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Marburg Landgericht weist Berufung zurück
Marburg Landgericht weist Berufung zurück
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20:04 21.09.2021
Vor dem Marburger Landgericht endete gestern die Berufungsverhandlung in einem Vergewaltigungsprozess gegen einen 28-jährigen Mann aus der Schwalm.
Vor dem Marburger Landgericht endete gestern die Berufungsverhandlung in einem Vergewaltigungsprozess gegen einen 28-jährigen Mann aus der Schwalm. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Ein 28-jähriger Mann aus der Schwalm bleibt wegen Vergewaltigung in Haft. Die zweite Strafkammer des Marburger Landgerichts unter Vorsitz von Richter Dr. Sebastian Pfotenhauer hat gestern die Berufung des Mannes gegen ein Urteil des Marburger Amtsgerichts vom Februar dieses Jahres zurückgewiesen.

Das Landgericht bestätigte das erstinstanzliche Urteil in allen Punkten: Der Mann muss drei Jahre und vier Monate wegen der Vergewaltigung einer damals 20-jährigen Frau aus dem Ostkreis ins Gefängnis. Zudem muss der Vater wegen Nötigung und Beeinflussung von Zeuginnen und Zeugen eine Geldstrafe in Höhe von 120 Tagessätzen zahlen. Bei dem Prozess stand im Vergewaltigungsvorwurf Aussage gegen Aussage. Die Verteidigung hatte vergeblich Freispruch im Fall der Vergewaltigung gefordert; verurteilt werden könne ihr Mandant einzig wegen Körperverletzung und Nötigung. Die Verteidigung hat noch ein Rechtsmittel: Sie kann in Revision gehen. Das heißt: Das Urteil wird auf Rechtsfehler überprüft, das Verfahren wird aber anders als bei der Berufung nicht noch einmal wiederholt.

Das Landgericht hatte den Prozess noch einmal komplett aufgerollt: 21 Zeuginnen und Zeugen, darunter gestern die Richterin des ersten Prozesses sowie eine 17-Jährige aus dem Ostkreis, sowie ein Gutachter wurden gehört. Aus geplanten zwei Verhandlungstagen wurden vier. Die Plädoyers des Gießener Strafverteidigers Frank Richtberg, der Vertreterin der Nebenklägerin, Diana Cosic, und der Staatsanwältin Janina Pristl dauerten weit über eine Stunde und fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Mit dem gestrigen Urteil endet ein kompliziertes Verfahren mit zahlreichen irritierenden Zeugenaussagen insbesondere aus der Ecke des Angeklagten. Dies machte Richter Pfotenhauer in seiner Urteilsbegründung deutlich. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte die damals 20-Jährige in der Nacht vom 15. auf den 16. August 2020 in deren Wohnung vergewaltigt hat. Das Landgericht folgte wie zuvor das Amtsgericht der insgesamt „konsistenten Aussage“ der Frau.

Gerichtsmedizin dokumentiert Hämatome

Der Geschlechtsverkehr habe wohl einvernehmlich begonnen, sei aber in gewalttätigen Sex übergegangen. Obwohl die Frau den Mann aufgefordert habe, aufzuhören, weil sie Schmerzen hatte, habe der Angeklagte den Sex gegen ihren Willen fortgeführt, sie geohrfeigt und gebissen. Die Frau trug Hämatome durch Stöße und Bisse davon, die später in der Gerichtsmedizin dokumentiert wurden. Pfotenhauer zitierte eine Aussage aus der Vernehmung der jungen Frau: „Nach dem zweiten Schlag war mir alles egal, ich habe das über mich ergehen lassen.“

Es gebe bei der Nebenklägerin, so Richter Pfotenhauer, keine Anzeichen für „psychische Vorfälle“, keine Anhaltspunkte für „Fremd- oder Autosuggestion“. Alle ihre Aussagen sprächen gegen eine „intentionale Falschbehauptung“.

Den „Versuch eines Komplotts unternommen“

Anders ausgedrückt: Sie hat es sich nicht ausgedacht, um den Angeklagten ins Gefängnis zu bringen. Pfotenhauer erklärte, die Verteidigung habe ihre Aussagen nicht erschüttern können. Versuche, die Nebenklägerin in ein schlechtes Licht zu rücken, hätten nicht verfangen.

Die Frau und der Mann hatten schon zuvor eine sexuelle Beziehung. Eigentlich wollte die Frau den vorbestraften Angeklagten wegen Körperverletzung anzeigen. Erst die Polizei sei bei ihrer Aussage darauf aufmerksam geworden, dass ihre Schilderungen auf eine Vergewaltigung deuteten.

Der Angeklagte habe im Nachgang versucht, auf die Ermittlungen und die Nebenklägerin Einfluss zu nehmen. Dies machten Chatverläufe deutlich, die die Polizei in seinem Handy ausgewertet habe, so der Richter.

Seine eigenen Aussagen und die von Zeugen, dass Freunde sein Handy regelmäßig genutzt und die belastenden Chatnachrichten geschrieben hätten, hielt das Gericht nicht für glaubwürdig. Es sei, so Richter Pfotenhauer, „der Versuch eines Komplotts unternommen worden“.

Von Uwe Badouin