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Marburg Theater startet eine Late Night Show
Marburg Theater startet eine Late Night Show
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00:16 31.10.2018
Wandlungsfähig: Romy Lehmann ist „Botschafterin für Kollaboration und Unsinniges“ am Landestheater und geht mit „Watch Me Fail“ an den Start. Quelle: Neven Allgeier, Benjamin Lew-Klon, Lehmann
Marburg

Vorab: Ein Bühnenformat wie „Watch Me Fail“ hat es in Marburg bisher nicht gegeben. Romy Lehmann, am Hessischen Landestheater „Botschafterin für Kollaboration und ­Unsinniges“, versucht, im beschaulichen Marburg eine Art Late Night Show zu etablieren. So weckt „Watch Me Fail“ Assoziationen an die skurrilen Auftritte des Berliner Komikers und Entertainers Kurt Krömer. Ton und Sprachduktus sind betont lässig, betont urban.

Sitzkissen, Stühle und einige­ Tische sind vor der quadratischen Bühne drapiert. Das Publikum soll es bequem haben, man kann sich sogar entspannt hinlegen. Auf der Bühne liegt ein alter Teppich. Zwei rustikale Topfpflanzen, unbequem aussehende Designer-Sessel, ein Tisch voller Papiere geben ihr etwas provisorisch Wohnliches. Vier Mikrofone, alle unterschiedlich „gestimmt“, ein Laufband, zwei Leinwände und natürlich die Anlage des DJs runden das Equipment ab. Zeremonienmeisterin Romy Lehmann entert die Bühne in einem recht sportlichen Outfit. Blau-glitzernde kurze Hose, Turnschuhe und über dem schwarzen Shirt ein ebenfalls blau glitzernder Sport-Frack.

Vielversprechende Premiere

Ein Endlos-Band heizt das Publikum an: „High Five, ich schaffe das. Ich ziehe das Geld an, wie ein Magnet. Es geht mir von Tag zu Tag und in jeder Hinsicht immer besser und besser.“ Der Ton für die skurrile Show ist gesetzt.

Wer der Performerin Romy Lehmann beim Scheitern zusehen will, darf aber kein Frühaufsteher sein. 21.33 Uhr geht es los im kleinen Tasch im abgelegenen Theater am Schwanhof. Nachtschwärmer gibt es dort nicht, aus Versehen läuft dort auch niemand vorbei – man muss sich schon ganz bewusst für die Show entscheiden.

Das Landestheater hat Taschen und Aufkleber bedrucken lassen, um das Format bekannt zu machen. Ob es auf Dauer funktioniert, ob Romy Lehmann die Zielgruppe erreicht, wird sich erst in den kommenden Monaten entscheiden. Sie wird einen langen Atem brauchen. Der Auftakt war vielversprechend, aber es war im Grunde auch ein Heimspiel.

Vor dem Klogang bitte melden!

Im Publikum saßen viele Ensemblemitglieder, die die „selbstverständlichen Regeln“ beherzigten, die vorher verteilt wurden und ­unterschrieben werden mussten. Das heißt vor allem: Mitmachen, egal wie. Bei Biermangel unmittelbar Meldung an die Abendleitung machen, sich bei Zwischenfragen nicht melden, sondern einfach reinrufen und „bei Harndrang bitte Handzeichen geben, nicht einfach machen!“ Es kriegt also jeder mit, wenn man mal aufs Klo muss. Es wird auch kommentiert.

Mobile Endgeräte „müssen angeschaltet und auf laut ­gestellt bleiben“. Schließlich sitzt im Publikum die Generation „Smombie“. Die Wortkreation aus Smartphone und Zombie umschreibt Menschen, die sich ohne Handy verloren und nackt fühlen. Bier gibt es auf Zuruf aus dem „Kühli“ von der Bühne. Den Job übernimmt ­Romy Lehmann mit einem ­
Augenzwinkern und dem Verweis, dass „das auch Kohle ­kostet“.

Der DJ hat immer recht

Zwei Sidekicks, wie man sie aus Late-Night-Shows kennt, begleiten sie und das Publikum durch den Abend: Robert Oschmann gibt den Manager und auf der Bühne den coolen Stichwortgeber, wie weiland Manuel Andrack bei Harald Schmidt. Und DJ Plastikmusik steht mit wirrer blonder Plastikperücke hinter seinen Turntables und bespielt das Publikum – je nach Laune – mit Musik, die man im massenkompatiblen Radio eher nicht hört.

Inhaltlich ist alles möglich. Von Tagebucheinträgen, über schräge Witze, Plaudereien, Empathie-Tests. Und wer etwas nicht versteht, egal, ob akustisch oder inhaltlich schreit einfach: „Lauter.“ Hauptsache, man guckt nicht irritiert. Und wer die letzte „Watch Me Fail“-Regel kennt, kommt auch durch den Abend: „Der DJ hat immer recht.“

  • Das nächste „Watch Me Fail“ geht am 27. November über die Bühne. Vielleicht hat sich das Format bis dahin herumgesprochen.

von Uwe Badouin