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Marburg Marburger soll Kollegin vergewaltigt haben
Marburg Marburger soll Kollegin vergewaltigt haben
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11:56 08.12.2019
Einem Marburger Physiotherapeuten wird vorgeworfen seine Kollegin vergewaltigt zu haben. Er muss sich vor dem Marburger Landgericht verantworten. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein Hausarzt aus Marburg soll seine Patientinnen nicht mehr in die Praxis des Angeklagten geschickt haben, da dieser sexuell übergriffig geworden sei. Mehrere Zeuginnen berichteten von eingeweihten Bekannten, die über den Beklagten Sätze sagten wie: „Der ist doch für so etwas bekannt.“

In seiner Praxis sowie im Schwimmbad Aquamar soll der 77-jährige Marburger Physiotherapeut mehrere Frauen sexuell belästigt und in einem Fall sogar vergewaltigt haben. Jene 45-jährige Frau tritt als Nebenklägerin auf.

Der Beschuldigte stritt in seiner Einlassung alle Vorwürfe ab. Nach einem ausführlichen Bericht über seine Lebensgeschichte, mit dem er sich ins rechte Licht zu rücken versuchte, kam er dann auch auf die zur Last gelegten Taten zu sprechen.

„Ich kann mir nur vorstellen, dass sie so etwas aus finanziellen Gründen behauptet“, meinte der Angeklagte über die Nebenklägerin. Die beiden arbeiteten zwischen 2007 und 2018 in der gleichen Praxis. Die Nebenklägerin war die Nachfolgerin des 77-Jährigen, der fortan als freier Mitarbeiter in der Praxis wirkte, also immer noch Patienten behandelte.

Soll Frau mit beiden Händen am Boden fixiert haben

„Irgendwann wurde das Verhältnis zwischen den beiden sehr kühl“, sagte eine 54-jährige Kollegin der beiden, die berichtete, dass der Angeklagte sie im vergangenen Jahr recht unbekümmert gefragt habe, ob man nicht gemeinsam „ins Bett gehen kann“. Die Anfrage wurde abgelehnt.

Die Ablehnung schien einen gravierenderen Grund zu haben als Streit um Patienten und um Geld. Während der Mann seiner Kollegin, die vor Gericht als Nebenklägerin auftritt, im Herbst 2007 in der Praxis therapeutische Übungen beibrachte, soll er sie zum Oralverkehr gezwungen haben. Dabei soll er die Frau mit beiden Händen am Boden fixiert haben.

„Es ist rein gar nichts passiert. Sie hat sich sogar noch bei mir bedankt, dass ich ihr geholfen habe“, berichtete der Angeklagte. Die Vernehmung der Nebenklägerin fand auf Antrag ihrer Anwältin Ulrike Ristau unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Ein Großteil der Zeugen, welche die Strafkammer unter dem Vorsitz von Richter Gernot Christ vernahm, waren Saunabesucherinnen im Schwimmbad Aquamar. Neben seinen Hausbesuchen und Terminen in der Praxis war der 77-Jährige auch dort als Masseur angestellt. Jeden Freitag war er dort anzutreffen.

Es stehe ja Aussage gegen Aussage

Die Frauen entkleideten sich, legten sich auf eine Liege und der Therapeut machte sich an die Arbeit. Allerdings soll er mehrmals anzügliches bis hin zu strafbares Verhalten an den Tag gelegt haben.

Während eine Frau von erregtem Stöhnen berichtete, erinnerte sich eine andere ebenfalls an lüsterne Laute und vernahm Geräusche, die sie auf Selbstbefriedigung des Angeklagten während der Massage zurückführte. Das größte Martyrium soll jedoch eine 54-jährige Gastronomin durchgemacht haben, die während der Massage einschlief.

Sie wachte durch Schmerzen auf. „Er hat mir in die rechte Brustwarze gebissen. Es hat richtig weh getan“, erinnerte sie sich. Auch all diese Vorwürfe wies der Angeklagte von sich. Mehrere Frauen trauten sich jedoch nicht, Anzeige zu erstatten. Begründung: Es stehe ja Aussage gegen Aussage und Frauen werde in solchen Fällen häufig nicht geglaubt.

Sascha Marks, Verteidiger des 77-Jährigen, war nach dem erstinstanzlichen Urteil am Amtsgericht Marburg ebenso in Berufung gegangen wie die durch Jonathan Poppe vertretene Staatsanwaltschaft. In erster Instanz war eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verhängt worden.

  • Fortsetzung: Dienstag, 19. November, um 9 Uhr im Landgericht Marburg.   

von Benjamin Kaiser