aktiven Ehrenamts, das bereit sei, Arbeit zu übernehmen, sonst sei dies erfahrungsgemäß „leider nicht möglich“, sagte die Kandidatin der Grünen.

Online-Handel plus lokale Präsenz

Das Hybride – also Online-Handel plus lokale Präsenz – sei ein Zukunftsmodell, das uns helfen könnte, glaubt Thomas Riedel. Die Kaufkraft dazu sei im Landkreis durch die qualifizierten Arbeitsplätze da, sodass es wünschenswert sei, die Attraktivität von Marburg zu erhöhen. In kleinen Orten sei es ein Problem, die Läden am Leben zu erhalten, in mittelgroßen sollte das schon möglich sein.

Dazu sagte Zachow: „Wer einen Bäcker vor Ort haben will, darf seine Brötchen nicht abends beim Discounter kaufen.“ Einem Bäcker oder Metzger vor Ort helfe kein Showroom, sondern ein geändertes Verbraucherverhalten.

Die Direktvermarktung spreche die obere Mittelschicht an, die sich das leisten könne, entgegnete dazu Anne Hofmann. Es sollte versucht werden, Orte mit Markt-Treffpunkten zu beleben. Das könnte der Landkreis mit Städten und Gemeinden fördern.

Dazu sagte Dr. Frank Michler, was das Ladensterben massiv angeheizt und Existenzen vernichtet habe, seien Lockdowns, 3G- und 2G-Regeln. Wenn Politiker nun daran arbeiteten, dass im Herbst wieder eine Impfpflicht komme, sei zu befürchten, dass es wieder einen Lockdown- und Masken-Irrsinn gebe. Dagegen werde er sich als Landrat mit aller Kraft gegenstellen.

Von Gianfranco Fain