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Marburg Geringe Wahlbeteiligung trübt Wahlergebnis der Landratswahl
Marburg Geringe Wahlbeteiligung trübt Wahlergebnis der Landratswahl
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07:57 19.05.2022
Jörg Drescher schüttete am 15. Mai nach der Schließung des Wahllokals in der Gemeindehalle in Cölbe die Wahlurne aus. Jetzt stellt sich die Frage: Wie wird die Beteiligung bei der Stichwahl am 29. Mai ausfallen?
Jörg Drescher schüttete am 15. Mai nach der Schließung des Wahllokals in der Gemeindehalle in Cölbe die Wahlurne aus. Jetzt stellt sich die Frage: Wie wird die Beteiligung bei der Stichwahl am 29. Mai ausfallen? Quelle: Thorsten Richter
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Wahlmüdigkeit – spätestens seit der Landratswahl in Marburg-Biedenkopf am 15. Mai ist der Begriff wieder in aller Munde, und die Menschen fragen sich: Was passiert bei der Stichwahl am 29. Mai? Bleiben dann noch mehr Wahlberechtigte den Urnen fern?

Während bei der Bundestagswahl im vergangenen Jahr die Wahlbeteiligung sogar leicht um rund 0,4 Prozentpunkte auf 76,6 Prozent im Vergleich zur Wahl davor angestiegen war, sinkt das Interesse bei Wahlen wie Kommunal- oder Landratswahlen in Deutschland tendenziell wieder.

So lag zuletzt die Wahlbeteiligung mit 55,5 Prozent in Nordrhein-Westfalen um rund zehn Prozentpunkte niedriger, als noch 2019, wobei der Anteil der Nichtwähler hier bei 44,5 Prozent lag. Vermutlich nicht nur aufgrund der warmen Frühlingstemperaturen lag die Beteiligung bei der Landratswahl in Marburg-Biedenkopf bei unter 30 Prozent: Exakt 29,59 Prozent der 188.365 Stimmberechtigten folgten dem Aufruf zum Urnengang. Nach der Wahl im Jahr 2019 mit 34,5 Prozent liegt die Beteiligung jetzt sogar noch unter dem Wert von 30,8 Prozent im Jahr 2007.

„Es ist dramatisch“

„Es ist dramatisch, wenn eine gewählte Person nur eine so geringe Vertrauensbasis hat“, erklärt Professor Manfred Güllner, Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Denn das habe zur Folge, dass sich die gewählte Person nur auf wenige Stimmen stützen könne, was wiederum ein massives Problem der politischen Legitimation darstelle.

Dass bei der Stichwahl eine höhere Wahlbeteiligung erreicht werden könnte, hält Güllner für unwahrscheinlich. „Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl eher noch sinken wird“, sagt der Forsa-Experte. Daher sei nun bedeutend, herauszufinden, warum so viele Menschen den Wahlurnen fernblieben – und da gebe es mehrere Gründe.

Unterschiedliche Interessen

„Menschen haben unterschiedliche Interessen, die kommunalpolitisch aufgearbeitet werden müssen“, sagt Güllner. Sofern diese politische Arbeit bei den Menschen nicht ankomme, werde der Teil derjenigen, die sich nicht zugehörig fühlen, immer größer. Dies lasse sich gut bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen beobachten, wo die Anzahl der Nichtwähler bei fast 45 Prozent lag. Dabei sei eine solche abnehmende Wahlbeteiligung keine Erscheinung jüngster Zeit.

„Die politischen Akteure haben laufend an Vertrauen verloren“, sagt Professor Güllner und erinnert zurück an die Zeiten, als Parteien wie die SPD oder die CDU in den 1980er-Jahren noch einen Großteil der Wählerinnen und Wähler für sich gewinnen konnten. Auch die viel diskutierte sogenannte Politikverdrossenheit, ein Begriff, der der Bevölkerung ein Desinteresse am politischen Geschehen unterstellt, hält er für zu kurz gegriffen. „Die Leute interessieren sich für Politik“, sagt der Forsa-Chef.

