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Marburg Auto-Attacke: Der Faktor Diabetes
Marburg Auto-Attacke: Der Faktor Diabetes
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20:57 25.04.2020
Ein Tropfen Insulin hängt an der Nadel einer wiederverwendbaren Spritze, einem sogenannten Pen. Quelle: Matthias Hiekel/dpa
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Marburg

Hat seine Gesundheit den Angeklagten am Tattag Ende Juni 2019 so beeinflusst, dass er sein Verhalten eventuell nicht mehr unter Kontrolle hatte?

Fakt ist: Seit etwa drei Jahren leidet der algerische Mann unter Diabetes Typ 2, hat eine geschädigte Bauchspeicheldrüse und muss seitdem regelmäßig Insulin spritzen.

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Aber: Er betrinkt sich nach eigenen Angaben häufig mit Alkohol, konsumiert Drogen – und am Vorabend der Auto-Attacke in der Umgehungsstraße habe er mit einem Freund zuerst an der Arbeitsstelle in Staufenberg, in der Nacht dann in einem Bordell bei Gießen „sehr viel“ getrunken und „mehrere Gramm“ Kokain durch die Nase gezogen.

So zugedröhnt und bei Gedanken an seine Kinder „sehr emotional“ sei er von dort aus morgens auf das Gelände der Feuerwehr Cappel gefahren, um seine Ehefrau auf deren Arbeitsweg abzupassen.

Eine Spritze vergessen

Für den Vorsitzenden Richter Dr. Frank Oehm und die Sachverständige, Psychiaterin Michaela Unseld, sind für eine Einschätzung der Wirkung eines Cocktails aus Alkohol, Kokain und kritischen Blutzuckerwerten der genaue Ablauf und die konsumierten Mengen wichtig.

So sollen es laut Angeklagtem zweieinhalb bis drei Gramm Koks und mindestens sechs Bier gewesen sein. Entscheidend: Der 46-Jährige hat vor der Puff-Party das Insulinspritzen vergessen und war demnach wohl mehr als zwölf Stunden ohne das Blutzucker-Regulierungsmedikament.

Messung nicht zeitnah möglich

Das Auslassen oder Verwechseln von Tages- und Nachtinsulin sei ihm „schon häufiger passiert, hatte er vor Gericht ausdgesagt“. Er sei in den Folgestunden der Auto-Attacke „schweißnass“ gewesen und „wie ohnmächtig umher gewankt“.

Problem: Da der Angeklagte nach der Auto-Attacke auf seine Ehefrau in den Wald floh, sich erst zwei Tage später der Polizei stellte, sind die Blutzucker- und auch Promillewerte nicht mehr tatzeitnah nachprüfbar gewesen.

Während das Opfer nach mehreren vorangegangenen Beleidigungs- und Drohungs-Sprachnachrichten ihres Mannes von einer Tötungsabsicht ausgeht, spricht dieser von einem „Unfall“, da er den geliehenen Geländewagen nicht kontrollieren habe können.

  • Der Prozess wird Dienstag, 28. April, 9 Uhr (Saal 101) fortgesetzt.

Von Björn Wisker

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