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Marburg Motive: Langeweile, Gruppendynamik, Alkohol und Drogen
Marburg Motive: Langeweile, Gruppendynamik, Alkohol und Drogen
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12:53 13.08.2020
Anwalt Mehran Akbari im Gespräch mit seinem Mandanten Markus B. Ihm droht sogar Sicherungsverwahrung. Foto: Nadine Weigel
Anwalt Mehran Akbari im Gespräch mit seinem Mandanten Markus B. Ihm droht sogar Sicherungsverwahrung. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die Anklageschrift hat es in sich: 21 Taten wirft die Staatsanwaltschaft Markus B. (51), Dennis Z. (30) und Patrick E. (27) vor.

Gemeinsam versuchter Mord in sechs Fällen ist darunter, weil sie im Schwalm-Eder-Kreis und im Landkreis Marburg-Biedenkopf massive Gegenstände auf Bahngleise gelegt hatten, um Züge zum Entgleisen zu bringen.

Hinzu kommen 15 Brandstiftungen in beiden Landkreisen – abgefackelt wurden Grillhütten, Vereinsheime, Schutzhütten oder Bauwagen. Der Sachschaden beläuft sich auf 511.000 Euro. Zum Glück kamen keine Menschen zu Schaden.

„Warum?“: keine Erklärung

Die Frage nach dem „Warum?“ und dem Sinn des Ganzen beschäftigte am Mittwoch den Vorsitzenden Richter und Präsidenten des Landgerichtes, Dr. Frank Oehm, der die Angeklagten noch einmal ermahnte, dass umfassende Geständnisse Einfluss auf das Strafmaß und das langwierige Verfahren haben können: Anberaumt sind angesichts der Fülle der Fälle 18 Verhandlungstage mit 30 Zeugen und vier Sachverständigen.

Zudem machte Oehm klar: Jeder der drei kämpfe vor Gericht für sich, die Spanne des Strafmaßes sei erheblich, bei Markus B. ist sogar Sicherungsverwahrung im Gespräch, die unabhängig vom eigentlichen Strafmaß ausgesprochen wird. Es ist die wohl höchste Strafe, die ein deutsches Gericht aussprechen kann, um die Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern zu schützen.

Für Markus B. äußerte sich am Mittwoch sein Anwalt Mehran Akbari. Der Angeklagte räume alle Taten ein, bis auf einen Fall, an den er sich nicht erinnern könne, sagte Akbari. Sein Mandant werde sich vielleicht im laufenden Prozess selbst äußern. „Die Sicherungsverwahrung schwebt wie ein Damoklesschwert über allem“, sagte Akbari.

Laut seiner Erklärung habe Markus B., der bereits wegen Brandstiftung vorbestraft ist und in Haft saß, nie Menschen treffen wollen. Bei den Brandstiftungen habe die Gruppe darauf geachtet, dass die Hütten nicht belegt waren. Bei den Attacken auf Züge seien sie nie davon ausgegangen, dass die Züge entgleisen könnten. Dies habe der Mittäter Dennis Z. versichert, der bei der Bahn gearbeitet habe. Es sei um den „rumms“ beim Aufschlag auf Betonplatten gegangen, darum, dass Züge Verspätungen haben sollten. Manche Brandstiftungen und manche Attacken auf die Züge seien geplant gewesen, manche spontan geschehen.

Keinen Gedanken an Folgen verschwendet

Auch Patrick E. räumte einen Großteil der 21 Vorwürfe ein, bei manchen sei er aber nicht dabei gewesen. Auch er betonte, er sei stets davon ausgegangen, dass bei den Attacken auf Züge mit Betonplatten und anderen Gegenständen keine Züge entgleisen könnten. Dies habe Dennis Z. gesagt, er habe es geglaubt. Warum hat er mitgemacht? Darauf hatte auch der 27-Jährige keine einleuchtenden Antworten.

Im Laufe des zweiten Prozesstages schälte sich bei dem Betrachter der Eindruck heraus, wonach die drei Angeklagten und anfangs die beiden damaligen Gefährtinnen von Patrick E. und Dennis Z. nicht einen echten Gedanken daran verschwendet haben, was sie angerichtet haben und was sie hätten anrichten können. Richter Dr. Oehm hakte immer wieder nach, um die Motive zu klären, um zu erfahren, wer Antreiber war, wer die Ideen hatte. Antworten darauf: Fehlanzeige.

„Warum sollen wir Ihnen heute glauben?“

Sie seien eben so rumgefahren und manchmal einfach plötzlich an Bahngleisen gelandet, sagte Patrick E. Anfangs wurde eine aus Stoffen gebastelte Puppe auf die Gleise gelegt, später wurden die Gegenstände größer, massiver. Dann wiederum zündete man eine Hütte an, mal spontan, mal geplant und auf Google Maps ausgesucht. Glaubt man Patrick E., dann hat er mitgemacht, weil er zur Gruppe gehören wollte und damals mit der Tochter von Markus B. liiert war. Die Beziehung mit der Frau, mit der er ein Kind hat, war schwierig. Hinzu kommen regelmäßiger Alkohol- und Drogenkonsum, der auch in Entgiftungen mündete. „Ich habe jeden Tag getrunken – mit Höhen und Tiefen“, sagte er.

Getrübt wurde sein Geständnis durch Erinnerungslücken. Der Eindruck, den er vermittelte war: Viele Taten geschahen aus Langeweile und Gruppendynamik, um seiner Freundin zu gefallen.

„Warum“, wurde er von Richter Oehm gefragt, „sollen wir ihnen heute glauben?“ Patrick E. überlegte kurz: „Na, weil ich vor Gericht sitze.“

Der Prozess vor der 6. Strafkammer des Landgerichts wird am Montag, 17. August, um 9 Uhr fortgesetzt.

Von Uwe Badouin

Bericht vom vorigen Verhandlungstag

„Tod billigend in Kauf genommen“