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Marburg Landrätin: Wir stehen erst am Anfang
Marburg Landrätin: Wir stehen erst am Anfang
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11:40 02.04.2020
(Archivbild) Landrätin Kirsten Fründt. Quelle: Thorsten Richter
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Kirsten Fründt: In der Tat gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen der klassischen Grippe und der Erkrankung an Covid-19, die durch das aktuelle Coronavirus ausgelöst wird. Beides sind Viren, die hauptsächlich durch Tröpfchen übertragen werden. Auch die Krankheitsverläufe sind in einem wesentlichen Punkt vergleichbar: Sie sind nicht einfach vorherzusagen. Manche Patienten bemerken kaum Symptome, während andere eine intensivmedizinische Behandlung benötigen oder sogar daran versterben können.

Es gibt aber auch einige wesentliche Unterschiede, und deshalb müssen wir so entschlossen auf die aktuelle Pandemie reagieren. Unsere Immunsysteme sind auf den neuen Erreger nicht vorbereitet, weil das Sars-CoV-2-Virus erst vor kurzem vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Das Virus selbst scheint ansteckender zu sein als die bekannten Grippeviren. Dadurch infizieren sich mehr Menschen. Die Inkubationszeit, also die Zeit, bis sich nach einer Ansteckung die ersten Symptome zeigen, ist bei Covid-19 länger. Dadurch ist die Ausbreitung schwerer zu kontrollieren.

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Diese Kombination aus neuem Erreger, hohem Infektionsrisiko und langer Inkubationszeit macht den Verlauf der Corona-Pandemie so unberechenbar. Wir sehen in anderen Regionen wie zum Beispiel Spanien, Norditalien oder dem Elsass, dass in einem besonders kurzen Zeitraum besonders viele Patienten eine intensivmedizinische Betreuung benötigen. Und wir müssen leider feststellen, dass dieser Bedarf die bestehenden Kapazitäten bei Weitem übersteigt.

Zahl der Todesopfer ist noch nicht absehbar

Wir müssen uns immer wieder vergegenwärtigen, dass wir erst am Anfang der Pandemie stehen. Die Vergleiche mit den Todeszahlen der Grippewelle im Winter 2017/2018 sind schwierig, weil diese Zahlen einen Zeitraum von mehreren Monaten abdecken. Wie hoch die Zahl der Todesopfer der Corona-Pandemie sein wird, können wir jetzt noch nicht seriös vorhersagen. Sie werden auch von unserem eigenen Verhalten abhängen. Sie werden davon abhängen, wie gut es uns gelingt, die Ausbreitung zu verlangsamen. Das neue Virus ist also zum einen unberechenbar und gefährlich.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, und das ist ein wesentlicher Bestandteil bei der Abwägung der Einschränkung der Freiheitsrechte der Bürger gewesen: Für Covid-19 gibt es noch keine zugelassenen Impfstoffe und Medikamente. Wir können also weder das Ausbruchsgeschehen, noch den Krankheitsverlauf wirksam mit Medikamenten beeinflussen. Das ist bei der gewöhnlichen Grippe anders. Hier gibt es die Impfung, ebenso wie Medikamente zur Behandlung der Erkrankung. Doch leider lassen sich immer noch viel zu wenige Menschen gegen die Grippe impfen.

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Weil eine medikamentöse Behandlung der aktuellen Pandemie noch nicht zur Verfügung steht, ist die Situation nicht mit der Bewältigung einer Grippewelle vergleichbar. Hinzu kommen wie beschrieben die Unberechenbarkeit und das Ansteckungsrisiko. Und deshalb ist die staatliche Reaktion auf diese Pandemie auch so entschlossen. Auch wenn die Einschränkung der persönlichen Freiheitsrechte selbstverständlich eine äußerst einschneidende Maßnahme ist. Ich würde mir übrigens wirklich wünschen, dass sich auch wieder mehr Menschen über die Gefahren einer gewöhnlichen Grippe bewusst werden. Denn auch die Grippewelle im Winter 2017/2018 hat uns an die Kapazitätsgrenzen in den Krankenhäusern gebracht.

Doch hier haben wir eine Handhabe, und daher werben wir auch ganz gezielt dafür, die Grippe-Impfung als Schutzmaßnahme für sich selbst, aber vor allen Dingen auch für alle anderen Mitmenschen in Anspruch zu nehmen. Aber offenbar haben wir uns als Gesellschaft an das „Gripperisiko“ leider zu sehr gewöhnt. Denn auch in normalen Grippezeiten gelten eigentlich die gleichen Regeln wie jetzt: Abstand halten, Händewaschen und bei Symptomen nicht mehr arbeiten gehen, sondern zum Schutz von Kollegen, Freunden und Familie zu Hause bleiben.

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