Kann Dänemark als Beispiel dienen?

Seiner Meinung nach seien die Menschen viel eher unzufrieden damit, wie die Politik gemacht werde. Denn während beispielsweise im Bundestag lang andauernde Diskussionen zu gesellschaftlichen Themen und verbaler Schlagabtausch noch hingenommen werden, würde das seiner Meinung nach in Sitzungssälen kommunaler Rathäuser weniger akzeptiert.

„Die Menschen wollen einfache Sprache“, sagt er. Um Wahlen für die Bevölkerung generell attraktiver zu machen, könnte er sich vorstellen, Wahlen ähnlich wie „Festtage“ zu feiern, wie es laut ihm bereits in Dänemark der Fall sei. Hier sei die Wahlbeteiligung weiterhin recht hoch. Am wichtigsten sei jedoch, dass die Politik für die Bürgerinnen und Bürger glaubwürdig bleibe.

Das ist das Meinungsforschungsinstitut Forsa

Forsa, 1984 von Professor Manfred Güllner gegründet, ist eines der wenigen in Deutschland noch nicht konzerngebundenen, sondern unabhängigen privaten Markt- und Meinungsforschungsinstitute mit Standorten in Berlin, Frankfurt am Main, Dortmund und Hamburg.

Forsa liefert für Unternehmen, politische und staatliche Institutionen, Medien und Wissenschaft präzise Fakten – überwiegend für den deutschen, falls gewünscht aber auch für den europäischen und internationalen Markt.

Als „Full-Service“-Institut ermittelt Forsa alle für ein Forschungs- oder Beratungsprojekt benötigten und relevanten Fakten unter Berücksichtigung aller verfügbaren Daten („Big Data“) und mithilfe maßgeschneiderter Primärerhebungen mit den bewährten Methoden der empirischen Sozialforschung.

Die Forsa-Projektleiter sind wissenschaftliche Mitarbeiter mit akademischer Ausbildung in sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fächern (Soziologen, Psychologen, Ökonomen und Statistiker). Forsa beschäftigt zurzeit etwa 80 Mitarbeiter (darunter etwa 40 Wissenschaftler). Hinzu kommen die Interviewerstäbe für CATI- und Face-to-face-Interviews.

Forsa war in den 1980er-Jahren Pionier beim Einsatz computergestützter Erhebungsverfahren in Deutschland. Mit forsa.omninet leistete forsa wiederum Pionierarbeit auf dem Gebiet bevölkerungsrepräsentativer Befragungen per Internet.

Stimmen zur Landratswahl

Das Wahlgeheimnis ist ein hohes Gut – und offenbar wollten die von der OP zur Landratswahl befragten Passanten auch ihre Namen geheimhalten. Hier trotzdem einige Kommentare: Eine 59-jährige Frau aus Cölbe sagte zumindest, dass sie bei der Landratswahl in diesem Jahr ihr Kreuz per Briefwahl gemacht hat. Und sie versprach: „Ich werde natürlich auch zur Stichwahl gehen.“

Eine 59-Jährige und ein 66-Jähriger aus Willingshausen im Schwalm-Eder-Kreis, die weder am 15. noch am 29. Mai wählen, sagten: „Die Aufgaben des Landrats sind uns bekannt, dennoch gehen wir davon aus, dass die Bevölkerung generell zu wenig über die Aufgaben des Landrats weiß. Das muss geändert werden.“

Die Folgen, wenn ein zu großer Teil der Bevölkerung nicht zur Wahl geht, kann sich dagegen ein 19-Jähriger ausmalen: „Wählen ist wichtig für eine Demokratie. Und das Problem ist, wenn viele Menschen denken, dass es keine Wahlen braucht, hat das zur Folge, dass das System keinen Sinn mehr hat.“

Von Felix Hamann

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