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Marburg Polarisierende Inszenierung
Marburg Polarisierende Inszenierung
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17:28 30.01.2022
„Exit“ steht in Leuchtschrift über der Bühne. Doch Babette und Gottlieb Biedermann (Yasmin Mowafek und Christian Simon, vorne von links) haben den Ausgang verpasst.
„Exit“ steht in Leuchtschrift über der Bühne. Doch Babette und Gottlieb Biedermann (Yasmin Mowafek und Christian Simon, vorne von links) haben den Ausgang verpasst. Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Mit mehr als einem Jahr Verspätung kommt Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ in einer polarisierenden Inszenierung der jungen Regisseurin Milena Mönch doch noch auf die Bühne des Hessischen Landestheaters. Bei der Premiere am Samstagabend gab es viel Applaus für die Darstellerinnen und Darsteller und das Regieteam – doch verließen auch einige Zuschauerinnen und Zuschauer die Premiere vorzeitig.

Die Polit-Parabel „Biedermann und die Brandstifter“ ist seit der Uraufführung 1958 eines der meistgespielten Dramen auf deutschsprachigen Theaterbühnen, ein moderner Klassiker. Bei der Uraufführung wurde das „Lehrstück ohne Lehre“, wie es Max Frisch selbst nannte, noch als Anklage gegen den Kommunismus verstanden, der Autor selbst sah es als Warnung vor rechtsextremen Strömungen. Bei Milena Mönch wird der „Biedermann“ durch den Schlussmonolog zu einer Anklage gegen die Auswüchse des Kapitalismus.

Die Bühne im Theater am Schwanhof ist kahl und kalt, als der Unternehmer Gottlieb Biedermann (Christian Simon) und seine Frau Babette (Yasmin Mowafek) ihr neues Domizil beziehen. Lautsprecher werden hereingeschleppt, zwei Türen hereingefahren. Tische, Möbel, Kandelaber, Silbergeschirr – den ganzen Reichtum des Millionärs Biedermann muss sich das Publikum vorstellen. Regisseurin Mönch verzichtet in ihrer Inszenierung auf alle Requisiten, die dem Stück einen naturalistischen, einen bourgeoisen Anspruch geben würden.

Biedermann als junger, übernervöser Nerd

Und sie hat gemeinsam mit Dramaturgin Lena Carle massiv eingegriffen, vielleicht auch aus besetzungstechnischen Gründen: Den warnenden und kommentierenden Feuerwehrchor gibt es nicht. Die kleinen Rollen des intellektuellen Brandstifters Dr. phil. hat sie mit der des Polizisten Amin (Metin Turan) zusammengefasst, was für das Theater sehr ökonomisch, für das Publikum ziemlich irritierend ist. Zumal alle Darstellerinnen und Darsteller permanent auf der Bühne sind – wenn sie gerade nicht spielen, lehnen sie hinten an der Wand und beobachten wie das Publikum das Geschehen.

Dass aus dem arbeitslosen Ringer Schmitz ein arbeitsloser Taxifahrer (Eike Mathias Hackmann) geworden ist, ist eine Anpassung an die Gegenwart. Aus dem Kellner Eisenring wird eine Kellnerin (Jorien Gradenwitz). Das Hausmädchen Anna wird durch den Diener Johann (Jürgen Helmut Keuchel) ersetzt. Diese Änderungen haben keinen Einfluss auf die Struktur.

Am einschneidendsten ist aber die Besetzung des Ehepaars Biedermann. Dort stehen kein Zigarre rauchender Patriarch und eine ältere, herzkranke Frau auf der Bühne. Sie sind auf den ersten Blick keine Vertreter der Bourgeoisie. Christian Simons Biedermann weckt in seinen Jeans, der Jeansjacke und dem geblümten Hemd, das über der Hose hängt, eher Assoziationen an einen übernervösen, hektischen, jungen Nerd, der nicht zum alten Geldadel gehört, sondern über Nacht zu Reichtum gekommen ist.

Die Handlung bleibt trotzdem gleich: Einerseits feuert dieser bisweilen fast pubertär wirkende Biedermann kaltherzig einen alten Angestellten und rät ihm, sich unter den Gasherd zu legen – was dieser auch tut. Andererseits verhält er sich geradezu unterwürfig den Brandstiftern gegenüber, obwohl er im Grunde weiß, dass sie sein Haus abbrennen werden. Die machen nämlich keinen Hehl daraus, dass sie Benzinfässer unter das Dach schleppen, Holzwolle und Zündkapseln suchen.

Eigentum verpflichtet: Kritik am Kapitalismus

Weder Biedermann noch seiner Frau gelingt es, die Brandstifter in die Schranken zu weisen, das Verderben aufzuhalten. Dabei gäbe es jede Menge Möglichkeiten, die die Regisseurin mit dem Schriftzug „Exit“ bildhaft dokumentiert, der über den beiden Türen flimmert. Im Gegenteil: Biedermann misst sogar die Zündschnur ab, reicht ihnen am Ende Streichhölzer und stimmt gemeinsam mit den Brandstiftern lachend den alten „Doors“-Hit „Light my Fire“ an.

Immer wieder bauen Milena Mönch und ihr Team Kapitalismuskritik ein, etwa wenn die Brandstifter Biedermann vorwerfen, Leiharbeiter aus Osteuropa auszubeuten. Oder wenn in Metin Turans großem Schlussmonolog, während das Haus bereits brennt, an den Artikel 14 im Grundgesetz erinnert wird: Eigentum verpflichtet. Er aber deutlich macht, dass die Reichen immer reicher werden und für den Rest nicht mehr viel bleibt. Verarbeitet haben Regisseurin Mönch und Dramaturgin Lena Carle in diesem Monolog Texte des französischen Soziologen Didier Eribon aus „Rückkehr nach Reims“, von Anna Mayr aus „Die Elenden“ und Ideen des deutschen Soziologen Armin Nassehi.

Weitere Vorstellungen sind am 3. und 4. Februar sowie am 6. März, jeweils um 19.30 Uhr.

Von Uwe Badouin

30.01.2022
30.01.2022
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